Deutscher Gewerkschaftsbund

18.02.2021

Warum arbeiten gerade Frauen oft in Teilzeit?

In Deutschland arbeiten rund 30 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Zwischen den Geschlechtern herrscht hier eine klar Verteilung, wer wie viel arbeitet. So gut wie jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, aber nur jeder zehnte Mann. Und längst nicht alle sind zufrieden damit!

 

Wecker

DGB/Oleg Dudko/123rf.com

In Teilzeit zu arbeiten kann viele Vorteile mit sich bringen: Mehr Zeit für das liebste Hobby, ein Ehrenamt - oder in den meisten Fällen: mehr Zeit für die Familie.

Warum arbeiten gerade Frauen oft in Teilzeit?

Jede zweite Frau, 47,9 Prozent, arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern ist es knapp jeder Zehnte: 11,2 Prozent. Die Gründe für eine Reduzierung der Stunden sind vielfältig, ein großer Teil der Teilzeitbeschäftigten arbeitet jedoch aus familiären Gründen in Teilzeit: 2018 nannten 23,6 Prozent die Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen als Grund für die Teilzeitbeschäftigung, 14,4 Prozent sonstige familiäre Verpflichtungen – zusammen also 38 Prozent.

Frauen sind demnach (immer noch) für die Kinderbetreuung und die Pflege von Familienmitgliedern zuständig – ob von Frauen gewünscht oder nicht, das alte Rollenbild hält sich hartnäckig. 2018 nannten 45,8 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen familiäre Verpflichtungen als Grund, bei den Männern waren es lediglich 10,3 Prozent. 

Übrigens: Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen auch, dass 9,5 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten in Deutschland gern mehr Stunden arbeiten würden und dafür auch verfügbar wären.

Das Private ist politisch

Der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zeigt: das derzeit in Deutschland vorherrschende Familienmodell ist das sogenannte „Zuverdienstmodell“: eine Person (meistens der Mann) ist Familienernährer(in) und arbeitet in Vollzeit, während die andere Person (meistens die Frau) in Teilzeit arbeitet und „hinzu“ verdient. Die Mehrheit (60%) aller Paare lebten in dieser Konstellation. Dieses Modell führt schnell zu einer Benachteiligung von Frauen im Beruf, da diese - wie oben beschrieben - oft in einer Teilzeitbeschäftigung bleiben und finanziell nicht oder nur schlecht vorsorgen können. Außerdem bedeutet es für die Frauen eine große Doppelbelastung, weil der Großteil der Haus- und Sorgearbeit neben der Teilzeit-Erwerbstätigkeit weiterhin hauptsächlich von ihnen geleistet wird. Und obwohl viele Männer gern mehr Verantwortung im familiären Umfeld überneh-men möchten, schrecken sie doch vor den negativen Konsequenzen einer Arbeitszeitreduzierung zurück. So bleiben beide Geschlechter im Status quo gefangen.

Hürden auf politischer Ebene

Das (zwar modernisierte) Modell der Familienernährer-Ehe, in welcher der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeitet, wird auf politischer Ebene durch steuerpolitische Fehlanreize gestärkt. Die Aufteilung der Lohnsteuerklassen, Minijobs und insbesondere das Ehegattensplitting tragen dazu bei, die wirtschaftliche Position von Frauen zu schwächen und sie dadurch eher dazu zu ermutigen, nur einer Teilzeittätigkeit nachzugehen. Auch dass flächendeckende Kita-Plätze und eine Kinderbetreuung außerhalb der Kernzeiten oft fehlen, trägt dazu bei, dass gerade Frauen im Job kürzer treten.

Veraltete Bilder in den Betrieben

Auch alleinstehenden Frauen stehen einige Hürden im Weg, wenn sie eine Vollzeittätigkeit anstreben. Alte Rollenbilder, die vorherrschende Teilzeit in frauendominierten Berufen und die womöglich von Arbeitgeber*innen „befürchtete“ Familiengründung halten (junge) Frauen, ob Mütter oder nicht, von einer Vollzeittätigkeit ab – und damit auch zum Teil von ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Ein Gespräch mit dem Betriebsrat oder der zuständigen Gewerkschaft ist in solchen Fällen mehr als ratsam, denn alle Arbeitgebe*inner müssen sich an das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) halten.

 

Das AGG – Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz – beschreibt Benachteiligungen aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität als unzulässig (§1 und §2 AGG).

Rollenbilder in Familie, Freundeskreis und Partnerschaft

Neben politischen und betrieblichen Rahmenbedingungen, die Frauen eine Vollzeittätigkeit schwer zugänglich machen, können auch im Privatleben Akteur*innen auftreten, die zur „Teilzeitfalle“ beisteuern. Stereotype und Rollenzuschreibungen gibt es auch heute noch. Dadurch entstehen Bilder wie die der „Rabenmütter“, die lieber zur Arbeit gehen als sich (in dieser Zeit) mit den Kindern zu beschäftigen oder „Karrierefrauen“, die grundsätzlich abgeklärt und gefühlskalt sind.

Was muss getan werden?

Es gilt also, auf allen Ebenen entgegenzuwirken. Politik, Betriebe und Partnerschaft müssen zusammenspielen, um unfreiwillige Teilzeit nicht mehr an das Geschlecht zu koppeln.

Ein rascher Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen, die Abschaffung von Minijobs bzw. deren Wandlung in sozialversicherungspflichtige Stellen und die Abschaffung steuerpolitischer Fehlanreize sind erste Lösungsansätze auf politischer Ebene.

Auch die Gewerkschaften müssen sich konsequent dafür einsetzen, unfreiwillige Teilzeit gerade von Frauen abzuschaffen – erste Schritte sind erreicht, es gibt aber noch einiges zu tun. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die gendersensible Schulung von Betriebs- und Personalräten, um in ihrer als Interessenvertretungen Frauen zu unterstützen, die Wochenarbeitszeit zu erreichen, die sie arbeiten möchten.

Und wie immer ist auch das Private politisch, denn hier wird entschieden, wie Männer und Frauen sich Arbeit aufteilen. Wie eine gerechte Verteilung dieser aussehen kann? Zum Beispiel kann eine partnerschaftlichen Arbeitsteilung (in Bezug auf Erwerbs- und Sorgearbeit), reduzieren beide Partner*innen ihre Erwerbsarbeit auf 30 bis 35 Wochenstunden und übernehmen die Hausarbeit zu gleichen Teillen, zusätzlich wird z. B. Kinderbetreuung in einer Kita in Anspruch genommen.