Deutscher Gewerkschaftsbund

Sechs Tipps: Nimm dein Leben selbst in die Hand

von Flora Antoniazzi und Laura Rauschnick

Vorsätze 2019

DGB/rawpixel/123rf.com

Du willst wirtschaftliche Unabhängigkeit? Die „72-Stunden-Regel“ besagt: Alles, was du dir vornimmst, solltest du innerhalb von drei Tagen ins Rollen bringen. So stehen deine Erfolgschancen bei 90 Prozent. Danach sinken sie rapide. Also: Here we go!

Im Schnitt

  • verdienen Frauen noch immer 18 Prozent weniger als Männer
  • arbeiten Frauen häufiger im Niedriglohnsektor, in Teilzeit oder auf Minijob-Basis
  • steigen Frauen länger zugunsten von Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben aus dem Erwerbsleben aus
  • haben Frauen deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen
  • beziehen Frauen im Alter nur halb so viel Rente wie Männer

Schluss damit!

Du willst wirtschaftlich unabhängig werden, sein und bleiben? Eine gute Entscheidung! Denn sie sichert dir Selbstbestimmung – heute, morgen und übermorgen. Damit dir das gelingt, mach dir einen Plan: Definiere, wohin du willst. Finde heraus, wo du aktuell stehst. Informier dich über deine Rechte und Möglichkeiten. Setz dich mit Stolpersteinen auseinander. Vergegenwärtige dir Konsequenzen. So versetzt du dich selbst dazu in die Lage, fundiert Entscheidungen zu treffen.

Ein paar Tipps für den Weg:

1. Habe dein Budget im Blick

Verschaffe dir einen Überblick über deine Einnahmen und Ausgaben, zum Beispiel, indem du ein paar Wochen lang ein Haushaltsbuch führst. Fang am besten gleich heute damit an. Wenn du einen Überblick hast, kannst du dir Budgets erstellen – für die laufenden Kosten, für Schönes, fürs Sparen oder auch für die Tilgung von Schulden. Die 50-30-20-Regel hilft dir dabei:

  • 50 Prozent gehen für Grundausgaben drauf: Miete, Lebensmittel, Strom, Handy usw. Tipp: Viele Banken bieten zum Girokonto ein kostenloses Zweitkonto an. Vielleicht nutzt du das und überweist die 50 Prozent am Anfang jeden Monats dorthin.
  • 30 Prozent sind für die schönen Dinge im Leben gedacht: Essen gehen, Urlaub, Hobbys, Shopping, Ausgehen, Freizeitaktivitäten.
  • 20 Prozent dienen dem Sparen oder der Schuldentilgung: Einfach den Betrag auf ein separates Spar- oder Tagesgeldkonto überweisen. Auch hier kann ein Dauerauftrag am Monatsanfang sinnvoll sein. Wenn dann deine Waschmaschine kaputtgeht, bist du gewappnet. Zudem: Ein Notgroschen kann auch zum rettenden „Fluchtgroschen“ werden, der dir die Möglichkeit gibt, eine unangenehme Situation zu verlassen – zum Beispiel den ausbeuterischen Job oder auch die toxische Beziehung.

In unserer Mediathek findest du rund um das Thema wirtschaftliche Unabhängigkeit konkrete Tipps und Hinweise. 

2. Keine Angst vor dem Wort „Finanzen“!

Verträge, Versicherungen, Konten, Kredite – verschließe nicht die Augen davor, lass dir aber auch nichts aufquatschen. Mach dich schlau, welche Finanzierungsmöglichkeiten zu dir passen. Vereinbare wenn nötig einen Termin bei der Verbraucherzentrale oder bei unabhängigen Honorarberater*innen. Letztere bezahlst du selbst, was von Vorteil ist, weil sie nicht an Provisionen verdienen. Und – lass auch Partnerschaften nicht aus Angst vor Romantikverlust außen vor: Überlegt gemeinsam, was getan werden kann, um finanzielle Abhängigkeiten zu vermeiden.

Tipp: Schau dir unser Feminar „Money, money, money... Nimm deine Finanzen selbst in die Hand!" an!

3. Verhandle dein Gehalt selbstbewusst

Grundsätzlich gilt: Fordere, was dir zusteht – du bist es wert. Um herauszufinden, wie viel das ist, kannst dich vom Betriebs- bzw. Personalrat oder auch von deiner Gewerkschaft beraten lassen. Für eine kleine Online-Selbstrecherche zu Einstiegs- oder Durchschnittsgehältern sind der Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung oder das Gehaltsportal gute Adressen. Auch ein Gespräch mit deinen Kolleg*innen kann Orientierung geben. Übrigens: Entgegen der weitverbreiteten Annahme ist eine Verschwiegenheitsklausel in deinem Arbeitsvertrag nicht rechtens: Du darfst über dein Gehalt sprechen.

Deine Probezeit läuft aus, dein Vertrag wird verlängert oder du schließt eine Weiterbildung ab? Alles gute Zeitpunkte, um dein Gehalt neu zu verhandeln. Steige auf jeden Fall mit deiner Maximalforderung ein.

Tipp: Schau dir unser Feminar „Du bist es wert!“ an!

