Deutscher Gewerkschaftsbund

Acht Tipps: So nimmst du deine wirtschaftliche Unabhängigkeit in die Hand

von Flora Antoniazzi und Laura Rauschnick

Vorsätze 2019

DGB/rawpixel/123rf.com

Dieser Text entstand zum Jahreswechsel 2018/2019, ist aber universell gültig und hilfreich für alle, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit anpacken wollen. Denn wir finden: All die „Mehr-Sport-Machen“ und „Gesünder-Kochen-Vorsätze“ kannst du auch getrost über den Haufen werfen. Stattdessen könntest du dich fragen: Was verdient die Frau (im neuen Jahr)? Klar: Wirtschaftliche Unabhängigkeit! Und die hat viele Facetten.

Statistisch gesehen arbeiten Frauen häufiger in Berufen, die schlechter bezahlt werden als klassische „Männerberufe“ oder im Niedriglohnsektor zu finden sind. Außerdem steigen Frauen häufiger und länger aus dem Erwerbsleben aus oder reduzieren ihre Erwerbsarbeitszeit, beispielsweise für Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen. Die Folgen: Frauen verdienen immer noch fast ein Viertel weniger als Männer und haben signifikant schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Geschweige denn ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit langfristig zu sichern. Und einmal getroffene Entscheidungen haben Folgen.

1. Verschaffe dir einen Überblick

Du willst dich für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit stark machen – super! Damit das wirklich nachhaltig und langfristig gelingt, solltest du als erstes herausfinden wo du aktuell stehst. Was sind deine Rechte und Möglichkeiten, aber auch Stolpersteine, auf die du im Laufe deines (Erwerbs-)Lebens stoßen kannst. Das Ziel sollte es sein, informierte Entscheidungen zu treffen. Welche Entscheidung zu welchem Zeitpunkt in meinem Leben kann welche Konsequenzen mit sich bringen (zum Beispiel für die eigenständige Existenzsicherung oder Altersvorsorge)?

Gerade in der sogenannten "Rush-Hour des Lebens", wenn Familiengründung, Berufseinstieg und Karrierebeginn aufeinandertreffen, werden wichtige Grundsteine gelegt für die darauffolgenden Lebensphasen. Während viele Frauen nach der Geburt des ersten Kindes länger in Elternzeit gehen, den Großteil der Familienarbeit übernehmen und anschließend in Teilzeit wieder einsteigen, erhöhen Männer ihre Erwerbsarbeitszeit – das hat Folgen.

In unserer Mediathek findest du rund um das Thema wirtschaftliche Unabhängigkeit konkrete Tipps und Hinweise. 

2. Keine Angst vor dem Wort „Finanzen“!

Im Schnitt verdienen Frauen noch immer 19% weniger als Männer und bekommen im Alter durchschnittlich nur halb so viel Rente. Diese Zahlen zeigen, dass gerade Frauen sich frühzeitig darüber informieren sollten, wie sie vorsorgen und sparen können. Das kann damit anfangen, dass du mit deinem_deiner Partner_in darüber nachdenkst, was gemeinsam getan werden kann, um sich vor finanzieller Abhängigkeit zu schützen (mehr zum Thema Partnerschaftlichkeit dann unter Punkt 6).

Vielleicht hast du schon Versicherungen und Absicherungen – einen Bausparvertrag, ein Sparkonto oder auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Vereinbare einen Termin bei der Verbraucherzentrale oder bei einem_einer unabhängigen Honorarberater_in (letztere werden von dir als Kundin selbst bezahlt und verdienen nicht an Provisionen). Sie informieren dich darüber, welche Finanzierungsmöglichkeiten zu dir passen könnten.

Als Einstieg hilft dir aber auch erstmal unser Feminar „Mo­ney, mo­ney, mo­ney... Nimm dei­ne Fi­nan­zen selbst in die Han­d!"

