Deutscher Gewerkschaftsbund

19.12.2023

Warum Gewerkschaften so wichtig sind - für Frauen erst recht!

von Maike Jebasinski

Junge Frau steht vor Streikenden Personen, die unbeschriftete Demoschilder hochhalten

 

Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir am Arbeitsplatz. In der Regel sitzen, stehen oder bewegen wir uns bei der Arbeit um die 40 Stunden pro Woche. Und das im Schnitt rund 40 Jahre lang. Wir schreiben, schrauben, designen, organisieren, besprechen – wir übernehmen verschiedenste Aufgaben und werden dafür bezahlt. 91,3 Prozent der erwerbstätigen Deutschen sind Arbeitnehmer*innen. Sie arbeiten für eine*n Arbeitgeber*in, eine Firma, Organisation oder Institution.

Doch obwohl wir so viel Lebenszeit mit Erwerbsarbeit verbringen, sind gute Arbeitsbedingungen nicht selbstverständlich. Als Arbeitnehmer*in ist es schwierig, sich allein für flexible Arbeitszeiten oder ein faires Gehalt einzusetzen, denn die Arbeitgebenden haben viel Macht über die Beschäftigten. Doch zum Glück muss niemand allein kämpfen. Genau dafür sind Gewerkschaften da.

Gewerkschaften setzen sich für Arbeitnehmer*innen ein.

Gewerkschaften vertreten die Interessen der Arbeitnehmer*innen. Sie verhandeln beispielsweise mit Arbeitgebenden über Tarifverträge. In Tarifverträgen werden unter anderem das Gehalt, Urlaubstage oder Sonderzahlungen wie der Inflationsausgleich verhandelt. Sie gelten dann nicht für eine*n einzelne*n Arbeitnehmer*in, sondern für alle Beschäftigten, die Gewerkschaftsmitglied sind und mit deren Arbeitgeber*in der Tarif verhandelt wurde. Ein Tarifvertrag wird zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebenden oder einem Arbeitgebendenverband, in dem sich mehrere aus einer Branche zusammengeschlossen haben, verhandelt.

Um ihren Forderungen in Tarifverhandlungen Kraft zu verleihen, können Gewerkschaften zum Streik aufrufen. So machen sie den Chefinnen und Chefs klar: Die Arbeitnehmer*innen sind unverzichtbar und ihre Bedürfnisse sind wichtig!

Gewerkschaften setzen sich aber auch auf politischer Ebene für die Interessen der Arbeitnehmer*innen ein. Sie sind quasi die Lobby der Beschäftigten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist ein Zusammenschluss von acht Gewerkschaften (IG Metall, Ver.di, IGBCE, GEW, GdP, IG BAU, EVG und NGG) und vertritt ihre Forderungen auf bundespolitischer Ebene.

Dank der Gewerkschaften gibt es den Acht-Stunden-Tag, sechs Wochen Tarifurlaub und Lohn im Krankheitsfall!

Dass unsere Arbeitsbedingungen in Deutschland im weltweiten Vergleich ganz gut sind, haben wir den Gewerkschaften zu verdanken. Sie haben für alle, nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder, einiges erkämpft, was mittlerweile selbstverständlich erscheint. Dazu gehört zum Beispiel:

  • Acht-Stunden-Tag: Zu Beginn der Industrialisierung arbeiteten die meisten Menschen noch 14 bis 17 Stunden pro Tag, ab 1912 ist die 57-Stunden-Woche die Regel.  Erst 1918 wird der Acht-Stunden-Tag in Tarifverträgen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebenden festgelegt – gilt aber noch für sechs Tage in der Woche. 1956 wurde in einem Tarifvertrag die erste 40-Stunden-Woche vereinbart, die die Gewerkschaften mit dem Spruch „Samstags gehört Vati mir“ seit den 1950ern fordern. Nach und nach folgten weitere Branchen. In manchen Tarifverträgen wurde inzwischen sogar eine 35-Stunden-Woche vereinbart.

