Deutscher Gewerkschaftsbund

10.02.2021

Finanziell unabhängig durchs Praktikum? Wir sagen wie es geht!

Viele Praktikant*innen machen sich Sorgen über ihre finanzielle Situation im Praktikum. Kein Wunder – Praktika sind oft unter- oder unbezahlt. Welche Möglichkeiten du hast auch während eines Praktikums finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, erfährst du hier.

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DGB / pexels.com / Andrea Piacquadio

Um Praktika kommt man in der heutigen Arbeitswelt in den meisten Branchen nicht herum. Besonders nicht als Berufseinsteiger*in. Einerseits bilden Praktika einen ersten wichtigen Anknüpfungspunkt beim Einstieg in die Arbeitswelt (nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums). Sie bieten jungen Menschen die Chance, ihre theoretischen Kenntnisse aus dem Studium in die Praxis umzusehen, Erfahrungen zu sammeln und nicht zuletzt herauszufinden, wohin die (berufliche) Reise eigentlich gehen soll. Andererseits werden Praktikant*innen oft schlecht oder gar nicht entlohnt oder als preiswerte Arbeitskräfte eingesetzt, die stupide Arbeit erledigen müssen und vergeblich darauf hoffen, nach dem Praktikum übernommen zu werden.

Deshalb ist es wichtig, dass du dich vorher genau über deine Rechte im Praktikum und Finanzierungsmöglichkeiten informierst. Aber was für Arten von Praktika gibt es eigentlich?

Praktikum ist nicht gleich Praktikum – Welche Unterschiede gibt es?

Pflichtpraktikum  

Hierbei handelt es sich um Praktika, die verbindlich in deine schulische oder akademische Ausbildung integriert sind. Du absolvierst das Praktikum hier sozusagen "im Auftrag" der Schule, Universität oder Berufsausbildung und erhältst dafür z. B. Studienpunkte ("Credit Points"). Sie dienen in der Regel dazu, theoretische Grundlagen praktisch anzuwenden und zu vertiefen. Es kann während oder nach dem Studium / der Ausbildung absolviert werden und sollte fachlich zur Richtung deiner (akademischen) Ausbildung passen.

Die Mindest-Dauer eines Pflichtpraktikums ist meistens in deiner Studienordnung festgehalten.

Freiwilliges Praktikum

Natürlich kannst du auch freiwillig ein Praktikum absolvieren, auch wenn dieses nicht in deiner Studienordnung vorgeschrieben ist. Während eines freiwilligen Praktikums giltst als Arbeitnehmer*in und hast bestimmte Rechten und Pflichten. Bei dieser Art des Praktikums bist du an keinerlei Vorgaben oder Zeiträume gebunden - aber beachte: viele Unternehmen und Organisationen bieten keine Praktika für nur wenige Wochen an. Erkundige dich vorab, welche Möglichkeiten es für dein freiwilliges Praktikum gibt.

Vorpraktikum

Bei einigen Studienfächern (z. B. im sozialen oder medialen Bereich) ist oft durch die Universität vorgeschrieben, schon vor Antritt des Studiums ein sogenanntes "Vorpraktikum" zu absolvieren.  Da die Anforderungen und die Dauer oft variieren, solltest du dich im Vorfeld auf der Homepage der Uni und der Fakultät informieren und die Zeit vor Start deines Studiums / deiner Ausbildung rechtzeitig einplanen.

Manche Arbeitgeber*innen bieten ausschließlich Praktika ab einer bestimmten Dauer an oder nur für Menschen , die laut Studium / Ausbildung "verpflichtet" sind, ein Praktikum zu machen. Informiere dich also bei deiner Wunsch-Praktikumsstelle, ob und wie lange du dort ein Praktikum machen kannst.

Deine wirtschaftliche Unabhängigkeit während des Praktikums 

Oft wird erwartet, das Praktikant*innen während ihres Praktikums in Vollzeit anwesend sind. Dies verstärkt die oft schon angespannte, finanzielle Situation vieler Student*innen: sie können ihren "Nebenjobs", in denen sie sonst Geld verdienen, oft nicht mehr nachgehen. Viele sind daher abhägig von ihren Eltern, von Partner*innen oder anderen Geldgeber*innen. Sich im Praktikum finanziell über Wasser zu halten ist also gar nicht so einfach.

Aber es gibt doch den Mindestlohn?!

Ja ... und nein. Der Mindestlohn gilt grundsätzlich für Arbeitnehmer*innen ab 18 Jahren - und damit auch für Praktikant*innen. Jedoch nicht für alle. Den Mindestlohn erhältst du nur dann, wenn dein Praktikum länger als drei Monate dauert. Handelt es sich um ein Pflichtpraktikum, das von Schule, Ausbildungseinrichtung oder Hochschule vorgeschrieben ist, hast du als Praktikant*in ebenfalls keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Dasselbe gilt für ein Praktikum im Rahmen einer Berufsausbildungsvorbereitung oder in einer betrieblichen Einstiegsqualifizierung. Unfair? Auf jeden Fall!

