Deutscher Gewerkschaftsbund

Hey, es ist 2020 – Schluss mit Geschlechterklischees!

Ein Gastbeitrag von Laura Rauschnick für bildung & wissenschaft

Handwerkerin

DGB/123rf.com

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Mitgliederzeitschrift "bildung & wissenschaft" Heft 03/2020 der GEW Baden-Württemberg.

Frauen haben meist keine langfristige Existenzsicherung, verdienen oftmals weniger als Männer in vergleichbaren Berufen und ihre Aufstiegschancen sind geringer. Der internationale Frauentag am 8. März ist ein guter Anlass, den Ursachen auf den Grund zu gehen und gemeinsam Wege zu finden, Benachteiligungen abzubauen.

„Auf eigenen Beinen stehen!“, das ist laut einer Befragung der Soziologin Jutta Allmendinger 96 Prozent der jungen Frauen wichtig. Die Realität sieht für die meisten Frauen jedoch ganz anders aus: Zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen haben keine langfristige Existenzsicherung. Bei Frauen mit Kind sind es sogar 80 Prozent.

Wie kommt es dazu? Gender Pay Gap, gläserne Decke oder eine klassische Rollenverteilung – die Gründe, warum Frauen oftmals keine eigene und langfristige Existenzsicherung haben, sind vielfältig. Um zu verstehen, welche Faktoren die wirtschaftliche (Un-) Abhängigkeit von Frauen beeinflussen, sollte der gesamte Lebensverlauf in den Blick genommen werden. Denn einmal getroffene Entscheidungen haben langfristige Folgen. Der Grundstein für eine eigenständige Existenzsicherung wird bereits mit der Berufswahl gelegt: Männer und Frauen verteilen sich in Deutschland nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Berufe. Neben Berufen, in denen die Geschlechter annähernd gleichmäßig verteilt sind, gibt es frauen- und männerdominierte Berufe (Anteil jeweils mehr als 70 Prozent). Die starke Ungleichverteilung von Frauen und Männern auf unterschiedlichen Berufsfeldern wird auch als horizontale Segregation am Arbeitsmarkt bezeichnet. Frauendominierte Berufsfelder sind vor allem die personennahen Dienstleistungsberufe: Gesundheits-, Sozial-, Erziehungsberufe, aber auch der Einzelhandel. Auffällig ist, dass gerade die Beschäftigten in den frauendominierten Berufsfeldern häufig niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind – auch wenn es sich um gleichwertige Tätigkeiten mit ähnlichen Anforderungen handelt. Dass typisch männliche Arbeit oft höher bewertet wird als typisch weibliche ist auch auf Geschlechterstereotype zurückzuführen.

Geschlechterstereotype und Berufswahl

Geschlechterstereotype und Rollenbilder beeinflussen die Berufs- und Studienwahl von Jugendlichen. Obwohl die schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen in der Schule vergleichbar sind, zeigen sich in der Berufsausbildung und im Studium deutliche Unterschiede. Mehr als die Hälfte der Mädchen wählt aus nur zehn verschiedenen Ausbildungsberufen im dualen System – darunter ist kein naturwissenschaftlich-technischer Beruf. Schon die Berufsorientierung von Jugendlichen wird oft von Geschlechterinszenierungen beeinflusst: Jungen sollten einen Beruf wählen, mit dem sie eine ganze Familie finanzieren können, Mädchen eher einen, bei dem sich Beruf und Familie gut vereinbaren lassen.

Außerdem werden Frauen in vielen Berufsfeldern sprachlich und bildlich nicht angesprochen, wenn z. B. in Ausschreibungen das generische Maskulinum („Wir suchen einen Mitarbeiter/ Kollegen“) genutzt und auf Bildern traditionelle Rollenbilder vermittelt werden (z. B. sie im Verkauf, er in der Backstube). Frauendominierte Berufe sind zudem häufig im Bereich der schulischen Ausbildungen angesiedelt, was meist noch bedeutet, dass keine Ausbildungsvergütung gezahlt wird, sondern im Gegenteil sogar Schulgeld anfällt.

