Deutscher Gewerkschaftsbund

Feminar-Doku | "Deine Finanzen im Blick! So triffst du informierte Entscheidungen in jeder Lebenslage"

In der Ausbildung, kurz vor dem ersten Job oder gerade Mutter geworden? Entscheidungen, die ihr in dieser Zeit im Arbeitsleben und in eurer Partnerschaft trefft, haben nachhaltige Auswirkungen darauf, wie viel Geld ihr im Alter zur Verfügung habt. Doch über Geld, und alle damit verbundenen Herausforderungen, wird selten gesprochen und so kommt es, dass Frauen schließlich mit 49% weniger Rente dastehen. Das müssen wir ändern!

In unserem Feminar „Deine Finanzen im Blick! So triffst du informierte Entscheidungen in jeder Lebenslage“ erklärt Birgit Happel, Expertin in Finanzbildung, welche Konsequenzen eure Entscheidungen haben und wie Rollenbilder und Gesetzeslagen sie beeinflussen. Ihr lernt, wie ihr euren eigenen Umgang mit Geld selbstkritisch beleuchtet und woran ihr seriöse Bildungs- oder Beratungsangebote zum Thema Finanzen erkennt

– denn mit einer guten Finanzbildung könnt ihr euren Lebensweg informiert und selbstbestimmt in die Hand nehmen.

29.06.2022

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FAQ zum Feminar "Deine Finanzen im Blick! So triffst du informierte Entscheidungen in jeder Lebenslage"

I. Überblick - Was beeinflusst meine Finanzen?

  • Erwerbs- & Finanzbiografien

    In den Erwerbs- & Finanzbiografien von Frauen spielt Teilzeitarbeit eine große Rolle. Sie arbeiten seltener als Männer in Vollzeit und verdienen entsprechend weniger. Die Allbright Stiftung hat zum ‚Fact Friday‘ festgestellt: „Das Stresslevel von Ehemännern steigt, wenn die Frau mehr als 40% zum Haushaltseinkommen beiträgt“. Hier begegnen wir veralteten Rollenbildern: Der Mann ist für das Einkommen, die Frau für die Sorgearbeit zuständig. Der Equal Care Day macht auf die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit aufmerksam. Frauen verrichten zu zwei Dritteln unbezahlte Arbeit, und nur zu einem Drittel bezahlte Arbeit, bei Männern ist es umgekehrt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es zwischen Frauen und Männern eine große Lohnlücke gibt, sowie später eine Rentenlücke. Außerdem sind Frauen, deren Erwerbseinkommen nicht reicht, um sich selbst oder ihre Kinder zu versorgen, in einer ungünstigen Machtposition innerhalb einer Ehe oder Partnerschaft. Eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit ist unerlässlich, um diese Lücken zu schließen. Es gibt allerdings auch strukturelle Probleme: Ehegattensplitting und Sozialversicherung von Ehepartnern sind veraltete Konzepte, die die Gleichstellung behindern. Des Weiteren ist die sog. „Männliche Erwerbsbiografie“ der Goldstandard bei Bewerbungsgesprächen: Arbeitgeber*innen wünschen sich keine Brüche und Pausen in der Erwerbsbiografie. Aufgrund von Kinderbetreuung haben Frauen wesentlich häufiger unterbrochene Lebensläufe – und im Schnitt 62% weniger Erwerbseinkommen. So werden Eltern auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Neben der individuellen Finanzplanung sind daher auch strukturelle Umbrüche in der Familienpolitik notwendig.

