Deutscher Gewerkschaftsbund

Warum solltest du dich als junge Frau in einer Gewerkschaft engagieren?

Gastbeitrag von Cosima Steltner

Bild Cosima Steltner

DGB/Thomas Range

Cosima Steltner, ist Jugendauszubildendenvertreterin (JAV) und im März Role Model im Themenmonat "Solidarität"

Werde ich meine Ausbildung erfolgreich abschließen? Werde ich danach übernommen? In ein befristetes oder unbefristetes Arbeitsverhältnis? Auf einem Arbeitsplatz, der mir Spaß macht? Was ist, wenn nicht?

Das sind Fragen, die alle jungen Menschen vor Abschluss ihrer Berufsausbildung beschäftigen. Die Mitbestimmungsgremien im Unternehmen unterstützen alle jungen Menschen bei der Beantwortung dieser Fragen. Doch wenn man als junge Frau vor dem Ende der Ausbildung steht, kommen oft noch mehr Fragen hinzu, die sich die meisten jungen Männer nicht stellen müssen oder schlicht nicht stellen.

Junge Frauen stehen beispielsweise vor drängenden Fragen wie: Wer sorgt dafür, dass ich gleich viel Geld bekomme wie mein Kollege, der die gleiche Arbeit macht wie ich? Wie kann ich meine Interessen und die anderer Frauen in meinem Betrieb auf die Tagesordnung setzen? An wen wende ich mich, wenn ich sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz erlebe oder mitbekomme? Was passiert mit meinem (befristeten) Arbeitsvertrag, wenn ich schwanger werde? Ist mein Arbeitsplatz nach der Elternzeit noch da?

Betriebsrat und JAV als Ansprechpartner_innen

In diesen Fragen sind Betriebsrat und JAV (Jugend- und Auszubildendenvertretung) die richtigen Ansprechpartner_innen. Denn wo Gesetze an anderen Stellen oft Raum für Interpretationen lassen, ist diese Pflicht ausdrücklich im Betriebsverfassungsgesetz geregelt; § 80 Abs. 1 Nr. 2a und 2b verpflichten den Betriebsrat (und i. V. m. § 70 Abs. 1 Nr. 1a auch die JAV) die Durchsetzung der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern, insbesondere bei der Einstellung, Beschäftigung, Aus-, Fort- und Weiterbildung und dem beruflichen Aufstieg, zu fördern sowie die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu fördern.

Abgesehen von der ureigenen gesetzlichen Pflicht von Betriebsräten und JAVen haben diese aber auch noch eine andere Rolle im Betrieb. Leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der sich Frauen grundsätzlich mehr beweisen müssen als Männer. Dieser Unterschied wird nirgendwo so deutlich wie im Erwerbsleben. Besonders in männerdominierten Berufssegmenten wie der Industrie, IT und Naturwissenschaft mit Frauenquoten von teilweise weit unter 25 % wird der Unterschied bei der Bezahlung und der Besetzung von Führungspositionen besonders klar. Hier können junge, starke Betriebsrätinnen, Jugendvertreterinnen und Gewerkschafterinnen mit gutem Beispiel für ihre Kolleginnen vorangehen und mit ihnen gemeinsam für ihre Rechte einstehen.

Die Kraft und den Rückhalt dafür kann frau sich immer in der Gewerkschaft sichern. Natürlich haben Gewerkschaften auch in dem ein oder anderen Punkt Nachholbedarf für Gleichberechtigung und Feminismus. Nur ein Drittel aller Gewerkschaftsmitglieder sind weiblich (2017: 33,7%). In der IG Metall spiegelt sich zudem der sowieso schon geringe Frauenanteil der Metallbranche wieder: nur 18 % der „Metaller_innen“ sind Frauen. Da kann es als schon mal passieren, dass man bei einem Ortsjugendausschuss mit rund 30 jungen Männern die einzige Frau ist.

Und auch unangenehmere Erlebnisse bleiben nicht aus. Ich habe mal mitbekommen, wie ein Kollege eine Kollegin beleidigt hat. Oder wie ein Betriebsrat eine Jugendvertreterin bei einem Seminar absolut unerwünscht und obszön angefasst hat. Im betrieblichen Umfeld hört man immer wieder von nicht verlängerten Arbeitsverträgen und schlechteren Ausbildungsbedingungen – über alle Branchen hinweg.

Gewerkschaften als Ort um kollektiv gegen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten vorzugehen

Die Diskriminierung von (jungen) Frauen, kennen wir also nicht nur aus dem Alltag, sondern auch am Arbeitsplatz und im gewerkschaftlichen Kontext kommt so etwas vor. Der Umgang damit ist in Gewerkschaften aber oft ein anderer. Durch Interessenvertretungen, wie es die JAVen für die Auszubildenden sind, gibt es die Möglichkeit, kollektiv gegen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten vorzugehen.

Beim Ortsjugendausschuss wurde ich herzlich begrüßt und aufgenommen und hatte in keinem Moment das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Die Beleidigung des Kollegen wurde von zwei Dabeistehenden sofort aufgegriffen und verurteilt. Die Kollegin, die zuvor sexuell belästigt wurde, wurde von einer anderen Kollegin sofort aus der Situation befreit und der Belästiger wurde des Ortes verwiesen. Soweit ich weiß, wurde er im Nachhinein auch mindestens von weiteren Seminarteilnahmen bei der IG Metall gesperrt.

Betrieblicher Handlungsbedarf zur Durchsetzung der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern wird von den JAVen und Betriebsräten aufgegriffen und behandelt. Betriebsräte haben die Möglichkeit, mit dem Arbeitgeber Betriebsvereinbarungen zu diesem Thema abzuschließen und durch zielgerichtete Maßnahmen gleichstellungsorientierte Personalpolitik im Unternehmen voranzutreiben. Die JAVen greifen die besonderen Interessen von jugendlichen Beschäftigten und Auszubildenden auf und geben diese an den Betriebsrat weiter. So wird sichergestellt, dass auch die Themen der jungen Mitarbeitenden immer beim Betriebsrat auf der Agenda stehen.

Gewerkschaften als Akteur für faire Arbeitsbedingungen

Was ich damit sagen möchte: Gewerkschaften sind genau wie betriebliche Interessenvertreter_innen ein wichtiger Akteur (sowohl politisch als auch innerbetrieblich) um faire Arbeitsbedingungen und ein diskriminierungsfreies Arbeitsklima herzustellen. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften bieten jede Menge Bildung und Unterstützung an, um Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern herzustellen. Als Betriebsrätin, Jugendvertreterin und Gewerkschafterin kannst du diese Angebote nutzen, um dir in der Gewerkschaft die Rückendeckung der männlichen Kollegen zu sichern. Gleichzeitig bist du für deine Kolleginnen im Betrieb und in der Gesellschaft ein Vorbild für den Kampf für Chancengleichheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Cosima Steltner

DGB/Thomas Range

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