Deutscher Gewerkschaftsbund

Weiblich, 3-Schicht, Mutter sucht: Flexible Arbeitsmodelle in der Produktion

Gastbeitrag von Hanna Völkle und Tara Ohloff

Ingenieurin

Wie können Arbeitszeitmodelle aussehen, die Flexibilität fördern und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen?

Eine Frage, für die es in vielen Unternehmen bereits Antworten für den Schreibtisch gibt. Aber wie sieht es in der schicht- und taktgebundenen Produktion aus? Auch hier gilt: Flexible und vereinbarkeitsfreundliche Modelle sichern weiblichen Arbeitnehmerinnen die wirtschaftliche Unabhängigkeit, indem sie (Voll-)Erwerbsarbeit ermöglichen.

„Ich kann die Anlage ja nicht mit nach Hause nehmen“ – damit könnte die Idee von flexiblen und vereinbarkeitsfreundlichen Arbeitsmodellen im Schichtbetrieb eines Automobilherstellers direkt wieder verpuffen. Das vom ESF und BMAS geförderte Projekt Flexibilität und Vielfalt im direkten Bereich setzt genau dort an: Wie kann Schichtarbeit flexibel und damit lebensphasenorientiert gestaltet werden? Wie sieht Flexibilität im direkten Produktionsbereich der Automobilindustrie aus, die Chancengleichheit fördert? Entlang von zwei ausgewählten Erfolgsgeschichten des Projekts sollen die Chancen vereinbarkeitsfreundlicher Modelle skizziert werden. Es gilt: Gerne abgucken und nachmachen!

Meisterin & Mutter, die mobile Arbeit nutzt

Stellt euch Pia vor. Sie hat eine Ausbildung zur Facharbeiterin im Getriebebau eines Autobauers absolviert und wurde nach ihrer Ausbildung übernommen. Inzwischen ist sie 38 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, hat eine Weiterbildung zur Meisterin absolviert und arbeitet mit ihren Kolleg*innen in einem Dreischichtsystem. Das bedeutet, es gibt drei Schichten, die auf 24 Stunden verteilt sind: Früh-, Spät- und Nachtschicht. Dadurch hat Pia oft Schichten die außerhalb „normaler“ Arbeitszeiten liegen. Zum Beispiel von 6-14 Uhr, 14-22 Uhr oder 22-6 Uhr. Das mit einer Familie und Kinderbetreuung zu vereinbaren ist gar nicht so leicht. Im Rahmen unseres Projekts haben wir herausgefunden, dass es Pia hilft, wenn sie gewisse Tätigkeiten hin und wieder im Home Office erledigen kann.

Denn auch in der Produktion umfassen manche beruflichen Positionen Aufgaben, die nicht ausschließlich an eine getaktete Fertigung gebunden sind. Als Meister*in gibt es Aufgaben, die weder zeit- noch ortsgebunden sind. Dazu zählen administrative Aufgaben wie etwa Schicht- und Arbeitsplanung der Mitarbeitenden oder die Teilnahme an Online-Schulungen. Für die Teilzeit-Meisterin und zweifache Mutter Pia ist die Möglichkeit stundenweise von Zuhause arbeiten zu können doppelt attraktiv: Zum einen verschafft es ihr mehr Ruhe, konzentriert und fokussiert zu arbeiten, ohne die maßgebliche Ansprechpartnerin vor Ort zu sein. „Bei mir hat es zwar etwas gedauert, bis ich mich an das Arbeiten von Zuhause gewöhnt habe. Aber alle Aufgaben, die ich am PC erledigen muss, kann ich viel konzentrierter erledigen. Vor Ort bleibt dann mehr Zeit für‘s Team.“ Und zum anderen hat sie mehr Flexibilität mit Blick auf Notfälle in Sachen Kinderbetreuung. „Ich muss ab und an auf mein Kind aufpassen, da hilft mobiles Arbeiten enorm“, so Meisterin Pia und verweist auf Kita-Schließtage oder kranke Kinder, die betreut werden müssen. Klar ist auch, dass Kinderbetreuung und Home-Office nicht zeitgleich funktionieren, aber die stundenweise Möglichkeit mobil arbeiten zu können kann dazu beitragen, Arbeit und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können - ob mit, ob ohne Kinder. Sich flexibel und selbstbestimmt die Arbeit einteilen zu können, steigert die Zufriedenheit von Mitarbeitenden. Insbesondere dann, wenn eine Führungskraft selbstverständlich mit gutem Beispiel vorangeht.