  • Umgang mit Geld und der Finanzfitness

    Im individuellen Umgang mit Geld und der Finanzfitness ist es wichtig, wie wir im Elternhaus mit Geld sozialisiert wurden, da es in Deutschland keine institutionalisierte Finanzbildung gibt. Man muss daher reflektieren, welche Botschaften und Sprüche man zum Thema Geld gehört hat, und wie das Thema in der Kindheit und Jugend behandelt wurde, um sich anzusehen, welche eigenen Glaubenssätze man entwickelt hat. Es ist sinnvoll, die eigene Geldbiographie zu überprüfen, um den eigenen Typ zu bestimmen: ist man sparsam, oder gibt man gern aus, investiert man, oder ignoriert man das Thema Finanzen lieber? Wer sein Budget nicht im Kopf hat und in der Lage ist, „mentale Konten“ zu führen und zu budgetieren, sollte über ein Haushaltsbuch nachdenken. Grundsätzlich gilt, auch im Sinne der Nachhaltigkeit, ein „Finanzbewusstsein“ zu entwickeln. Am besten nach den Werten „reduce, reuse, recycle“. Beim Anlegen lernen ist das „Magische Dreieck“ wichtig, das die Interaktion von Rentabilität, Sicherheit und Liquidität beschreibt: Beim Bedürfnis, auf größtmögliche Sicherheit zu setzen, leidet die Rendite (Rentabilität) – so auch, wenn man das Bedürfnis hat, jederzeit an sein Geld zu kommen (Liquidität). Umgekehrt: Wenn mir Rendite sehr wichtig ist, muss ich bei Sicherheit und Liquidität Abstriche machen. So kann man aber auch mutmaßen, dass bei überhöhten Renditeversprechen etwas mit der Sicherheit nicht stimmt. Die Schwankungen an der Börse (Volatilität) gilt es auszusitzen – denn diese sind nicht gleichbedeutend mit Verlust, solange man die Nerven behält. Investment-, Aktien- oder ETF-Sparpläne reduzieren den Zeitaufwand und lohnen sich auch schon bei kleinen Beträgen.

    Die drei Stellschrauben für die Finanzsicherheit von Frauen sind Beruf, Biographie und Börse. In Partnerschaften sollten Finanzgespräche frühzeitig geführt werden, nicht erst, wenn eine Schieflage schon aufgetreten ist. Für die Altersvorsorge ist es unerlässlich, früh mit dem investieren anzufangen.

II. Welche Rolle spielen strukturelle Bedingungen?

  • Warum sind gerade Frauen oft wirtschaftlich abhängig? Aktuell liegt die Rentenlücke ja bei 49%?

    Wenn Frauen nur zu einem Drittel bezahlt arbeiten, und zu zwei Dritteln Sorgearbeit verrichten, entsteht eine große Lücke beim Lebenserwerbseinkommen. Dazu können Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit oder verpasste Karrierechancen kommen, die auch mit der überwiegenden Teilzeiterwerbstätigkeit von Müttern zusammenhängt. Hier muss sich mehr verändern: es muss auch möglich sein, in Teilzeit Führungspositionen zu übernehmen und es muss leichter werden, Familie und Beruf zu vereinbaren.

  • Welche Entscheidungen beeinflussen meine eigene Finanzsituation besonders?

    Erst mal natürlich die Berufswahl. Hier herrschen immer noch geschlechtliche Rollenklischees. Dann das Familienmodell: bei gleichgeschlechtlichen Paaren ist der Gender Pay Gap wesentlich geringer, das indiziert eine gerechtere Rollenverteilung. Auch der eigene Umgang mit Geld spielt natürlich eine Rolle. Hier musst du dich rechtzeitig informieren, um die langfristigen Auswirkungen des eigenen „Geld-Typs“ im Blick zu haben.

  • Inwiefern kann ich mein Verhältnis zu Finanzen beeinflussen?

    Vor allem beeinflussen gesellschaftliche Rollenbilder und vorgelebte Modelle unser Verhältnis zu Finanzen. Das bedeutet, dass wir diese ändern müssen. Gesellschaftlich kommen wir vom "Versorger-Model" und sind gerade im sogenannten "Zuverdienst-Modell": früher hatten viele Frauen in Westdeutschland keine Erwerbsarbeit, der Mann war Versorger. Heute erbringen viele Frauen einen finanziellen "Zuverdienst" zum Familieneinkommen, der aber für die Versorgung nicht ausreicht. Die jahrzehntelange finanzielle Abhängigkeit von Frauen hat Spuren hinterlassen. Frauen müssen deshalb systematisch gestärkt werden, um auf eigenen Beinen zu stehen, ihre Erwerbsbiographien müssen gestärkt werden. Der Wunsch nach partnerschaftlicher Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit wird immer größer, das belegen Studien und Umfragen jedes Jahr. Der Wunsch, auch von Vätern, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können, wird größer. Dies müssen Unternehmen ermöglichen. Es muss generell Frauen und Männern ermöglicht werden, erwerbstätig zu sein und Familie zu haben, Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, ohne gravierende finanzielle Einbußen zu haben.

  • Man hat den Eindruck, dass es immer noch bestimmte Rollenbilder bezüglich Finanzen gibt – dass sich Frauen eher zurückhaltend sind und weniger zutrauen. Ist das so?

