Deutscher Gewerkschaftsbund

Gender Time Gap: Arbeitszeiten von Frauen und Männern

Fast 45 Millionen Menschen in Deutschland sind erwerbstätig. Dabei unterscheiden sich die Arbeitsverhältnisse von Frauen und Männern: Vollzeit oder Teilzeit, Anzahl der Wochenstunden und insgesamt Beteiligung am Arbeitsmarkt. Wie (viel) Arbeitnehmer_innen in Deutschland arbeiten*:

Frau am Laptop schaut auf Armbanduhr

DGB/Ammentorp/123rf.com

Die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt wächst. Lag die Erwerbstätigenquote der Frauen 1991 noch bei 57 Prozent, ist sie mittlerweile auf 72 Prozent angestiegen (Stand: 2018). Gut so! Denn umso mehr Frauen in Betrieben und Verwaltungsstellen arbeiten, desto besser sind sie sichtbar, desto mehr können ihre eigene Existenz sichern - und umso unumgänglicher wird das Thema der Gleichstellung!

Aber... Frauen sind zwar häufiger berufstätig, doch sagt der Prozentsatz nichts darüber aus, wie viele Stunden sie in die Erwerbstätigkeit eingebunden sind. Es wird lediglich geklärt, dass sie Arbeitnehmerinnen sind, aber nicht, ob sie eine Stunde oder 40 Stunden pro Woche in die Abläufe integriert sind. In welchem Umfang arbeiten also Frauen (und Männer)?

Männer in Vollzeit, Frauen in Teilzeit - ein veraltetes Modell?

Obwohl sich die Erwerbsraten von Frauen und Männern angleichen, heißt das nicht, dass sie gleichberechtigt am Arbeitsmarkt teilhaben. Die Arbeitszeiten von Frauen und Männern unterscheiden sich stark - sie driften immer weiter. Frauen verbringen im Schnitt 8,4 Stunden pro Woche weniger mit ihrer Erwerbsarbeit als Männer. Dieser unterschied wird auch Gender Time Gap genannt.

Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit zudem häufiger als Männer – die meisten von ihnen geben an, ihre Arbeitszeit familienbedingt zu verkürzen. Fast jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet in Teilzeit! Rund 17 Prozent der in Teilzeit beschäftigten Frauen wollen aber mehr arbeiten.

 

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WSI GenderDatenPortal 2020

Weniger arbeiten - ist doch toll?! Ursachen und Folgen des Gender Time Gap

Der erste Impuls verleitet womöglich zu fragenden Blicken: Warum ist weniger arbeiten so schlecht? Natürlich kann es toll sein, weniger Stunden pro Woche der Erwerbsarbeit nachzugehen, und so z.B. mehr Zeit für die eigenen Hobbys zu haben. Wir möchten euch aber ermutigen, die Entscheidung für Teilzeit-Erwerbstätigkeit informiert zu treffen. Es ist wichtig, den Blick auf die gesamte Lebensdauer zu richten. Was du heute "erwirtschaftest", also auf dein Konto einzahlst, hat Auswirkungen auf deine eigenständige Existenzsicherung - kurzfristig und langfristig:

Der Gender Time Gap beeinflusst

1. deine aktuelle wirtschaftliche Unabhängigkeit: Kann ich mich momentan mit meinem Einkommen finanzieren?,

2. deine langfristige wirtschaftliche Unabhängigkeit: Kann ich mich auch über schlechtere Zeiten retten und z.B. sparen oder anderweitig vorsorgen?,

3. wenn du Mutter bist: die Existenzsicherung deiner Familie: Kann ich gegebenenfalls mit meinem Einkommen auch ein Kind oder gar Kinder mitversorgen?,

4. deine Absicherung im Fall der Arbeitslosigkeit: Wenn ich jetzt weniger verdiene, bekomme ich auch geringere Lohnersatzleistungen. Reicht mir das im Fall der Fälle? und

5. deine Absicherung im Alter: Wenn ich jetzt und womöglich über Jahre hinweg in Teilzeit arbeite und weniger verdiene, sieht es bei der Rente nicht gerade rosig aus. Reicht mir das? Gehe ich das Risiko ein, im Alter in Armut zu leben?

6. deine Karriere: Traurig, aber wahr. In Teilzeit ist das Risiko groß bei der nächsten Beförderung übergangen zu werden. Auch hier gilt: Wir Gewerkschaften setzen uns vehement dafür ein, die Benachteiligung in Teilzeit ein für allemal abzuschaffen. Bis uns dies vollständig gelingt ist es wichtig, sich als Frau und als Teilzeitbeschäftigte_r sich der Risiken bewusst zu sein und sie gegebenenfalls anzusprechen und/oder mit deiner Gewerkschaft gemeinsam anzugehen! Übrigens gilt schon jetzt: Als Teilzeitbeschäftigte_r darfst du nicht benachteiligt werden und kannst dich auf das Verbot der Diskriminierung im Teilzeit- und Befristungsgesetz berufen.

Ursachen des Gender Time Gap

Einfach Vollzeit arbeiten! Wenn die Lösung so einfach wäre, würde der Gender Time Gap vermutlich auf einen Schlag schrumpfen. Woran liegt es also, dass Frauen mehr als 8 Stunden in der Woche weniger erwerbstätig sind als Männer?

Eine Antwort liegt schon in der Formulierung der Frage: Erwerbstätigkeit entspricht nicht der tatsächlichen Arbeitszeit vieler Frauen. Denn unbezahlte Arbeit ist hier nicht mit inbegriffen. Frauen leisten im Duchschnitt rund 90 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer: Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Waschen, Kochen, Putzen, den Hund ausführen und das Geschenk für Omas 80. besorgen - all das ist auch Arbeit - Sorge- oder auch Care Arbeit genannt.

IAB 2015

Während Männer vorrangig deshalb teilzeitbeschäftigt sind, weil sie keine Vollzeitstelle finden können oder sich noch in Formen der Aus- und Weiterbildung befinden, verkürzen Frauen ihre Arbeitszeit zum größten Teil familienbedingt. Männer geben also v.a. Aspekte an, die sich meist zeitlich stark begrenzen und/oder sogar Aussicht auf Aufstieg bieten! Sorge- und Pflegearbeit werden demnach immer noch vorrangig den Frauen zugeschrieben und somit veraltete Rollenbilder zementiert.

Eine gleichberechtigte Elternschaft, z.B. gefördert duch das ElterngeldPlus und eine verbesserte Betreuungs- und Pflegestruktur bieten hier Chancen auf mehr Gleichstellung! Mehr Informationen zum ElterngeldPlus findet ihr z.B. bei unserem Schwesternprojekt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“.

* "arbeiten" gilt hier als Synonym für Erwerbstätigkeit. Dass Frauen wesentlich mehr unentgeltlich, z.B. in Haushalt und Familie arbeiten, ist leider ein trauriger und dringend zu ändernder Zustand.

Weitere Informationen:

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Test: Bist du wirtschaftlich Unabhängig?

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