Deutscher Gewerkschaftsbund

Weg mit der Ellenbogenmentalität

Strategisch netzwerken: Zuhören, unterstützen und sich austauschen sind für Gülsah Tunali vom DGB Bildungswerk die zentralen Aspekte des Networkings. Sie plädiert dafür, sich ein vielfältiges Netzwerk aufzubauen – und die gewonnenen Kontakte nachhaltig zu pflegen.

von Sarah Kröger, zuerst erschienen im WILA Arbeitsmarkt (www.wila-arbeitsmarkt.de).

Gülsah Tunali

DGB/Anne Freitag

Gülsah Tunali ist Leiterin des Kompetenzzentrums „Kulturelle Vielfalt“ beim DGB Bildungswerk und bietet Seminare zu Diversity Strategien in Unternehmen an.

WILA Arbeitsmarkt: Auf dem Netzwerktag „Bildet Banden“ haben Sie den Workshop „Netzwerken in Vielfalt“ angeboten. Warum sind vielfältige berufliche Netzwerke wichtig?

Gülsah Tunali: Weil wir uns sonst oft nur mit unserem eigenen Wirkungskreis beschäftigen Divers aufgestellte Unternehmen haben oft eine bessere Arbeitsatmosphäre, finden leichter kreative Lösungen für Probleme, haben motiviertere Mitarbeitende, ein besseres Image und zudem noch wertvolle Fach- und Sprachkenntnisse, die durch diese Öffnung in das Unternehmen kommen. Gerade auch in Hinblick auf den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel ist das wichtig. Je vielfältiger unsere Netzwerke sind, desto mehr können wir den Arbeitsmarkt nachhaltig für alle verbessern.

Die eigenen Netzwerke können schnell exklusiv werden. Wie können wir das verhindern?

Netzwerken ist oft verbunden mit der Zuschreibung: Ich muss einfach nur Person XY ansprechen, die kann mir einen Karriere-Boost besorgen. Aber das ist nicht nachhaltig genug. Wenn immer nur Menschen in wichtigen Positionen weiter bestätigt werden, öffnet sich ein Netzwerk nicht. Wir sollten uns zurückbesinnen und fragen: Worum geht es eigentlich beim Netzwerken? Geht es nur um meine berufliche Entwicklung oder auch um den fachlichen Austausch? Hier können Weg mit der Ellenbogenmentalität die Kontakte zu Menschen mit anderen Perspektiven auf Migration, Weltanschauung und anderen Vielfaltsmerkmalen ansetzen, um ein exklusives Netzwerk zu verhindern.

Was sollten wir beim Netzwerken beachten?

Es geht nicht nur darum, sich selber zu präsentieren, sondern auch darum, anderen zu helfen und aktiv zuzuhören. Netzwerkkontakte sind mehr als nur Beziehungen, die mir helfen, einen bestimmten Job zu erhalten. Sie sind auch Kontakte, denen ich etwas geben kann, selbst wenn mir die Fachkenntnis fehlt. Vielleicht kann ich aktiv zuhören oder meine eigenen Erfahrungen teilen. Wenn wir diesen Druck, diese Ellenbogenmentalität aus dem Netzwerken rausnehmen, dann kommt der Austausch auch nicht zu kurz, unabhängig von den beruflichen Ambitionen. Das fand ich auf dem Netzwerktag sehr schön. Das Kennenlernen war leicht und natürlich, weil das Bilden von Banden im Vordergrund stand. Das ist auf klassischen Netzwerktagungen nicht oft der Fall.

Für unser Gegenüber ist es wahrscheinlich viel angenehmer, wenn wir auch mal zuhören.

Leider ist das Netzwerken in den letzten Jahren etwas in Verruf geraten, weil es oft gleichgesetzt wird mit einem Bewerbungs- oder Vorstellungsgespräch. Dabei ist es eine gute Möglichkeit, sich auszutauschen. Es muss auch nicht immer nur um den beruflichen Kontext gehen und mit großen Erwartungen verbunden sein. Das baut sonst auch einen großen Druck auf, gerade bei Netzwerk-Veranstaltungen, von denen man am Ende vielleicht enttäuscht nach Hause geht und denkt: „Ich habe gar nicht so viele Kontakte gesammelt, wie ich wollte.“ Dabei geht es darum eher weniger, sondern passende Kontakte zu haben und die gut zu pflegen. Das ist viel nachhaltiger.

Wie können sich denn auf einer Netzwerkveranstaltung natürliche und interessante Kontakte ergeben?

Es hilft, sich auf die Veranstaltung vorzubereiten. Ich schaue häufig vor einer Veranstaltung nach, wer die Vorträge hält und suche mir vielleicht zwei Gesprächspartner raus, die mich interessieren. Auch lese ich mich ein bisschen in das Thema ein, vielleicht zehn Minuten. Dann kann ich auch eher Menschen ansprechen, weil ich weiß, wir sind hier, weil uns das gleiche Thema interessiert. Auf einer Konferenz kennen sich viele nicht, und alle sind in der Situation, dass sie gerne Leute kennen lernen wollen. Zu wissen, dass mein Gegenüber eigentlich ähnliche Interessen hat wie ich, macht es einfacher. Ein Gespräch lässt sich zum Beispiel mit Smalltalk anfangen. „Ich hol mir einen Kaffee, möchten Sie auch einen?“ Der Rest ergibt sich dann meistens von alleine. Dann kommt man ins Gespräch, erfährt von welchem Unternehmen die Person ist, kann aktiv Fragen stellen und sie dazu bringen, von sich zu erzählen. So kriegt man viel besser einen Einstieg, als wenn man einfach nur seinen Lebenslauf runterrattert. Eine andere Möglichkeit ist auch, ganz offen zu kommunizieren: „Ich bin das erste Mal bei so einer Veranstaltung. Wie läuft das hier eigentlich?“ Es hilft auch, über das Programm und die Inhalte zu sprechen. Man sollte sich auf jeden Fall von diesem Druck befreien, dass man sich wie in einem Verkaufsgespräch ständig selber repräsentieren muss. Denn eigentlich bedeutet Netzwerken am Ende wirklich nur sich miteinander zu unterhalten.