    Ich möchte da keine Geschlechterstereotype zementieren. Als ich in der finanziellen Bildung anfing, vor 10 Jahren, haben manche Frauen schon gesagt, dass Finanzen nicht ihr Thema seien. Durch vielfältige Angebote und Projekte und auch Finanz-Influencerinnen in den sozialen Medien hat sich das heute geändert. Unsere Sozialisation spielt aber immer noch eine erhebliche Rolle, wie wir an Geld-Themen herangeführt werden hat einen großen Einfluss auf unseren Umgang mit Geld. Viele Frauen wissen heutzutage, dass Geld ein guter Hebel ist. Dadurch ist das Thema positiver besetzt und man setzt sich eher damit auseinander. Damit wird auch dem Tabuthema „über Geld spricht man nicht“ entgegengewirkt.

    Hier müsste aber auch strukturell mehr passieren: das Ehegattensplitting ist ein Problem, zumindest die Steuer-klasse 5, die oft verheiratete gering- oder teilzeitbeschäftigte Frauen haben und die hoch besteuert wird, muss abgeschafft werden. Der mehr verdienende Ehemann ist dann in der Steuerklasse 3, die wesentlich weniger Abzüge hat. So werden ungleiche Einkommen in der Eher noch vergrößert – wenn man dann noch für Kinderbetreuung bezahlen muss, denken sich viele Paare, dass sich die Erwerbsarbeit der geringer beschäftigten Frau für die Familie finanziell gar nicht lohnt. Auch die Minijobs, die durch die Agenda 2010 entstanden sind, werden zum Großteil von Frauen ausgeübt, denen der Sprung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oft nicht gelingt. Minijobs wurden bei ihrer Einführung gerade für Wiedereinsteigerinnen angepriesen, stellten sich aber als eine Sackgasse heraus.

  • Du arbeitest auch als Coach mit verschiedenen Frauen zusammen. Welche Erfahrungen haben diese Frauen mit dem Thema Finanzen gemacht?

    Unter den Frauen, auf die ich treffe, sind viele Wiedereinsteigerinnen. Da kommt es immer stark auf die ursprüngliche Berufswahl und die Länger der Aus-zeit an, sowie auf das Alter. Viele Frauen sind leider immer noch in der Position, von einer Scheidung oder Krankheit oder anderen kritischen Lebensereignissen überrascht zu werden. Es klappt dann natürlich äußerst selten, von heute auf morgen den Minijob hoch zu fahren und Familienernährerin zu sein. Auch wenn der Partner stirbt, ist es oft schwer, beim Arbeitgeber zeitnah die Arbeitszeit zu erhöhen, auch wenn du Alleinerziehend und zwingend auf das Geld angewiesen bist. Es gibt da verschiedene Verantwortungsbereiche: neben der Eigenverantwortung für die finanzielle Vorsorge sind auch Arbeitgeber und die Politik gefordert, in solchen Fällen flexibel und schnell reagieren zu können.

III. Der individuelle Umgang mit Geld

  • Was ist eigentlich eine Geldbiografie?

    Das ist ein Zusammenspiel aus Geld und persönlichen Werten, aus der individuellen Lebensgeschichte heraus betrachtet. Hier ist wichtig, wo wir herkommen und wie sich unsere Biografie entwickelt hat. Hier geht es nicht nur ums Geld, sondern um individuelle Werte: Wenn du dein Budget nicht im Griff hast, heißt das nicht notwendiger Weise, dass du nicht ökonomisch denken kannst. Die Schwierigkeiten können beispielsweise auch durch einer Selbstwert-Problematik bedingt sein. Es kann sein, dass du zu viel Geld ausgibst, um dir Dinge zu kaufen, die dir Trost verschaffen oder schlechte Gefühle lindern, obwohl du weißt, dass dein Budget dafür nicht ausreicht. Es handelt sich hier um einen Bewältigungsmechanismus. Hier lohnt es sich, die eigene Geldbiografie zu entschlüsseln: Welche Geldbotschaften und -sprüche hast du in deinem Leben gehört und verinnerlicht, wie wurde dir der Umgang mit Geld vorgelebt? Diese jahrzehntelang eingeübten Verhaltensweisen müssen dann langsam verändert werden, das geht nicht einfach mit einer Willensentscheidung. Es ist ein Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, der durchlaufen werden muss, und das kostet Zeit. Es ist wichtig, anzufangen dich damit auseinanderzusetzen.

  • Gibt es bestimmte Lebensphasen und Situationen, in denen man besonders auf die finanziellen Konsequenzen seiner Entscheidungen achten muss?