Facharbeiterin, die sich im Wissenstandem weiterqualifiziert

Und nun stellt euch Leonie vor. Sie ist 29 Jahre alt und hat auch eine Ausbildung beim selben Autobauer wie Pia gemacht. Leonie hat inzwischen eine Familie und möchte sich gerne in Teilzeit weiterqualifizieren. Im Rahmen des Projekts haben wir sie dabei unterstützt, ihren Tandempartner Wolfgang zu finden, der schon länger beim Autobauer arbeitet, bald in Rente geht und sein Wissen gerne weitergeben möchte. Wolfgang freut sich, dass er Leonie auch informelles Wissen weitergeben zu können, das in keinem Handbuch steht. Und auch Leonie findet: „Arbeitsorganisation bedeutet für mich zu beobachten und zu verstehen, wo der Spickzettel vom Vortag immer liegt, wo die Schlüssel hängen und wo das Radio steht.“ Weiterqualifizierung ist also nicht immer nur an fachliche Aspekte geknüpft. Mit Unterstützung ihrer Chefin und den zuständigen Personalern kamen Leonie und Wolfgang als Wissenstandem in unserem Projekt zusammen.

Was hat zum Gelingen beigetragen? Leonie wollte Neues lernen, sich weiterbilden und Wolfgang wollte sein jahrzehntelanges Betriebswissen gebündelt weitergeben können. Eine zentrale Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Wissenstandem ist, dass beide Parts motiviert sind und sich im besten Fall auch riechen können. Im Tandem muss eng zusammengearbeitet werden und beide Seite müssen offen für ehrliche Rückmeldung sein. Die Aneignung von Abläufen und technischem Wissen funktioniert am besten, wenn diese direkt zur Anwendung gebracht werden kann. Kopf und Hand lernen dabei gleichermaßen mit. Auch Wissenslücken fallen schneller auf, wenn man bei einem Arbeitsschritt nicht weiterkommt. Im Wissenstandem kann direkt nachgefragt werden. “Die Entscheidungen, ob ich standardisiert oder eher abweichend vorgehen kann, kommt im Tun. Da Tipps und Tricks von einem erfahrenen Kollegen zu bekommen, ist sehr wertvoll.“ – so die Einschätzung der Facharbeiterin Leonie. Doch es konnte zusätzlich etwas anderes beobachtet werden. Auch der ältere Kollege lernte durch das Zusammentreffen mit der jüngeren Mitarbeiterin Neues. „Dass wir aus unterschiedlichen Bereichen kommen, jeweils andere Erfahrungen gemacht haben, ist sehr wertvoll und in unserer Zusammenarbeit beinahe unerlässlich. Diese Weitsicht hilft dabei die Dinge besser umzusetzen“, erklärt der erfahrene Kollege Wolfgang die ergänzenden Erfahrungen im Tandem.  Ein weiterer Aspekt: Durch die Weiterqualifizierung wird auch die Anerkennung der Mitarbeiterin im Team gefördert. Obwohl sie Teilzeit arbeitet, hat sie nun einen besseren Einblick in verschiedene Vorgänge – technisch wie auch zwischenmenschlich. Die Zeit im Wissenstandem war für beide Seiten auch eine Qualifikation in Sachen Teamplay.

Ausprobieren lohnt sich: Erfolgsfaktoren im Überblick

Wie die beiden Beispiele zeigen, ist auch in der traditionsreichen und taktgebundenen Autoindustrie Vieles in Bewegung. Neben der Motivation, etwas verändern zu wollen, sind folgende Punkte wichtig, um Flexibilität nachhaltig und auf Augenhöhe zu gestalten:

  • Nachhaltig und gemeinsam: Gegenseitiges Verständnis von Mitarbeitenden und Führungskräften fördern, um Akzeptanz für Veränderung zu sichern.
  • Geben und Nehmen: Individuelle Bedarfe müssen sich mit den gemeinsamen Herausforderungen des Teams vereinbaren lassen.
  • Transparenz: Damit Flexibles Arbeiten gelingen kann, ist es wichtig, dass alle Beteiligten Zugang zu Informationen z.B. An- und Abwesenheit Einzelner haben.
  • Teamzugehörigkeit: Jede Person muss als vollwertiges Teammitglied gesehen werden - unabhängig von ihrem Arbeitszeitmodell.
  • Wertschätzung: Im Team zählt die Erfahrung aller Mitglieder - unabhängig vom Alter, Geschlecht oder Arbeitsmodell. Von Kolleg*innen wertgeschätzt zu werden motiviert. 

Die EAF Berlin begleitet Organisationen in Veränderungsprozessen hin zu mehr Vielfalt in Führung.

Als unabhängige Forschungs- und Beratungsorganisation arbeitet sie an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sie berät zu den Themen Vielfalt und Chancengleichheit, Karriere und Führung, Vereinbarkeit und Resilienz sowie Demokratie und Partizipation. Sie konzipiert und realisiert praxisnahe Forschungsprojekte sowie innovative Programme und Trainings zur Personal- und Organisationsentwicklung.

Bild von Hanna Völkle

EAF Berlin / Verena Brüning

Bild von Tara Ohloff

Tara Ohloff

Deine Arbeit wird immer belastender?

Klar, Menschen haben in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Bedürfnisse. Deshalb ist es wichtig, Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass ihr gesund bleibt und euer Privatleben nicht leidet.

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