Deutscher Gewerkschaftsbund

Kopf voll, Geldbeutel leer. Warum Mental Load Frauen belastet und was sie dagegen tun können

Gastbeitrag von Laura Fröhlich

Laura fröhlich

DGB / Laura Fröhlich

Als ich klein war, hörte ich feministische Kindermusik. „Mädchen lasst euch nichts erzählen, wehrt euch, traut euch, bis es glückt“ hieß eine Zeile, die mir bis heute nicht aus dem Kopf geht. Ich habe schon immer den Mund aufgemacht, war Schülersprecherin und später Betriebsrätin und hatte Freude daran, etwas zu bewirken und für meine Rechte einzustehen. Ich habe einen Partner gefunden, der sich für Hausarbeit nicht zu schade ist und keinen Wert auf Männlichkeits-Attribute legt. Alles beste Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Leben, oder?

Zurück in die 50er

Trotzdem fand ich mich nach den Geburten unserer drei Kinder jedes Mal in alten Rollenmustern wieder, wurde perfektionistisch in Sachen Haushalt und Kindererziehung, rieb mich auf zwischen unterbezahltem Teilzeitjob und völlig unbezahlter Care-Arbeit zuhause, heulte über meinen Rentenbescheid und war nur noch erschöpft, weil ich unsere Familie managte und an alles denken musste, was Haushalt, Organisation und Kindererziehung betraf. Was war denn nur passiert?

Mental Load nennt man die mentale Überlastung. Es gibt sie in allen möglichen Bereichen und vor allem dort, wo sich Menschen um andere kümmern. Extrem ist es im familiären Kontext. Dort führt eine wahnwitzige Menge an scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten zu einer Aufgaben-Welle, die uns Eltern regelmäßig überrollt. Diese Art von Fürsorge, auch Care-Arbeit genannt, machen meistens Mütter, und das hat vielschichtige Gründe. Ich möchte dir an meinem Beispiel erzählen, wie es dazu kam, dass ich so mental überlastet war, und was du dagegen tun kannst, wenn es dir selbst so geht. Wenn du noch keine Familie hast, ist das Thema ebenfalls wichtig. Damit du weißt, wie schnell sich diese stereotypen Geschlechterbilder auch in den modernsten Beziehungen durchsetzen und am Ende oft die Frau diejenige ist, die das Leben aller organisiert, möchte ich dir die Hintergründe erklären.

Starre Rollenbilder

Als unser erstes Kind auf die Welt kam, machten wir es wie alle Eltern: mein Mann nahm zwei Monate Elternzeit, ich blieb ein Jahr zuhause. Das ist in vielen Haushalten so üblich: 90 Prozent der Mütter nehmen Elternzeit, aber nur 37 Prozent der Väter. 76 Prozent aller Väter in Elternzeit bleiben lediglich acht Wochen zu Hause.

Die Entscheidung trafen wir, weil es unsere Bekannten und Freunde auch so machten, ich mich als Mutter dazu verpflichtet fühlte, bei meinem Kind zu bleiben, weil ich viel weniger verdiente als mein Mann und wir seinem Job mehr Bedeutung beimaßen. Mein Mann und ich wuchsen in Westdeutschland auf, wo das Bild des männlichen Ernährers weit verbreitet war und bis heute noch ist. Ich denke, das spielt unterbewusst auch bei der Berufswahl eine Rolle: als ich mich für ein Studium der Geisteswissenschaften entschied, hatte ich niemals im Sinn, möglicherweise einmal eine Familie ernähren zu müssen. Junge Männer haben das eher im Kopf, wenn es um die Berufswahl geht. Viele von uns wuchsen auf mit Vätern, die das Geld für die Familie verdienten. Diese Rollenvorbilder prägen uns und sorgen dann eventuell für eine Art finanzielle, mentale Belastung, sobald einem Menschen bewusst wird, dass er für den gesamten Familienunterhalt zuständig ist.