    Auf alle Fälle in der Mutterschaft. Es ist ja in den meisten Familien nicht geplant, dass eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen auftritt (Mann geht arbeiten, Frau kümmert sich um die Kinder und hat finanzielle Einbußen). Hier müssen am besten schon vorher Gespräche über die gerechte Aufteilung der Sorge- und Erwerbsarbeit geführt werden. Wenn du dich schon in der Situation befindest, beispielsweise beim zweiten Kind, solltest du keine Scheu davor haben, auch mal in die Konfrontation mit dem Partner zu gehen und eine gerechte (Sorge- und Erwerbs-)Arbeitsaufteilung einzufordern. Es geht einfach darum, dass Frauen als Bildungsgewinnerinnen (sie sind im Durchschnitt besser ausgebildet als Männer) ihr Potential auch ausschöpfen. Es ist schade, wenn das Potential von Frauen aufgrund von Geschlechterstereotypen und systemischen Ungleichheiten weiter brach liegt. Mutterschaft und Partnerwahl haben starke Auswirkungen auf die Finanzen von Frauen. Es ist unerlässlich, dass beide Partner zu gleichen Teilen Elternzeit nehmen und danach weiterarbeiten, damit beide Erwerbsbiographien nicht zu lange unterbrochen werden. Das Problem liegt hier allerdings nicht nur auf der individuellen Ebene, bei der eigenen Entscheidung für Elternschaft, sondern auch darin, dass es uns so schwer gemacht wird, Familie und Beruf zu vereinen.

    Vor über 10 Jahren habe ich wegen meiner Mutterschaft einen Aufhebungsvertrag bei der Bank, bei der ich da-mals arbeitete, unterzeichnet. Ich war durch das Vorlegen des Aufhebungsvertrags sehr gekränkt, weil ich gute Arbeit geleistet habe. Ich hätte ein Anrecht auf Fortführung meines Teilzeitvertrages gehabt, ich wollte dort aber wegen der Kränkung gar nicht mehr arbeiten und habe deswegen unterschrieben. Die Initiative „ProParents“ hat in den letzten Jahren Befragungen durchgeführt, es zeigt sich, dass Aufhebungsverträge immer noch gängige Praxis sind: es gibt immer noch systemische Diskriminierung gegen Eltern.

    Franziska Schutzbach hat „Die Erschöpfung der Frauen“ geschrieben, ein Buch, dass die Kultur der Selbstoptimierung, in der wir leben, kritisch hinterfragt und viele systemische Probleme aufzeigt. Es ist sehr wichtig, gegen diese systemischen Ungleichheitsstrukturen anzugehen.

  • Was kann man, trotz der Probleme im System, auf individueller Ebene tun? Was ist das wichtigste im Bereich Absicherung, was sollte man auf jeden Fall tun?

    Am wichtigsten ist die private Haftpflichtversicherung! Die solltest du abschließen, sobald du aus dem Elternhaus ausziehst, da dann die Familienversicherung nicht mehr greift. Ich persönlich bin kein großer Fan von Berufsunfähigkeitsversicherungen, da die oft sehr teuer sind, und es im Fall der Inanspruchnahme öfter zu Schwierigkeiten kommt, aber das muss jeder für sich entscheiden.

    Darüber hinaus vier Tipps: Anlegen lernen, einen Notgroschen haben, die Berufsbiographie im Blick behalten und gerechte Partnerschaftlichkeit leben. Ganz konkret brauchst du eine gute Budgetplanung, damit kannst du dir dann den Notgroschen aufbauen. Danach geht es an die mittel- und langfristigen Sparziele. Du kannst auch mit 20 schon verschiedene Finanzziele ansparen, wie z.B. Fortbildungen, ein Zusatzstudium oder ein neues Auto. Langfristig ist das Thema Altersvorsorge wichtig. Am sinnvollsten ist das Prinzip „pay yourself first“: Per Dauerauftrag geht direkt am Anfang des Monats Geld in die mittel- und langfristigen Sparpläne. Am Ende des Monats ist dafür nichts mehr übrig.

  • Wie kann ich vorsorgen, wenn ich Studentin oder Berufseinsteigerin bin und wenig Geld zur Ver-fügung habe?

