Deutscher Gewerkschaftsbund

15.01.2024

Was Windeln wechseln und Klo putzen mit Wirtschaft zu tun haben. Wir entlarven gängige Scheinargumente!

von Feline Tecklenburg

Hände in andere Hände gelegt, davor steht eine Frau mit grüner Jacke

 

Kennst du das? Du plädierst im Gespräch mit Freund*innen für eine bessere Absicherung von einer Mutter, die zuhause unbezahlte Sorgearbeit leistet, und bekommst als Antwort: „Vielleicht sollte diese Frau einfach mehr arbeiten.“ Und auf dein Argument, dass unbezahlte Sorgearbeit ja auch Arbeit sei, folgt die Antwort: „Aber man kocht doch gerne, das muss doch nicht bezahlt werden!“ Und damit ist die Diskussion dann eigentlich vorbei, obwohl du das Gefühl nicht loswirst, dass da etwas nicht so ganz stimmen kann.

Viele weiblich sozialisierte Personen sagen noch heute, sie seien „nur zuhause“ und würden „nicht arbeiten“, wenn sie Care-Arbeit leisten. Das hat damit zu tun, dass wir immer noch ausschließlich an Erwerbsarbeit denken, wenn wir von Arbeit sprechen. Die Sorgearbeit zuhause, also Tätigkeiten wie putzen, kochen, Kinder großziehen, kranke oder alte Personen pflegen, wird gerne als typisch weibliche Aufgabe bezeichnet. Das hat Folgen: Das hat Folgen: Wenn bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengezählt werden, arbeiten Frauen* in Deutschland im Schnitt zehn Stunden mehr pro Woche als Männer*, das ist mehr als ein ganzer Lohnarbeitstag. Das zeigt sich aber nicht in der existenziellen Absicherung und auch nicht in der Rente. Im Schnitt bekommen Frauen* nur fast halb so viel Rente wie Männer*. Die Mehrheit aller Armutsbetroffenen weltweit sind Frauen* und Kinder.

Das Bewusstsein, dass Sorgearbeit die Grundlage von Wirtschaft ist, ist nicht wirklich weit verbreitet. Das haben wir vor allem den (neo-) liberalen Wirtschaftspolitiken der letzten vierzig Jahre zu verdanken, aber auch den patriarchalen und diskriminierenden Strukturen in unserer Gesellschaft. Auch wenn in der Covid19-Pandemie viele begriffen haben, dass es offensichtlich einen Zusammenhang zwischen einer funktionierenden Gesellschaft, Sorgearbeit in all ihren Facetten und der wirtschaftlichen Situation eines Landes gibt, fehlt oft noch die wirtschaftliche und politische Anerkennung dafür.

Hier folgt ein kurzer Blick auf klassische Diskussionspunkte, in denen der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wert von Sorgearbeit aberkannt wird. Stattdessen wird mit sogenannten „Scheinargumenten“ auf einem „Weiter so!“ im bisherigen Wirtschaften beharrt.

Scheinargument Nr. 1: „Man muss Wohlstand erst erwirtschaften, bevor man ihn verteilen kann!“ oder
Was Sorgearbeit mit Wirtschaft zu tun hat

Es ist einer der klassischen Sätze aus dem wirtschaftsliberalen Lager. Finanzminister Christian Lindner hat ihn uns dieses Jahr wieder öfters unter die Nase gerieben: Wohlstand müsse erst erwirtschaftet werden, bevor er verteilt werden könne. Damit meint er, dass der Staat durch eine gut laufende Wirtschaft und Steuereinnahmen erstmal Geld einnehmen müsse, bevor er dieses Geld für soziale Ausgaben nutzen könne. Das klingt so, als wäre es ein Luxus, sich um pflegebedürftige Alte zu kümmern, Babys die Windeln zu wechseln, Kindern das Schreiben beizubringen oder Menschen die Haare zu schneiden, den sich die Gesellschaft nur leisten kann, wenn Geld dafür übrigbleibt. Dieser Luxus wird scheinbar von der Auto- und Stahlindustrie und den Energie- und Immobilienkonzernen ermöglicht. Nur wenn es in diesen Branchen gut läuft, können auch soziale Ausgaben finanziert werden. Es verhält sich aber genau umgekehrt, denn all die klassischen Wirtschaftsprodukte könnten gar nicht produziert werden, bevor Menschen geboren und aufgezogen werden und sich jeden Tag aufs Neue durch die Befriedigung ihrer Bedürfnisse gegenseitig am Leben halten. Wir brauchen also Menschen, die Sorgearbeit übernehmen und sich um andere kümmern, um überhaupt erst andere Produkte wie Elektrogeräte oder Autos zu produzieren.