Auch für Frauen spielen die Geschlechter-Vorbilder eine große Rolle. Ich habe schon früh mitbekommen, dass sie es sind, die sich kümmern. Meine Mutter war, wie meine Omas, Tanten und die Mütter meiner Freundinnen, nicht berufstätig und machte die (Care-)Arbeit zuhause. Sie sorgte für Gemütlichkeit, backte Kuchen, kochte, räumte auf und passte auf, dass es meinem Vater, meiner Schwester und mir gut ging. Weil sie nicht berufstätig waren, war ein sauberes Zuhause, selbstgekochtes Essen und eine gut versorgte Familie sicherlich auch Sinnbild für ihren persönlichen Erfolg, und so geht es mir heute noch, selbst wenn ich einen Beruf habe und Geld verdiene. Weder mein Vater noch mein Mann identifizieren sich mit einem geputzten Bad, aber ich schäme mich, wenn es bei uns dreckig ist. Irgendwie habe ich die Hausfrauenrolle doch übernommen, auch wenn ich mir das vor unserer Familiengründung niemals hätte vorstellen können.

Gefühle sind Frauensache

Zur mentalen Belastung führt auch der hohe Anteil an Gefühlsarbeit. Sie ist eine Form der sozialen Intelligenz und eine Strategie zur Problemlösung, die für alle zwischenmenschlichen Beziehungen notwendig ist. Sie wird in Familien, in freundschaftlichen Beziehungen und in Bekanntschaften, aber auch im beruflichen und gesellschaftlichen Kontext gebraucht. Das Konzept der Gefühlsarbeit oder der Emotionsarbeit, im englischen emotional labour genannt, kommt ursprünglich von der US-amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild, die in ihrem Buch The Managed Heart über Emotionsarbeit im beruflichen Kontext schreibt. So sind zum Beispiel Flugbegleiter*innen in jeder Situation dazu angehalten, zu lächeln und eine innere und äußere positive Haltung zu erzeugen, selbst wenn sich Fluggäste unverschämt benehmen. Zu ihrer bezahlten Arbeit gehört es, die eigenen Gefühle zu regulieren. Später wurde das Konzept der Gefühlsarbeit auf den privaten Bereich erweitert und mit der unfairen Arbeitsteilung im Haushalt in Zusammenhang gebracht, auch wenn sich Hochschild dagegen ausspricht, weil es das Konzept verwässere. Dennoch ist es ein wichtiger Begriff in Zusammenhang mit Mental Load. Wir Frauen werden so sozialisiert, dass uns die Gefühle unserer Mitmenschen wichtig sind und wir Einfluss nehmen auf die gute Stimmung. Ob in der Familie oder im Büro: von uns Frauen wird das erwartet, und diese Erwartungen manifestieren sich als innere Stimme in unserem Kopf.

So auch bei mir! Meine eigene Stimme im Kopf diktierte mir laufend, was ich alles zu tun hatte: mich um die Kinder kümmern, für sie da sein, den Haushalt ordentlich führen, Ordnung halten, den Tagesablauf sinnvoll planen und die Alltagsaufgaben im Blick behalten. Dazu kam der moderne Anspruch, berufstätig und möglichst finanziell unabhängig zu sein. Also versuchte ich auch, im Job alles zu geben. Mein Mann gewöhnte sich daran, dass ich zuhause die Zügel in der Hand hielt und unser Leben managte. Er konzentrierte sich auf das Geld verdienen und machte abends, wenn er die Kinder ins Bett gebracht hatte, Feierabend. Ich dagegen arbeitete meine To-do-Listen ab mit dem unerreichbaren Ziel, endlich mein Tagwerk geschafft zu haben.

Das bisschen Haushalt...

All das trifft nicht nur auf mich zu, wie Studien belegen: »Es gibt Schätzungen, laut denen im Durchschnitt 80 Prozent der Frauen täglich Hausarbeit verrichten und nur ein Drittel aller Männer«. Diese zwei Pole nähern sich zwar an, aber nach wie vor besteht ein erheblicher Unterschied zwischen den Geschlechtern, der auch »Gender Bias« genannt wird. Häufig entwickeln sich innerhalb der Phase, in der die Kinder klein sind, Gewohnheiten, Erfahrungen und Kompetenzen, die auch später beibehalten werden. Wenn das Kind größer ist und die Frau wieder in den Beruf einsteigt, übernimmt der Mann mehr Hausarbeit, trotzdem ist die Verteilung der unbezahlten Arbeit nach dem ersten Kind weniger ausgewogen als zuvor – auf Kosten der Frau.