    Sobald du sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, hast du ein Anrecht auf vermögenswirksame Leistungen also auch wenn du während des Studiums teilzeitbeschäftigt bist; mit vermögenswirksamen Leistungen kannst du auch sehr gut ETFs besparen. Die vermögenswirksamen Leistungen in Bausparverträge zu stecken machte in den letzten Jahren wenig Sinn, weil es keine Zinsen gab und die Kosten für Bausparverträge zu hoch waren. Langsam steigen die Zinsen wieder, da musst du abwarten, wie der Finanzmarkt sich weiter entwickelt. Eine betriebliche Altersvorsorge ist auch eine gute Idee, hier haben Arbeitgeber oft Sonderkonditionen für ihre Beschäftigten ausgehandelt. Das macht allerdings nur Sinn, wenn du vorhast, länger bei dem Arbeitgeber zu bleiben. Als Studentin kann man versuchen, zumindest 10 oder 20€ monatlich in einen Investment-Sparplan einzuzahlen. Es macht einen Unterschied, wann du mit dem Sparen anfängst, je früher desto besser. Du kannst nicht unbedingt warten, bis finanziell alles in trockenen Tüchern ist, bevor du anfängst zu sparen. Zusammen mit einer Haftpflichtversicherung bist du dann schon mal gut aufgestellt.

  • Gibt es konkrete Tipps für den Börseneinstieg?

    Das eigene Sicherheitsbedürfnis gegen die Renditeerwartungen abwiegen, und mit kleinen Beträgen starten. Wenn du das Investment breit streust, beispielsweise durch ETFs, hast du automatisch eine Risiko-Minimierung im De-pot. Gerne kannst du dich bei der Verbraucherzentrale informieren oder auf der Seite www.finanztip.de. Die Ver-braucherzentralen geben eher einen Überblick über Produktklassen, können Vor- und Nachteile darlegen, für kon-krete Empfehlungen von beispielsweise ETFs solltest du eher Produkttest-Hefte konsultieren, wie z.B. von der Stiftung Warentest, oder finanztip.

  • Ist gerade ein guter Zeitpunkt, um zu investieren? Oder ist es zu unsicher, Aufgrund der Krisensituationen?

    Im Vergleich zur Pandemie gab es Aufgrund des Ukraine-Kriegs nur einen kleinen Crash an der Börse. Rohölpreise sind fast wieder auf dem gleichen Niveau wie vor dem Krieg. Mit großen Einmal-Investitionen wäre ich zur Zeit vorsichtig, aber einen Sparplan für z.B. 50€ kannst du jederzeit starten. Wenn der Kurs dann sinkt, bekommst du bei einem automatischen monatlichen Sparplan dann ja mehr Anteile für dein Geld und machst dann, mit Geduld, bei wieder steigenden Kursen mehr Gewinn. Den besten Zeitpunkt, um zu investieren, gibt es nicht.

  • Wie gelingt eine gerechte finanzielle Aufstellung in der Partnerschaft?

    Das drei-Konten-Modell wird häufig empfohlen, pro Partner ein eigenes Girokonto und eines für gemeinsame Ausgaben. Wenn Frauen länger die Erwerbsarbeit unterbrechen und unbezahlte Sorgearbeit übernehmen, sollten sie sich diese Zeiten kompensieren lassen – keinesfalls die eigenen Sparpläne stoppen und im Zweifelsfall vom Partner weiter besparen lassen, oder Zusatzbeiträge zur eigenen Rentenvorsorge für die Dauer der Eltern- oder Erziehungs-/Pflegezeit vom gemeinsamen Konto oder vom Konto des Partners zahlen. Damit kompensierst du dann zumindest die Ausfälle in der Altersvorsorge. Wenn du früh anfängst, dir ein eigenes Depot aufzubauen, hast du in möglichen Zeiten finanzieller Abhängigkeit zumindest noch diese finanzielle Rücklage.

  • Was sind Rentenpunkte, und wie sehr fallen sie ins Gewicht?

    Rentenpunkte erwerben wir während des Arbeitslebens und auch durch Elternschaft: für jedes Kind gibt es drei Rentenpunkte, das sind jeweils ungefähr 100€ Rente. Ein Rentenpunkt hat aktuell einen Wert von 35€. Das Bun-desministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet einen Wiedereinstiegsrechner, dort kann man die Stundenzahl des Teilzeit-Einstiegs in Relation zu den Rentenpunkten ausrechnen.

IV. Finanzielle Bildung

  • Wo kann ich mich über Angebote zur finanziellen Bildung informieren?