DGB-Projekt „Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!“

Seit 2014 gibt es das DGB-Projekt „Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!“, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Ganz nach dem Motto „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, vor allem junge Frauen für das Thema eigene Existenzsicherung zu sensibilisieren. Dabei geht es darum, den gesamten Erwerbsverlauf in den Blick zu nehmen: Welche Entscheidung zu welchem Zeitpunkt in meinem Leben kann welche Konsequenzen haben? Was bedeutet es, in der Familienphase länger aus dem Beruf auszusteigen und/oder in Teilzeit wieder einzusteigen? Welche partnerschaftlichen Modelle für die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit gibt es und wie kann das gelingen? Diese und weitere Fragen beantworten wir unter anderem in unserer Mediathek „Dein Sprungbrett“ oder in Workshops vor Ort. Auch bieten wir Multiplikatorinnen die Möglichkeit, selbst Veranstaltungen zu unseren Themen durchzuführen. Dazu haben wir ein Workshop-Set konzipiert mit Faktenblättern, Power-Point-Präsentationen und interaktiven Methoden, kostenlos zum Download. Neben der Sensibilisierung von jungen Frauen geht es aber auch darum, die strukturellen Benachteiligungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt abzubauen.

#fairgüten zum internationalen Frauentag

Es gibt viele Anlässe, immer wieder auf die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam zu machen und unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am diesjährigen Frauentag, am 8. März, machen wir Frauen im DGB unter dem Motto #fairgüten auf die Bedeutung von Tarifverträgen aufmerksam. Sie tragen ganz konkret zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen im Erwerbsleben bei: Wo Tarifverträge gelten, schrumpft die Entgeltlücke. In tarifgebundenen Betrieben liegt der Bruttostundenlohn von Frauen im Schnitt fast ein Viertel über dem in nicht tarifgebundenen Betrieben. Und wo nach Tarif gezahlt wird, gibt es meist auch Betriebsräte, die sich für diskriminierungsfreie Gehälter einsetzen.

Mehr Tarifbindung hilft vor allem in Branchen, in  denen überwiegend Frauen arbeiten, für gerechte Bezahlung zu sorgen und somit gute Voraussetzungen für die partnerschaftliche Verteilung von Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern zu schaffen. Durch Tarifverträge können soziale, personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungen aufgewertet und prekäre Beschäftigung zurückgedrängt werden. Höhere Entgelte, bessere Arbeitszeitregelungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld – Tarifverträge lohnen sich besonders für Frauen.

Girls Day

„Geschlechterstereotype in der Berufswelt abbauen“ ist auch das Motto beim Girls Day. Nachdem wir am 8. März für die faire Bezahlung in frauendominierten Berufen gekämpft haben, soll am 26.
März, dem Girls Day, der Fokus darauf gelegt werden, Geschlechterstereotype bei der Berufswahl abzubauen. Bundesweit haben Mädchen die Möglichkeit, in Berufe hineinzuschnuppern, die bisher eher männerdominiert sind. So sollen sie ihr Berufswahlspektrum erweitern und weiblichen Rollenmodellen begegnen. Vor allem Betriebe aus Technik, Handwerk, IT, Naturwissenschaften und der Industrie, in denen der Frauenanteil unter 40 Prozent liegt, sind eingeladen mitzumachen.

Bildet Banden!

Ob auf persönlicher Ebene – im Privaten oder Beruflichen – oder im gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierungen: Solidarität unter Frauen und das Zusammenschließen zu Banden hilft. Wir wollen uns nicht nur für uns selbst, sondern auch für- und miteinander stark machen. Gerade auch in männerdominierten Arbeitsbereichen oder wenn es beispielsweise darum geht, Frauen beim beruflichen Aufstieg zu unterstützen, sollten wir auf die Unterstützung untereinander setzen. Daher versuchen wir im Projekt „Was verdient die Frau?“ ein starkes Netzwerk aus jungen Frauen,  Gewerkschafterinnen und Verbündeten aufzubauen, um für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen einzutreten.

Das Projekt bei

Test: Bist du wirtschaftlich Unabhängig?

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