Leider hat sich in diesem Punkt in Sachen Gleichstellung auch in der letzten Zeit nicht viel getan und ist seit 2005 sogar rückläufig. Sich zuhause um Haushalt, Kinderbetreuung und Familien-Organisation zu kümmern, ist, was für eine Überraschung, unentgeltlich und bringt keinerlei soziale Sicherheit für Frauen. Und auch an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien kümmern sich Frauen um die Familie.

Mental Load macht müde und arm

So ist es nicht verwunderlich, dass der mütterliche Kopf voll ist. Weil wir es so gewohnt sind, weil es sich manche Männer bequem gemacht haben mit dieser Situation, weil wir schlecht abgeben können (immerhin ist es oft der letzte Machtbereich, der Frauen geblieben ist) und weil die Ansprüche an moderne Mutter verdammt hoch sind, kommen wir nicht einmal selbst darauf, diese anstrengende Organisations-Arbeit als solche zu sehen. Dabei wäre es dringend notwendig, mit dem Partner darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir sie anders aufteilen können.

Wieso ist es fatal, wenn Männer sagen, „hättest du doch was gesagt, dann hätte ich Windeln besorgt“? Das bedeutet nämlich, dass es nicht in ihrer Verantwortung liegt, Windeln auf den Einkaufszettel zu schreiben. Aber die Verantwortung, dass der Alltag in der Familie reibungslos läuft, sollte bei Beiden liegen. Ausreden wie „Du kannst das alles viel besser“, „mich stört der Dreck nicht so“ oder „ich kann mir all diese Sachen nicht auch noch merken“ bedeutet laut Feminist und Bauchautor Nils Pickert eigentlich, dass viele Männer an diesen Dingen kaum Interesse haben oder sich „für den ganzen Kinderkram“ nicht zuständig fühlen.

Der Mental Load hat für Frauen auch berufliche Konsequenzen. Ganz im Gegensatz zu Männern erleiden Frauen nach der Geburt der Kinder erhebliche Gehaltseinbußen:

„Als Child Penalties bezeichnen wir die Einkommenseinbußen nach der Geburt des ersten Kindes. Und leider muss man das tatsächlich so sehen: Für Frauen sind Kinder beim Gehalt eine Strafe. Mütter verdienen auch dann noch erheblich weniger als Männer, wenn das erste Kind fünf bis zehn Jahre alt ist. In Deutschland verdienen Mütter zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt! Bei Vätern gibt es diesen Effekt nicht.

Wenn sich eine Mutter zuhause um alles kümmert und genau weiß, dass Chaos herrscht, sobald sie nicht plant, organisiert und koordiniert, überlegt sie es sich zweimal, ob sie wieder in den Beruf zurückkehrt, ihre Stundenzahl im Job aufstockt, Geschäftsreisen oder Fortbildungen in Anspruch nimmt oder eine Führungsposition anstreben möchte. Eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Bei einer Umfrage unter 6.500 Mitarbeiterinnen in 14 Industrieländern, die in einer heterosexuellen Beziehung leben und in der beide Partner arbeiten gingen, wurde gefragt, wieso es vielen Frauen nicht gelinge, einen Führungsposten zu übernehmen. Die Antwort lautete einstimmig, dass es an der Kombination von Berufstätigkeit und dem »Zweitjob« liege – der ununterbrochenen Verantwortung für Haushalt und Familienpflege. »Während die meisten Männer bis zu einem gewissen Grad die Hausarbeit erledigen, fällt die psychische Belastung – die Aufgabe der Orchestrierung und des Projektmanagements – immer noch überproportional auf Frauen«.

Mach den Kopf frei!

Aber was können Frauen tun, um nicht länger unter Mental Load und all den psychischen und finanziellen Folgen zu leiden? Zunächst einmal müssen wir uns dieses Problem und die Hintergründe bewusst machen und dann beginnen, etwas zu verändern. Es braucht natürlich langfristig auch viele politische und wirtschaftliche Ansätze. Aber auch du zuhause kannst tätig werden.