    Finanzblogger*innen auf sozialen Netzwerken bieten heutzutage viele gute und auch kostenlose Inhalte an. Dort ist es wichtig, immer mal ins Impressum zu schauen, um keinen perfiden Angeboten ins Netz zu gehen: Häufig machen Strukturvertriebe (unabhängige Finanzberater*innen, die auf Vertragsabschlüsse Provisionen bekommen) Werbung auf Instagram für kostenlose Finanzbildung. Im Nachhinein wird dann manchmal Druck aufgebaut, an Bezahl-Angeboten oder teuren ‚Master-Classes‘ teilzunehmen. Da sind die Verbraucherzentralen die bessere Option (Verbraucherzentrale Bund, Stiftung Warentest, Finanztest), diese bieten auch gute und informative Videos zum Thema. Wenn dich Nachhaltigkeit interessiert: die Seite www.geld-bewegt.de wird auch von den Verbraucherzentralen bespielt und stellt dar, wie man ethisch-ökologisch anlegen kann und was Banken mit deinem Geld machen.

  • Bietest du nicht auch selbst Finanzcoaching an?

    Ja, über meine Plattform Geldbiografien® biete ich Coaching und Finanzbildungsangebote für Unternehmen, Institutionen, Bildungseinrichtungen und Einzelpersonen an. Ich bin auch Trainerin für Verbraucherbildung Bayern, freie Referentin des Beratungsdienstes Geld und Haushalt des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. und engagiere mich als Vorständin des "Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz" mit dem Ziel, niedrigschwellig Finanzbildung für alle gesellschaftlichen Gruppen anzubieten. Mir ist es wichtig, auch mit Vereinen und Behörden zusammenzuarbeiten und kostenfreie Angebote anzubieten.

  • Wie kann man gute von schlechten Finanzbildungsangeboten unterscheiden?

    Es gibt Anbieter, die machen nur Finanzbildung, und es gibt solche, die beispielsweise mit einem Finanzbot arbeiten. Dort ist Transparenz wichtig: Steht auf der Homepage, dass man gleich zum automatisierten Finanzberater weitergeleitet wird? Problematisch ist immer, wenn mit der Angst von Kund*innen gespielt wird, wenn Zeitdruck aufgebaut wird oder wenn nur mit Affiliate-Links gearbeitet wird. Du solltest dir gut anschauen, wer Träger des Bildungsangebots ist, ob es eine versteckte Agenda gibt. Wenn du ins Impressum schaust, kannst du sehen ob der Träger privatwirtschaftlich oder gemeinnützig ist. Überzogene Renditeversprechen, also das Verspechen, mit einer Investition richtig viel Geld zu verdienen, im Moment gerade im Bereich der Kyptowährung, sollten dich auch stutzig machen. Bei einem Zinsniveau von Null oder im negativen Bereich ist es auffällig, wenn dir eine garantierte Rendite von 8% versprochen wird. Im langfristigen Verlauf des Aktienmarktes, in den letzten 30-40 Jahren, gibt es tatsächlich eine Rendite von 6-8%, das kann aber nicht zwangsläufig in die Zukunft fortgeschrieben werden, gerade in der momentanen geopolitischen Situation. Gerade die Corona-Pandemie wird noch langfristige Folgen haben. „Geheimtipps“ gibt es nicht: du musst deine eigene Risiko-Tragfähigkeit einschätzen können, es kann immer mal sein, dass du mit einer Anlageform mal Verlust machst.

V. Tipps für die Altersvorsorge von DGB Rentenexperte Ingo Schäfer

  • warum sollten sich gerade Frauen mit ihrer Berufswahl und Rente auseinandersetzen?

    Das was wir als Rente bezeichnen, ist ja im Grunde eine Lohnersatzleistung. Das bedeutet, wer wirtschaftlich abhängig ist und keinen Lohn bekommt, erwirbt auch keinen Anspruch auf Lohnersatzleistungen. Das bedeutet, das Modell, als Frau für die Familie zurückzustecken, selbst nicht arbeiten zu gehen, oder keinen gut bezahlten Beruf zu wählen, zahlt sich beim Renteneintritt überhaupt nicht aus. Jemand, der viele Mietwohnungen oder Aktien besitzt, muss sich darum vielleicht keine Sorgen machen – die meisten von uns aber schon. Die allermeisten Menschen leben im Ruhestand nicht von Kapitaleinkünften, sondern von ihrem im Arbeitsleben erworbenen Rentenanspruch. Wenn Frauen nicht arbeiten gehen, haben sie erstmal auch keinen Rentenanspruch. Auch die Berufswahl ist wichtig: Je nach Beruf hast du unterschiedliche Lohnniveaus und unterschiedliche Aufstiegsmöglichkeiten. Je mehr Qualifikationen du in deinem Berufsleben erwirbst, desto mehr Auswahl hast du letztendlich in deinem Berufsfeld, und es ist leichter, an besser bezahlte Stellen zu kommen. Durch häufige und lange Auszeiten fehlen oft diese Weiterbildungen und Qualifikationen.