3. Budget erstellen

Verschaffe dir zunächst einen Überblick über deine Einnahmen und Ausgaben. Zum Beispiel indem du alle deine Einnahmen und Ausgaben aufschreibst und ein paar Wochen lang ein Haushaltsbuch führst. Fang am besten gleich heute damit an! Wenn du einen Überblick hast, kannst du dir ein Budget erstellen (d.h. einen Teil deines monatlich zur Verfügung stehenden Einkommens), das direkt auf ein Sparkonto o.ä. überwiesen wird.

Kennst du die 50-30-20-Regel? Sie kann dir helfen, deine Finanzen unter Kontrolle zu bekommen:

  • 50 % des Einkommens geht für die Grundausgaben drauf: Die laufenden Ausgaben für Miete, Auto, Lebensmittel, Strom, Handy usw. Tipp: Viele Banken bieten das Zweitkonto kostenlos zum Girokonto an. Vielleicht legst du ein Konto an, auf das du diese 50 % am Anfang des Monats überweist.
  • 30 % sind für persönliche Bedürfnisse gedacht: Essen gehen, Urlaub, Hobbys, Shopping, Ausgehen, Freizeitaktivitäten.
  • 20 % sind zum Sparen oder zur Schuldentilgung: Denn bevor du mit sparen anfängst, ist es sinnvoll, zunächst vorhandene Schulden – etwa aus einem Studienkredit – zu begleichen. Wenn das geschafft ist, sorgt ein Dauerauftrag am Monatsanfang auf ein separates Spar- oder Tagesgeldkonto dafür, dass du dir z.B. den sogenannten Notgroschen ansparen kannst! Wenn dann deine Waschmaschine kaputtgeht, bist du für’s erste gewappnet. Außerdem: Ein Notgroschen kann in bestimmten Situationen auch ein „Fluchtgroschen“ werden, der dir jederzeit die Möglichkeit gibt, aus einer unangenehmen Situation zu „fliehen“. Das kann der ausbeuterische Job, aber auch eine Beziehung sein.

4. Gehalt neu verhandeln

Bald steht dein Berufseinstieg an, deine Probezeit läuft aus, dein Vertrag wird verlängert oder du schließt eine Weiterbildung ab? Das alles sind gute Zeitpunkte, dein Gehalt neu zu verhandeln. Du kannst nicht immer direkt beeinflussen, wieviel dein Arbeitgeber für dich ausgeben kann oder will und auch nicht, wieviel Gehalt in deiner Branche typisch ist. Du solltest aber fordern, was dir zusteht, denn: Du bist es wert!

Um herauszufinden ob du fair bezahlt wirst, kann es hilfreich sein mit deinen Kolleg_innen darüber zu sprechen, was sie verdienen – du hast das Recht dazu. Entegen der weitverbreitenten Annahme ist eine Verschwiegenheitsklausel in deinem Arbeitsvertraf nicht rechtens: Du darfst über dein Gehalt sprechen! Du kannst dich auch von deinem Betriebs- oder Personalrat beraten lassen, wie dein Gehalt im Unternehmensdurchschnitt ausfällt.

Wenn du keinen Betriebs- oder Personalrat hast, kannst du Einstiegs- oder Durchschnittsgehälter auch online recherchieren, z.B. beim LohnSpiegel der Hans-Böckler-Stiftung, beim Gehaltsportal oder für Tariflöhne auf der Website http://oeffentlicher-dienst.info. Tipp: Wenn du Gewerkschaftsmitglied bist, kannst du dich auch direkt bei deiner Gewerkschaft über deine Gehaltsvorstellungen informieren!

Wenn es dann soweit ist, dass du dein Gehalt (neu) verhandeln kannst, steige auf jeden Fall mit deiner Maximalforderung ein. Welche Argumente du dir vorher überlegen solltest und wie du mit einer „Niederlage“ im Gehaltsgespräch umgehen kannst, erfährst du in unserem Feminar „Du bist es wert!“.