Fünf Möglichkeiten der Praktikumsfinanzierung

1. Finanzierung über das Praktikum

Die einfachste Lösung für die Sicherung deiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit auch im Praktikum ist eine ausreichende Praktikumsvergütung, die dir der Arbeitgeber auszahlt und von der du in der Zeit leben kannst. Trau dich ruhig bei deiner Einstellung nach einer Bezahlung zu fragen. Auch bei einem Pflichtpraktikum sollten Praktikumsgeber ihre Praktikant*innen vergüten. Auf Druck der Gewerkschaften konnte erreicht werden, dass du in deinem Praktikum jetzt mehr Rechte hast - zum Beispiel auf einen schriftlichen Praktikumsvertrag (laut Nachweisgesetz). Darin kann z. B. auch eine Vergütung festgehalten werden.

2. Finanzierung über BAföG oder ein Stipendium

Weil viele Praktika unbezahlt sind, kann z. B. der BAföG-Höchstsatz ein Mindesteinkommen während des Praktikums gewährleisten. Liegt dein Anspruch unter dem Höchstsatz, hast du dennoch ein Anrecht auf zusätzliche Finanzierung, vor allem dann, wenn du nicht bei deinen Eltern wohnst, kein Kindergeld erhältst oder über dein Praktikum keine Wohnkostenpauschale bekommst. Erhältst du im Praktikum eine Vergütung, so beeinflusst dein Einkommen die Höhe des BAföG-Satzes. Wirst du während deines Studiums durch ein Stipendium gefördert, so bricht diese Förderung bei einem Praktikum meistens nicht ab.

Auf der Suche nach dem passenden Stipendium? Über die interaktive Plattform  "Stipendienlotse" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) kannst du anhand deiner Wunschkriterien das geeignete Stipendium finden. Die umfassende Stipendiendatenbank lässt sich nach vielen verschiedenen Kriterien, wie zum Beispiel Ausbildungsphasen, Studienfächern oder Zielregionen, filtern. Hier erfährst du mehr dazu: www.stipendienlotse.de

3. Finanzierung über verschiedene Einkünfte

Falls du keinen Anspruch auf BAföG hast und eine Unterstützung von den Eltern (oder anderen Geldgeber*innen) nicht möglich ist kannst du den*die Praktikumsgeber*in auch nach einer Reduzierung deiner Arbeitszeit im Praktikum bitten, um z. B. einem Nebenjob nachgehen zu können. Es gibt auch die Möglichkeit, einen Bildungskredit zu beantragen, der dir unabhängig von deinem BAföG-Anspruch oder dem Einkommen deiner Eltern gewährt werden kann.

ACHTUNG!

Die Leistungen können vom Arbeitsamt auch (ganz) gekürzt werden, mit der Begründung, dass man dem Arbeitsmarkt während eines Praktikums nicht zur Verfügung steht.

Genehmigt der Leistungsträger das Praktikum nicht und du absolvierst es trotzdem, machst du dich strafbar.

4. Finanzierung über Sozialleistungen

Hast du fertig studiert und landest wie viele Absolvent*innen erst einmal in einem Praktikum, kannst du bei wenigem bis gar keinem Verdienst Arbeitslosengeld II beantragen. Bei unbezahlten Praktika zahlt das Arbeitsamt meist die volle Leistung, wenn es der sogenannten Eignungsfeststellung oder dem Erwerb neuer Fähigkeiten dient. Aber Achtung, das Ganze hat leider einen Haken: die Arbeitsagentur unterstützt finanziell gerade einmal zweiwöchige Praktika. Viele Unternehmen suchen aber eher langfristige Praktikant*innen für drei bis sechs Monate. Kläre mit deine*m Sachbearbeiter*in genau ab, welche Aufgaben du im Praktikum hast und welchen Nutzen es für den Berufseinstieg birgt. Ein Maßnahmenvertrag zwischen Leistungsträger (Arbeitsagentur) und Arbeitgeber*in kann dann auch für einen längeren Zeitraum finanzielle Unterstützung gewährleisten. HAst du nach dem Studium einen Praktikumsplatz, dessen Vergütung zumindest den allgemeinen Lebensunterhalt (Wohnung ausgenommen) sichern kann, dann kannst du für die Finanzierung deiner Wohnung Wohngeld beantragen.

5. Finanzierung im Ausland - Auslands-BAföG

Planst du ein Auslandspraktikum, das über drei Monate angesetzt und ein Pflichtpraktikum ist, kannst du eine finanzielle Unterstützung über das Auslands-BAföG beantragen. Da in manchen Ländern die Lebenserhaltungskosten höher liegen als in Deutschland, können auch Personen gefördert werden, die in Deutschland keinen Anspruch auf BAföG haben.

Wie weiter?

Grundsätzlich dient ein Praktikum in erster Linie dem Bildungszweck, also dem Ziel berufliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen zu erwerben und Neues dazu zu lernen. Die DGB Gewerkschaften haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass der Lerncharakter deines Praktikums im Gesetz verankert ist. Du sollst keine reguläre Arbeitskraft ersetz.

Jungen Menschen sollten deshalb finanziell soweit unterstützt werden, dass sie in dieser Zeit nicht noch nebenher jobben oder einen Kredit aufnehmen müssen. Die DGB-Jugend fordert deshalb, dass für Pflichtpraktika mindestens der BAföG-Höchstsatz vom Arbeitgeber bezahlt werden soll. Sie setzt sich außerdem dafür ein, dass für freiwillige Praktika ab dem ersten Tag der gesetzliche Mindestlohn gilt. Nur dadurch ist es möglich, dass junge Frauen auf ihrem Weg in den Beruf gestärkt werden und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit bereits früh aufbauen können.

 

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