    Wenn Frauen aus Rücksicht auf die Familie, oder um Kinderbetreuung leisten zu können, jahrelang nur in Minijobs oder als Aushilfen tätig sind, verfällt auch irgendwann ihre ursprüngliche Qualifikation und auch ein weit zurück liegendes Studium in den Augen der Arbeitgeber. Die Qualifikationen, die du in der unbezahlten Sorge- oder Pflegearbeit erwirbst, werden in Deutschland leider wenig nachgefragt und überhaupt nicht gut bezahlt.

  • Wann muss ich idealer Weise beginnen, mich um eine eigene Altersvorsorge zu kümmern, wenn die Rente nicht ausreicht?

    Grundsätzlich gilt, je länger du Beiträge bezahlst, und je höher die Beiträge sind, desto mehr bekommst du am Ende. Dabei gibt es natürlich Schwierigkeiten: wenn du ein Haus bauen möchtest, musst du dafür einen Kredit aufnehmen. Wenn du aber alles, was netto übrigbleibt, in eine private Altersvorsorge steckst, kannst du dir keinen Kredit mehr leisten. Da muss man abwägen: wann du mit dem Alterssparen anfängst, hängt auch immer davon ab, was du heute für Bedürfnisse hast (wie z.B. Hauskauf oder -bau). Du darfst das Thema nur nicht aus den Augen verlieren. Es ist nachvollziehbar, dass du dir mit 20 noch keine Gedanken um die Rente machen willst – trotzdem wäre es sinnvoll, dann schon klein anzufangen. Sobald du dann sozialversicherungspflichtig angestellt bist, erwirbst du ja Rentenansprüche und hast eventuell auch eine Betriebsrente.

  • Wie komme ich denn an eine Betriebsrente?

    Die betriebliche Altersvorsorge ist ein vielfältiges System. Traditionell bieten Arbeitgeber ihren langjährigen Ange-stellten eigene Lohnersatzleistungen, wenn sie bis zur Rente bei ihnen bleiben. Diese Form der Betriebsrente gab es sogar schon vor der gesetzlichen Rentenversicherung. Heutzutage funktioniert das System oft über Versicherungen, die über den Arbeitgeber zu Sonderkonditionen abgeschlossen werden. Die individuellen Leistungen sind sehr unterschiedlich, aber ein gesetzlicher Anspruch auf eine Betriebsrente existiert. Es ist allerdings nicht immer eine kluge Lösung: wenn es in deinem Job keinen Tarifvertrag gibt, existieren meistens auch nur Direktversicherungs-Angebote, das sind dann keine anderen Angebote als dass, was wir unter Riester-Rente kennen, die dann häufig mit hohen Kosten verbunden sind. In Betrieben ohne Tarifvertrag und ohne Mitbestimmungsstrukturen sucht der Arbeitgeber das Versicherungsprodukt aus, was zur Verfügung steht – das ist oftmals nicht das individuell beste Angebot. Du hast also einen Anspruch auf eine Betriebsrente, kannst dir aber das Produkt und die Bedingungen nicht aussuchen. In dem Fall solltest du dich extern zur Qualität des Produkts beraten lassen, bevor du einen Vertrag unterschreibst.

    Wenn Gewerkschaften Tarifverträge machen, kommt es hingegen häufig vor, dass der Arbeitgeber einen großen Anteil der betrieblichen Rentenvorsorge bezahlt, oder diese sogar alleine zahlt, und du dir aussuchen kannst, ob du auch einzahlst. Das ist dann effektiv wie eine Lohnerhöhung.

  • Wo kann ich mich generell gut über Altersvorsorge informieren?

    Bei den gesetzlichen Rentenversicherungen kannst du dich allgemein gut informieren, über Rente aber auch über geförderte Rentenprodukte wie Betriebsrenten oder Riester-Rentensysteme. Ich nehme noch mal Bezug auf die Frage, woran man ein gutes Produkt erkennen kann: Wenn dir jemand was verkaufen will, hat diese Person das Interesse, daran zu verdienen, und nicht unbedingt dein bestes Interesse im Blick. Die besten Berater*innen sind solche, die nur informieren, und keine Verträge abschließen wollen – die lassen dich am Ende dann mit der Entscheidung allein, was auch wieder ein bisschen herausfordernd sein kann.