Wie kommt es dann, dass wir beim Wort „Wirtschaft“ nicht an die menschliche Bedürfnisbefriedigung und Arbeit im Haushalt denken, sondern eher an Geld, die Industrie, Shopping-Malls und Autokonzerne?

Es liegt daran, dass als „Wirtschaft“ heute nur zählt, was Geld kostet oder einbringt. Auf Wikipedia wird Wirtschaft allerdings grundsätzlicher definiert: „Wirtschaft oder Ökonomie ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen.“ Die Aufgabe von Wirtschaft ist demnach zuallererst Sorgearbeit. Und die Sorgearbeit ist eingebettet in Verteilungsfragen: Wer braucht wann, was und wie viel davon? Wie diese Verteilungsfrage gelöst wird, ist eine menschliche Entscheidung und kein marktwirtschaftliches Naturgesetz. Wirtschaft ist gestaltbar und das macht uns alle zu aktiven Wirtschafter*innen.

Weltweit werden 16 Milliarden Stunden täglich mit unbezahlter Sorgearbeit verbracht, zu ¾ von Frauen*. Selbst wenn der Anteil der unbezahlten Sorgearbeit nur mit einem geringen Lohn bezahlt werden würde, würde er knapp 40% des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Unbezahlte Sorgearbeit ist damit der größte Wirtschaftssektor in Deutschland. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn es um die Frage einer zukunftsfähigen und gleichberechtigten Wirtschaft geht. Denn man kann keine geschlechtergerechte Politik machen, wenn der größte Sektor der Wirtschaft nicht sichtbar ist. Und wenn wir alle immer wieder das Gefühl bekommen, dass Wirtschaft nichts mit uns zu tun hätte! Von daher gilt: Wir müssen erst gute Rahmenbedingungen für Sorgearbeit und Bedürfnisbefriedigung schaffen, bevor wir uns über die Notwendigkeit der Produktion von Autos unterhalten können!

Scheinargument Nr. 2: „Aber man kann doch für Liebe nicht bezahlen!“ oder
Weshalb es so schwierig ist, über Lösungen für unbezahlte Sorgearbeit zu sprechen

Gut, dann haben wir zunächst geklärt, dass Sorgearbeit auch Wirtschaft ist. Es gibt bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit. Bezahlte Sorgearbeit wird ohne Zögern als wirtschaftlicher Sektor anerkannt, wenn ein*e Altenpfleger*in ihrer Klientin in einer Einrichtung das Frühstück bringt. Macht eine pflegende Angehörige dasselbe zuhause, ist das ein Liebesdienst und es wird empört gesagt, dass es doch nicht in Ordnung sei, dafür Geld zu verlangen.

Wie bekommen wir es hin, die unbezahlte Sorgearbeit zur offiziellen „Wirtschaft“ zu zählen?

Wir könnten damit anfangen Tatsachen anzuerkennen: zum Beispiel durch statistische Erhebungen und Veränderungen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Wie das im Alltag umgesetzt werden kann, müssen wir alle miteinander diskutieren. Klar ist: es muss viel Geld in die Hand genommen werden, um alle Arbeit gerecht zu bezahlen. Aber Geld ist nicht das einzig mögliche Mittel, um Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle zu schaffen. Am wichtigsten ist es, dass Menschen eine Wahl haben, wie sie ihre Sorgearbeit leben wollen. Dafür braucht es genügend für alle: genug Kinderbetreuungsplätze, genügend ausgeruhte und motivierte Ärzt*innen und Pfleger*innen, genügend Lehrer*innen, genügend soziale Angebote für alle Menschen. Es braucht eine realistische Anrechnung von unbezahlter Sorgearbeit auf Rentenbeiträge, damit Menschen, die sich zuhause um andere kümmern, nicht in Altersarmut landen. Und es braucht bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für die Menschen, die sich beruflich um andere kümmern.

Scheinargument Nr. 3: „Wer nur Klos putzt, sollte aber nicht so gut bezahlt werden wie eine Ärztin!“ oder
Wieso wir immer noch das alte Leistungssystem im Kopf haben

Argumentiert man für bessere Löhne im Sorgesektor, ist das ein klassisches Argument: verschiedene Sorgearbeiten werden miteinander verglichen und auf- oder abgewertet. Eine Reinigungskraft im Krankenhaus ist für die internen Abläufe jedoch genauso wichtig wie die Ärztin. Und wenn in den Schulen niemand die Toiletten putzt, wird es sehr schnell unhygienisch. Kindergartenkinder zu betreuen, ist genauso wertvoll wie Schüler*innen zu unterrichten.