ABER: Nicht Frauen allein sollten dafür verantwortlich sein, ihr faires Gehalt zu verhandeln. Vor allem wollen wir gerechte Entgeltstrukturen schaffen, die Frauen nicht benachteiligen (Stichwort Gender Pay Gap). Arbeitgeber_innen können beispielsweise den "eg-check" durchführen, um zu überprüfen ob Männer und Frauen im eigenen Betrieb fair bezahlt werden. Außerdem gibt der § 80 des Betriebsverfassungsgesetztes (BetrVG) dem Betriebsrat ein konkretes Instrument an die Hand, um die Entgeltstrukturen im Betrieb zu überprüfen. Und zwar durch Einsichtnahme in die Bruttolohn- und Gehaltslisten.

5. Denk an später – ein Mann ist keine Altersvorsorge!

Auch wenn sich das Thema Altersvorsorge für dich noch sehr weit weg anfühlt: Beschäftige dich lieber heute als morgen damit! Zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen verdienen nicht genug, um ihre eigene Existenz langfristig zu sichern. Sie bekommen durchschnittlich 53 Prozent weniger Rente als Männer, das bedeutet konkret: Frauen erhalten durchschnittlich 814 €. Die Folge: Frauen sind oftmals wirtschaftlich abhängig und von Altersarmut bedroht. Da die zu erwartenden Rentenzahlungen beständig sinken, ist nicht mehr garantiert, dass es im Alter reicht: Prognosen sagen, dass 2036 fast 30 % aller Frauen im Rentenalter von Altersarmut bedroht sein werden!

Du solltest vor allem im Hinterkopf behalten, dass sich deine heutigen Entscheidungen (z.B. Kindererziehungszeiten, aber auch ein nicht sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis) auf deine Rente auswirken werden. Konkret heißt das: Je seltener bzw. kürzer du deine Erwerbstätigkeit unterbrichst und umso länger du in einem Job arbeitest, der sozialversicherungspflichtig ist, desto besser. Übrigens: Teilzeitarbeit muss nicht per se schlecht für die Rente sein, allerdings erwirtschaftest du in Teilzeit auch weniger Gehalt, was geringere Beiträge für die Rentenkasse und letztlich geringere Rentenbezüge bedeutet.

Denn: Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Gerade seit 2008 hat sich das Unterhaltsrecht so verändert, dass die Befristung und Begrenzung von Zahlungen gestärkt wurde. So kommentierte die damalige Justizministerin Brigitte Zypries die Gesetzesänderung so: „Einmal Zahnarztgattin, immer Zahnarztgattin – das gilt nicht mehr.“

Beantworte für dich also die folgenden Fragen: Was hast du schon? Was möchtest du im Alter zur Verfügung haben? Wie hoch ist der aktuelle Stand deiner zukünftigen gesetzlichen Rente? Und was hast du vielleicht schon privat für die Rente angespart?

Bei den Beratungsstellen der deutschen Rentenversicherung bekommst du Infos über den aktuellen Stand deiner zukünftigen Rente. Eine zusätzliche private Vorsorge ist dabei durchaus sinnvoll – beraten lassen kannst du dich dazu z.B. bei den unabhängigen Verbraucherzentralen. Leider ist es nicht für jede_n möglich, privat vorzusorgen und vom monatlichen Einkommen einen Teil in private Vorsorge einzuzahlen. Wichtig ist aber immer, den für dich besten Mix aus den drei Säulen gesetzliche Rentenversicherung, privater Vorsorge und betrieblicher Vorsorge zu finden.

6. Arbeit fair teilen

Unser Rat an dich: Partnerschaftlichkeit – bei der Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit, als auch bei den Finanzen. Was bedeutet das? Die Idee von Partnerschaftlichkeit ist, das beide Partner_innen sich die bezahlte und unbezahlte Arbeit gerecht aufteilen.

Das kann bedeuten, dass beide in verkürzter Vollzeit, zum Beispiel 30 Stunden in der Woche, erwerbstätig sind und sich dafür die Familienarbeit gerecht teilen. So ist die Gesamt-Erwerbsarbeitszeit ähnlich verteilt wie beim deutschen Durchschnittspaar (eine Person in Vollzeit und eine in Teilzeit) aber beide profitieren davon. Denn beide haben die Möglichkeit eines existenzsichernden Einkommens und Zeit für die Kinder. Jackpot also.