    Wenn es um Pflege, Elternzeit und solche Themen geht, kann man sich an die Versichertenältesten wenden: das sind unabhängige ehrenamtliche Berater im ganzen Bundesgebiet die durch die Sozialwahl von Gewerkschaftslisten gewählt werden. Die Beratung ist kostenlos. Sie beraten zu allen Fragen der gesetzlichen Rentenversicherung und helfen auch bei der Rentenantragsstellung.

    Es kann jederzeit passieren, dass die Rentenversicherung zur Kontenklärung auffordert, das bedeutet, dass man Auskünfte zu Lücken im Erwerbsleben geben muss. Es macht Sinn, so etwas frühzeitig und freiwillig zu machen, denn alles was die Rentenversicherung schon weiß, muss bei Rentenantritt nicht mehr bewiesen werden – und, wenn mal Unterlagen verloren gehen sollte, sind sie trotzdem bei der Rentenversicherung gespeichert.

    Nach regelmäßigen Beiträgen schickt die gesetzliche Rentenversicherung jährlich eine einseitige Übersicht über den Versicherungsstand. Dort steht, wieviel du bekämst, wenn du jetzt in Rente gehen würdest, und welche Rente du erwarten kannst, wenn du auf dem jetzigen Lohnniveau bis zum Renteneintritt weiterarbeiten würdest. Diese Beträge entsprechen den heutigen Werten, während die Auskünfte der privaten Rentenversicherungen mit zukünftigen Zinsen kalkulieren – beide Versorger rechnen völlig unterschiedlich, das musst du wissen, bevor du die Beträge vergleichen kannst. Diese Vergleiche werden von Verbraucherzentralen für eine geringe Gebühr vorgenommen, wenn du dich tiefgehender informieren möchtest. Einen Rentenversicherungsvertrag zu unterschreiben, ist eine Lebensentscheidung. Du zahlst dort ein bis zur Rente, und du möchtest Rente bis zum Ende deines Lebens. Du solltest daher darüber nachdenken, ob es sich nicht lohnt, für eine gute Finanzberatung auch ein wenig Geld zu investieren, es ist nämlich nicht sinnvoll, alle paar Jahre einen neuen Rentenvertrag abzuschließen, denn du zahlst jedes Mal Abschlussgebühren. Du solltest beim Abschluss einer privaten Rentenversicherung nicht überstürzt und unüberlegt handeln, sondern dich gut beraten lassen.

Unsere Expertin: Birgit Happel

Referentin für Finanzbildung und finanzielle Gleichstellung und Gründerin von Geldbiografien®

Birgit Happel

Alexandria Singler

Dr. Birgit Happel ist Referentin für Finanzbildung und finanzielle Gleichstellung und Gründerin von Geldbiografien®. Sie befasst sich u.a. mit den Fragen "Wie können Frauen ihre Erwerbs- und Finanzbiografien stärken?" oder "Wie funktioniert gute Finanzbildung und wo liegen ihre Grenzen" Sie studierte in Frankfurt und Singapur Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre und promovierte zum Umgang mit Geld. Als Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit Chancengleichheit, Verbraucherpolitik und Finanzpsychologie. Ihren Blick für das Thema Geld und Lebensgeschichte schärfte sie in der Wertpapierberatung einer Bank, bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema und bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Singapur. Als BNE Akteurin und Mitglied von UN Women Deutschland teilt sie ihre Leidenschaft für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und unterstützt die 17 Nachhaltigkeitsziele. Im Vorstand des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz engagiert sie sich für die Stärkung und Professionalisierung der Finanziellen Bildung, soziale Gerechtigkeit und die Prävention von Frauenarmut.

Webinar-Partner: Ingo Schäfer, Rentenexperte vom DGB

Ingo Schäfer

DGB/Ingo Schäfer

Ingo Schäfer arbeitet beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und weiß, warum Alterssicherung besonders ein Thema für Frauen ist. Er wird uns verraten, wie man den „Rentensinkflug“ stoppt und warum es wichtig ist sich einer Gewerkschaft anzuschließen.

Schon seit mehr als elf Jahren beschäftigt er sich beruflich mit dem Thema Rente und Alterssicherung und hat hierzu bereits einiges publiziert. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 2011 auch in der Selbstverwaltung der Deutschen Rentenversicherung. Unter anderem hilft er den Versicherten dort als Berater bei ihrem Rentenantrag und bei ihren Fragen zur Rente.

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