  • Sechs Wochen Tarifurlaub: Brauereiarbeiter setzen als erste Arbeitergruppe überhaupt per Tarifvertrag einen bezahlten Urlaubsanspruch durch. Sie erhielten 1903 drei Tage im Jahr. Ab den 1960ern gilt in der BRD das Bundesurlaubsgesetz: ein gesetzlicher Mindesturlaubsanspruch von immerhin vier Wochen. Das gilt bis heute. Viele Beschäftigte haben mittlerweile jedoch 30 Urlaubstage, also sechs Wochen, die nach einem langen Steik zuerst in der Eisen- und Stahlindustrie erkämpft wurde.

  • Lohn im Krankheitsfall: Du bist krank und kannst nicht arbeiten? Das ist heutzutage kein großes Problem. Du sagst deiner*m Vorgesetzen Bescheid, erholst dich zuhause und kehrst zur Arbeit zurück, sobald du wieder fit bist. Auch wenn du mehrere Tage nicht arbeiten kannst, wirst du weiterhin bezahlt. Doch das ist erst seit 1969 die Regel und Ergebnis von gewerkschaftlichen Streiks.

Faire Bezahlung und vieles mehr! Das fordern die Gewerkschaften heute.

Auch jetzt stellen Gewerkschaften fortschrittliche Forderungen an die Politik. Denn auch wenn sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten stark verbessert haben, gibt es noch Luft nach oben. Technologische Entwicklungen beispielsweise stellen die Arbeitswelt teilweise auf den Kopf und Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. Dazu kommt, dass viele gewerkschaftliche Errungenschaften wieder in Frage gestellt werden. Nicht zum ersten Mal wurde dieses Jahr die Forderungen nach einer 42-Stunden-Woche laut.

Die Gewerkschaften richten ihren Blick auch speziell auf Bedürfnisse diskriminierter Personengruppen und geben diesen eine Stimme. Frauen erleben nach wie vor besondere Herausforderungen im Job, wie unfaire Bezahlung, Vorurteile oder Sexismus am Arbeitsplatz. Die DGB Frauen vertreten sie und stellen gleichstellungspolitische Forderungen an die Politik, wie zum Beispiel:

  • Unternehmen müssen verpflichtet werden, regelmäßig Daten zum Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern zu veröffentlichen. So festgestellte Benachteiligungen müssen sie beseitigen.
  • Frauendominierte Berufe müssen aufgewertet werden.
  • Fehlanreize im Steuersystem, wie das Ehegattensplitting, müssen abgebaut werden.
  • Die Betreuungsinfrastruktur muss ausgebaut werden, damit Familie und Beruf besser vereinbar sind.

Das willst du auch?

Unterstütze den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für alle – werde Gewerkschaftsmitglied!

Damit Gewerkschaften diese Forderungen durchbringen und weiterhin eine bessere Arbeitswelt für alle gestalten können, brauchen sie dich! Je mehr Arbeitnehmer*innen Gewerkschaftsmitglied sind und sich mit ihren Kolleg*innen solidarisieren, desto mehr Druck können die Gewerkschaften auf die Arbeitgeber*innen ausüben. Wenn in einem Betrieb nur 10 von 100 Arbeitnehmer*innen Gewerkschaftsmitglied sind, wird der oder die Arbeitgeber*in nicht auf die Forderungen der Gewerkschaft eingehen.

Also: Werde Gewerkschaftsmitglied!

Eine junge Frau mit braunen Haaren lächelt

Quellen:

Statistisches Bundesamt (2023): Mehr als 46 Millionen Erwerbstätige im 3. Quartal 2023

Dominik H. Enste, Martin Werding, Julia Hensen (2023): Lebensarbeitszeit im internationalen Vergleich

Hans Böckler Stiftung (2022): Das einmal alles besser wird, in: Magazin Mitbestimmung 2022 (5)

Ulrike Rückert, Sylvaine von Liebe (2023): Die Erfindung der Ferien: Geschichte einer wunderbaren Zeit

 

Weitere Infos:

Alles über die Geschichte des Deutschen Gewerkschaftsbundes: Bewegte Zeiten

Infografiken zur Gewerkschaftsgeschichte: Gewerkschaftsgeschichte in Zahlen

Geschichte des Urlaubs: Warum gibt es 30 Tage Urlaub?

Forderungen und Infos der DGB Frauen: DGB Frauen