Deutscher Gewerkschaftsbund

18.05.2021

Wie sich Digitalisierung auf Gleichberechtigung auswirkt

Eins ist klar: Die Digitalisierung verändert Gesellschaft und Arbeitswelten grundlegend. Dass dies auch die Geschlechterverhältnisse betrifft, wird in vielen Debatten meist ausgeblendet. Es muss also dringend mehr darüber diskutiert werden, wie sich die digitale Transformation auf Gleichstellung auswirkt - stellt sie eher Chance oder eher Risiko dar?

Frau mit Smartphone fotografiert beim DGB-Digitalisierungskongress 2015 ein Graphic Recording Poster

DGB/Simone M. Neumann

Durch Digitalisierung zu mehr Gleichstellung?!

Frauen und Männer sind gleichberechtigt - so steht es im Grundgesetz. Dass das leider (noch) nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, kann z. B. an den vielen Gender Gaps festgemacht werden: Frauen übernehmen durchschnittlich mehr als doppelt so viel Arbeit in Haushalt und Familie wie Männer, arbeiten häufiger in Teilzeit und verdienen auch 2021 im Schnitt noch 18 Prozent weniger als Männer. Und: Sie sind wesentlich seltener an der Gestaltung und Entwicklung von digitalen Technologien beteiligt und nutzen diese anders als Männer. Andersherum haben die Gender Gaps auch Einfluss darauf, wie sich gesellschaftliche Veränderungen - wie die Digitalisierung - auf Frauen auswirken.

Vom Maschinenbau bis zum Einzelhandel oder sozialen Dienstleistungen: Die Digitalisierung hat längst alle Branchen erreicht und auch der Großteil der weiblichen Beschäftigten in Deutschland arbeitet mit digitalen Technologien. Was in Debatten um den „Wegfall“ von Berufen durch Digitalisierung oft vergessen wird: Es sind nicht nur männlich dominierte Branchen (z. B. Produktion, oder Logistik) die von dieser sogenannten „Substituierbarkeit“ betroffen sind, sondern auch frauendominierte Berufsfelder z. B. in der Verwaltung oder in kaufmännischen Bereichen.

Auswirkungen nicht nur in der Arbeitswelt zu beobachten

Hinzu kommt: nicht nur im Bereich der Arbeitswelt (in diesem Zusammenhang wird übrigens oft von Arbeit 4.0 gesprochen) müssen die unterschiedlichen Auswirkungen der Digitalisierung breiter diskutiert werden: Die Intiative D21 hat Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt untersucht und festgestellt, dass Frauen einen „geringeren Digitalisierungsgrad als Männer aufweisen. Das betrifft grundlegende digitale Kompetenzen, aber auch das Interesse an neuen digitalen Trends und überhaupt die Möglichkeit, digitale Geräte zu nutzen: Frauen erhalten seltener einen Laptop oder ein Notebook am Arbeitsplatz und seltener Zugang zu digitalen Anwendungen wie einen Fernzugang für Homeoffice, Telearbeit oder mobiles Arbeiten!

Die digitale Kommunikation, z. B. über online Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter bieten außerdem die Chance für Frauen, auf sich und ihre Anliegen aufmerksam zu machen, vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Frauen die sozialen Medien aktiver nutzen als Männer. Dennoch sind sie insgesamt weniger sichtbar und tragen weniger zur Generierung von Inhalten im Netz bei. Auch Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist ein großes Hemmnis für gleichberechtigte Teilhabe an der digitalen Kommunikation, wie z. B. eine Studie des European Institute for Gender Equality (EIGE) zeigt.

Und was bedeutet das jetzt?

Zunächst braucht es eine umfassendere (gesellschaftliche und wissenschaftliche) Diskussion der unterschiedlichen Auswirkungen von Digitalisierung auf die Geschlechter, gefolgt von konkreten Maßnahmen, die eine gerechte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt ermöglichen, klassische Rollenbilder aufbrechen und zwischen Frauen und Männern beseitigen.

Wie genau das funktioneren kann? Indem z. B. Digitalkompetenz von Anfang an (also schon im Kindergarten- bzw. Grundschulalter) geschlechtergerecht vermittelt wird und auch Lehrkräfte auf die Vermittlung (informations-)technischer Kompetenzen für Jungen und Mädchen gut vorbereitet werden. Oder indem das MINT-Interesse von Mädchen und Frauen gefördert wird, was die Chance erhöht, dass sich mehr von ihnen für einen Beruf in einem Bereich aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik entscheiden und so die Digitalisierung ganz konkret mitgestalten können.

Auch Weiterbildungsangebote für diejenigen, die schon heute erwerbstätig sind, müssen ausgebaut werden und vor allem für alle Beschäftigten ermöglicht werden. Heute ist es nämlich noch oft so, dass Teilzeitkräfte bei möglichen (und nötigen!) Weiterbildungen „vergessen“ werden. Damit diese it der Zeit nicht de-qualifiziert werden, sondern die nötigen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien erlernen, sind Betriebe gefragt, gezielte Qualifizierungsmaßnahmen zu entwickeln.

Nicht zuletzt muss auch beim Homeoffice darauf geachtet werden, dass dieses flexiblere Arbeiten nicht die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern festigt oder sogar verstärkt. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung nutzen Männer und Frauen mit Kindern flexible Arbeitsmodelle nämlich sehr unterschiedlich: Väter stecken mehr Zeit in den Job, Mütter in die Kinderbetreuung. Es braucht also klare Regeln für Homeoffice und selbstbestimmte Arbeit und gleichzeitig ein Umdenken in den Köpfen: Sorgearbeit - genau wie die Digitalisierung - geht alle an!

 


Wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt von Frauen auswirkt, wird übrigens in dieser Studie des DGB Index Gute Arbeit untersucht. Auf dieser Seite findet ihr auch den DGB-Beschluss „Gute Arbeit 4.0 geschlechtergerecht gestalten“ .

Einen guten Überblick über die wissenschaftliche Debatte zu Gender und Digitalisierung findet ihr zum Beispiel in dieser Untersuchung von Deborah Oliviera für die Hans-Böckler-Stiftung.

Der Dritte Gleichstellungsbericht der Bundesregierung untersucht, wie Digitalisierung geschlechtergerecht gestaltet werden kann. Neben dem Gutachten der Sachverständigenkommission findet ihr hier viele einzelne Expertisen zu verschiedenen Themenschwerpunkten.