Wenn du also bereits eine Familie hast und unter der mentalen Last leidest, kannst du folgende Schritte gehen:

  • Dir selbst bewusst machen, was von dir als Mutter und Frau erwartet wird. Diese Erwartungen sind viel zu hoch. Werde dir im Klaren darüber, was für dich persönlich wichtig ist, und versuche, dich von gesellschaftlichen Erwartungen, deinem eigenen Perfektionismus oder dem realitätsfernen Muttermythos Schritt für Schritt zu lösen.
  • Mit deinem Partner über das Problem reden. Erläutere ihm die Hintergründe deiner sozialen Belastung und erkläre ihm den Mental Load (ja, leider müssen wir Frauen hier noch einmal selber tätig werden...). Nimm den Comic „Mental Lod“ von Emma zu Hilfe, wenn dir das schwer fällt, oder diesen Text hier.
  • Notiere dir mal ein paar Tage lang, an was du alles denken musst und führe Protokoll darüber.
  • Schreibt kategorisch auf, was zuhause alles anfällt: Hausarbeit, Kinderbetreuung, Familien-Organisation. Definiert Verantwortungsbereiche, die ihr langfristig oder immer mal wieder neu verteilt. Welche Aufteilung für euch fair und gerecht ist, ist alleine eure Entscheidung, denn nicht für alle Paare ist 50:50 eine mögliche oder gute Lösung.
  • Trefft euch einmal in der Woche zu einem kleinen Küchen-Meeting, besprecht die anfallenden Termine und Aufgaben, verteilt sie und klärt ab, wenn es aktuell zu viel, schwierig oder belastend wird.
  • Redet über langfristige Pläne. Möchte einer von euch im Beruf durchstarten oder die Stundenzahl reduzieren? Wie könnt ihr euch gegenseitig finanziell absichern, sodass der, der sich unbezahlt kümmert, im Härtefall nicht in Not gerät?

Mental Load vorbeugen

Falls du noch keine Familie oder Kinder hast, kannst du schon Einiges tun, um einem Mental Load vorzubeugen.

  • Es ist spannend, wieso wir Frauen uns für das Kümmern verantwortlich fühlen. Informiere dich ruhig über die Hintergründe, denn dann wird dir bewusst, wie sehr dein Denken von diesen altmodischen Rollenbildern geprägt ist. Diese Denkmuster kannst du erst bewusst ändern, wenn dir klar wird, was sie mit deinem Verhalten zu tun haben.
  • Wenn du in einer Beziehung lebst, achte mal darauf, wie bei euch Haushalt und Organisation verteilt sind. Mach von vornherein deutlich, dass du nicht der mentale Backup für deinen Freund / Mann bist.
  • Wenn ihr plant, Kinder zu bekommen, redet über eure Zukunft. Sprecht über euren Beruf und die Elternzeit, und teilt sie, wenn möglich, gerecht. Wenn du länger zuhause bleiben möchtest oder generell vorhast, nicht wieder so schnell erwerbstätig zu sein, macht euch Gedanken über deinen Wiedereinstieg in der Zukunft oder einen finanziellen Ausgleich. Am besten investiert ihr es in eine Rentenversicherung für dich. Gleiches gilt natürlich auch für den Fall, dass der Vater zuhause bleiben möchte.

Mein Mann und ich haben das Problem erkannt und etwas dagegen unternommen. Es war nicht einfach, wir haben gestritten und diskutiert (und tun es bis heute). Es braucht Zeit und Geduld, sich selbst zu verändern, als Frau für sich einzustehen, nicht immer zu allem „Ja“ zu sagen und auch die finanzielle Situation im Blick zu haben. Zusätzlich braucht es Verständnis für den jeweils anderen, denn es ist nicht eure individuelle Schuld, dass es so gekommen ist, denn sonst würde es nicht tausenden anderen Paaren genauso gehen.

Habt ihr genug von (eurem) Mental Load? Dann seid dabei in unserem kostenlosen Webinar am Donnerstag, 23. April um 20 Uhr! Laura erklärt euch die Hintergründe und zeigt digitale und analoge Tools, um die Arbeit zuhause sichtbar zu machen und gerechter untereinander zu verteilen. Im Live-Chat könnt ihr direkt eure Fragen stellen.

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Laura Fröhlich

DGB / Laura Fröhlich