Sprich am besten heute noch mit deinem_deiner Partner_in über das Thema partnerschaftliche Arbeitsteilung und Vereinbarkeit. Das solltest du am besten schon so früh wie möglich in einer Beziehung tun, denn nur so lernst du die Vorstellungen des_der anderen kennen. Alle Bereiche, von der Erwerbs- über die Hausarbeit bis hin zur Freizeit und – wenn ihr Kinder habt – Kinderbetreuung können gerecht aufgeteilt werden. Viele hilfreiche Tipps findet ihr in unserer Mediathek zu den Themen Sharing is Caring oder Mental Load.

Wollt ihr keine partnerschaftliche Arbeitsteilung, ist es sinnvoll zumindest die Finanzen partnerschaftlich zu planen, um wirtschaftliche Abhängigkeit und Altersarmut zu vermeiden. Das bedeutet, dass das Geld beider Partner_innen als Familieneinkommen gerecht geteilt wird und eine zusätzliche private Rentenversicherung für die Person, die in Teilzeit arbeitet oder zu Hause bleibt, eingerichtet wird.

Aber auch dann: Bedenkt immer, welche Entscheidung im Leben welche Konsequenzen mit sich bringen kann und in welche wirtschaftliche Abhängigkeit ihr euch begeben wollt. Denn selbst mit einem finanziellen Ausgleich für die unbezahlte Sorgearbeit könnt ihr Nachteile haben, wenn ihr später nach einer langen Erwerbspause oder Teilzeit wieder im Job durchstarten wollt.

7. Spread the Word!

Du hast tolle Pläne, dich für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit stark zu machen! Das ist schon mal der erste, super wichtige Schritt! Natürlich kann es erstmal ganz schön verwirrend sein, sich einen Überblick über Altersvorsorge, Elterngeld oder das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit zu verschaffen. Mit der Zeit kommt aber Licht ins Dunkel – in unserer Feminar-Mediathek bekommst du z.B. schon jede Menge hilfreiche Tipps und Tricks.

Außerdem gilt: Zusammen ist man weniger allein! Warum motivierst du nicht auch deine Freundinnen (und Freunde)? Da viele Frauen mit den gleichen Herausforderungen, Stolpersteinen und Entscheidungen konfrontiert sind, lohnt es sich, sie mit ins Boot zu holen. Wir sind immer wieder überrascht, wieviele Frauen nicht darüber Bescheid wissen, dass ein Mann eben doch keine Altersvorsorge ist und was es bedeutet, plötzlich auf sich alleine gestellt zu sein. Desto mehr Frauen wir mit dem Thema erreichen können, desto mehr verhindern wir, dass Frauen in eine Abhängigkeit geraten oder von Armut bedroht sind.

8. Mach dich stark und sei solidarisch!

Ein "Tipp", den wir gar nicht genug betonen können: Bildet Banden! Verbünde, vernetze und tausche dich (noch mehr) mit anderen Frauen aus! Triff deine Freundinnen häufiger, iss Mittag mit der netten Kollegin aus der anderen Abteilung und benennt auch Dinge wie Sexismus gemeinsam. Wenn eine Kollegin zum Beispiel gerade eine gute Idee vorstellt und unterbrochen wird, stärke ihr den Rücken: „Moment, lässt du sie bitte mal ausreden?“ oder stell Fragen wie „Katja, was meinst du?“. Möchte jemand anders die Lorbeeren ernten, stellt das richtig: „Ja genau, wie Frau Müller gerade gesagt hat!“. In dem tollen Buch „Feminist Fight Club“ von Jessica Bennett (Lesetipp!) gibt es die Regel: Wir bekämpfen das Patriarchat, nicht uns gegenseitig!

P.S.: Kennst du die „72-Stunden-Regel“?

Sie sagt: Alles, was man sich vornimmt, muss auch innerhalb von 72 Stunden beginnen, sonst sinkt die Chance, dass man das Projekt jemals umsetzt.

Also: Leg am besten gleich los, mach dich stark und nimm deine eigene wirtschaftliche Unabhängigkeit in die Hand!