ABER: Nicht Frauen allein sollten dafür verantwortlich sein, ihr faires Gehalt zu verhandeln. Wir wollen gerechte Entgeltstrukturen schaffen, die Frauen nicht benachteiligen (Stichwort Gender Pay Gap). Arbeitgeber*innen können beispielsweise den "eg-check" durchführen, um zu überprüfen ob Männer und Frauen im eigenen Betrieb fair bezahlt werden. Außerdem gibt der § 80 des Betriebsverfassungsgesetztes (BetrVG) dem Betriebsrat ein konkretes Instrument an die Hand, um die Entgeltstrukturen im Betrieb zu überprüfen. Und zwar durch Einsichtnahme in die Bruttolohn- und Gehaltslisten.

4. Denk an später – ein Mann ist keine Altersvorsorge!

Auch wenn sich das Thema Rente noch sehr weit weg anfühlt: Kümmere dich frühzeitig darum. Frauen sind in viel krasser von Altersarmut betroffen als Männer. Bedenke daher bei all deinen beruflichen Entscheidungen, welche Konsequenzen sie später im Leben für dich haben werden. Ganz sicher ist: Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Wenn du auch im Alter selbstbestimmt leben möchtest und nicht von Unterhaltszahlungen abhängig sein willst, musst du die Sache selbst in die Hand nehmen.

Von den Beratungsstellen der deutschen Rentenversicherung erfährst du den aktuellen Stand deiner gesetzlichen Rentenansprüche. Daneben gibt es noch private Vorsorge und Betriebsrenten. Am besten ist zwar ein Mix aus allen drei Säulen, aber der ist leider nicht für alle Frauen möglich. Lass dich in jedem Fall beraten – am besten bei unabhängigen Verbraucherzentralen.

5. Arbeit fair teilen

Unser Rat: Partnerschaftlichkeit – bei der Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit wie auch bei den Finanzen. Was das bedeutet? Die gleichberechtigte Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Partner*innen und in Familien.

Im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit kann das zum Beispiel eine 30-Stunden-Woche für alle Beteiligten bedeuten. So muss niemand auf Einkommen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten verzichten. Und eine gerechte Aufteilung der Care-Arbeit ermöglicht gleichzeitig allen ein bisschen Zeit für sich selbst, Freund*innen und Hobbys. Jackpot also.

Sprich so früh wie möglich mit deinem*deiner Partner*in über Vereinbarkeit. Nur so kannst du einschätzen, worauf du dich mit welchen Entscheidungen einlässt. Mindestens die Finanzen solltet ihr dringend partnerschaftlich planen, um Abhängigkeit und Altersarmut zu vermeiden. Zum Beispiel, indem alle Einkünfte als Familieneinkommen gerecht geteilt werden und eine zusätzliche private Rentenversicherung für diejenige Person abgeschlossen wird, die in Teilzeit arbeitet oder zu Hause bleibt.

Bitte: Überlege kritisch, in welche wirtschaftliche Abhängigkeit du dich begeben willst. Immer. Denn viele Modelle, die heute gut klingen, können später von Nachteil für dich sein.

Tipp: Schau dir unsere Feminare „Sharing is caring! So geht faire Arbeitsteilung privat & im Job"  oder „Unsichtbarer Stress?!? Wie ihr das Familienmanagement fair teilt" an!

 

6. Spread the Word! Mach dich stark und sei solidarisch!

Viele Frauen sind mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert. Aber es erschreckt uns immer wieder, wie viele sich darüber kaum Gedanken machen. Wie viele das eigene Leben, die eigene Unabhängigkeit für nicht so relevant halten. Sich darauf verlassen, immer mitversorgt zu werden – wider besseres Wissens. Nicht darauf vorbereitet sind, auf sich allein gestellt zu sein.

Zusammen ist man weniger allein. Deshalb gibt es diese Website und dieses Projekt. Je mehr Frauen wir erreichen, desto größer ist die Chance, dass sich mehr und mehr Frauen Unabhängigkeit aufbauen, bewahren und sie mit anderen teilen. Daher unser letzter Tipp, den wir gar nicht genug betonen können: Bilde Banden! Verbünde, vernetze und tausche dich (noch mehr) mit anderen Frauen aus! Triff deine Freundinnen häufiger, iss Mittag mit der netten Kollegin aus der anderen Abteilung und benennt auch Dinge wie Sexismus gemeinsam. Wenn eine Kollegin ständig unterbrochen wird, stärke ihr den Rücken: „Moment, lässt du sie bitte mal ausreden?“ oder frag nach „Katja, was meinst du?“. Möchte jemand anders die Lorbeeren ernten, stell das richtig: „Ja genau, wie Frau Müller gerade gesagt hat!“. In dem tollen Buch „Feminist Fight Club“ von Jessica Bennett (Lesetipp!) gibt es die Regel: Wir bekämpfen das Patriarchat, nicht uns gegenseitig!

Tipp: Lade dir unsere "Bildet Banden!" App runter und vernetze dich mit anderen jungen Frauen.

Sei informiert, vertrau auf deine Stärke, hol dir Support und bau verlässliche Netzwerke auf. Es ist dein Leben – nimm es in die Hand!