Das aktuelle wirtschaftliche System hat uns eingebläut, dass Leistungen und Arbeiten unterschiedlich viel wert sind, je nachdem, wie viel Gewinn sie einbringen und von wem sie ausgeführt werden. Dieser Maßstab ist jedoch willkürlich und diskriminierend.

Für viele Arbeiten braucht es besondere Fähigkeiten. Oft besteht Arbeit aber auch aus immer gleichen Vorgängen. Ein Topf wird einmal produziert und dann tausend Mal abgewaschen. Eine Schwangerschaft bedeutet ungefähr neun Monate stetiges Wirken des Körpers. Kinder großzuziehen, erfordert jede Menge Geduld und Zeit. Wer an der Supermarktkasse arbeitet, muss lange sitzen und ein dickes Fell haben. Landwirt*innen produzieren nicht nur Nahrung, sondern kümmern sich auch um den Erhalt der Landschaft, wie wir sie kennen. Am Ende braucht es die verschiedenen Leistungen vieler unterschiedlicher Menschen. Krankenpfleger*innen, Kassierer*innen, Reinigungskräfte, Landwirt*innen, Erzieher*innen und Logistikmitarbeiter*innen sollten genau wie Ärzt*innen und Lehrer*innen einen existenzsichernden Lohn und entsprechende Arbeitsbedingungen erhalten.

Eine Aufwertung der SAHGE-Berufe (Soziale Arbeit, Hauswirtschaft, Gesundheit und Erziehung) ist übrigens auch klimapolitisch relevant, denn Care-Arbeit hat im Vergleich zu anderen Tätigkeiten und Industrien einen sehr geringen CO2 Ausstoß. Das macht diese Bereiche zu klimafreundlichen und sinnstiftenden Arbeitsfeldern der Zukunft.

Scheinargument Nr. 4: „Man muss wirtschaftlich unabhängig sein!“ oder
Warum finanzielle Unabhängigkeit erst der Anfang ist

Du hörst diesen Satz und fragst dich: Was genau ist eigentlich wirtschaftliche Unabhängigkeit? Du denkst an deine Tante, die ihr Leben lang Sorgearbeit geleistet hat und nun trotzdem den Platz im Pflegeheim nicht bezahlen kann.

Im liberalen Wirtschaftsverständnis ist Geld der Maßstab schlechthin. Wie wir weiter oben gelernt haben, sind geldvermittelter Tausch und Handel allerdings nur ein kleiner Teil vom Ganzen der Wirtschaft. Und ja, Geld ist praktisch, denn ein allgemeines Tauschmittel kann helfen, Ressourcen zwischen allen Menschen zu verteilen.

Geld kann ein Leben nach individuellen Vorstellungen ermöglichen. So haben Frauen* in unserer patriarchalen Gesellschaft durch das Recht, eigenes Geld zu verdienen, viel Lebensqualität gewonnen. Es gibt aber weitere Abhängigkeiten als die Abhängigkeit von Geld: von gut bezahlten Erwerbsarbeitsplätzen, fairen Arbeitgeber*innen, bezahlbarem Wohnraum, Kitaplätzen in der Nähe, einer funktionierenden Gesundheitsversorgung, komfortablen Orten zum Altwerden, guter Nachbarschaft und vielem mehr.

Fazit

Alle Menschen sind fürsorgeabhängig, vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens. Sie haben Hunger und Durst, sie werden krank, sie erleiden Unfälle, sie altern, sie brauchen ein soziales Umfeld und ein Dach über dem Kopf. Wenn wir anerkennen, dass wir ohne die Fürsorge, die es für diese Abhängigkeit braucht, keine klassische Wirtschaftsproduktion geben kann, dann ist die eigene Unabhängigkeit durch Geld nur ein allererster Schritt, dem noch viele weitere folgen müssen. Dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, was die Scheinargumente so gezielt verschleiern: Was verstehen wir unter Arbeit? Wieso landen immer noch Frauen*, die unbezahlte Sorgearbeit leisten, in Altersarmut? Wieso bewerten wir Leistungen unterschiedlich, wenn am Ende doch alles nur zusammen funktioniert? Und wieso denken wir bei wirtschaftlicher Unabhängigkeit zunächst an Geld und nicht an alles andere, was ein Leben lebenswert macht?

 

Eine Frau mit braunen Haaren

Philip Wilson

Quellen:

Nina Klünder, 2016: Differenzierte Ermittlung des Gender Care Gap auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/13. Expertise im Rahmen des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung.

Statistisches Bundesamt, 2023: Gender Pension Gap

Oxfam, 2020: Im Schatten der Profite