Deutscher Gewerkschaftsbund

Väter, wie kann's gehen?

10 Tipps von Heiner Fischer

DGB / Heiner Fischer

Heiner Fischer, 37 Jahre, wollte schon als Teenager jung Vater werden. Heute ist er Papa von zwei Kindern,  arbeitet in Teilzeit als Klinischer Sozialarbeiter und Coach in Krefeld und ist derzeit in Elternzeit. Als Mutmacher unterstützt er Väter in Workshops, Online-Kursen und (Online)-Väterkreisen auf dem Weg zur aktiven Vaterschaft. In den sozialen Medien und seinem Podcast gibt Heiner Fischer zudem Einblicke in die Vielfalt der „Vaterwelten“. Zuletzt regte er mit der Kampagne #VaterschaftIstMehr eine überregionale Debatte über die wichtige Rolle der aktiven Vaterschaft an. Für uns hat Heiner Fischer 10 Tipps zusammengestellt, wie Vaterschaft im Spannungsfeld zwischen Gelverdienen und Fürsorgearbeit partnerschaftlich gelingen kann.

Es gibt Männer, die geraten in eine innere Krise, sobald sie Vater werden. Auf ihnen liegt der Erwartungsdruck, die gesellschaftlichen Männlichkeitsanforderungen zu erfüllen und gleichzeitig ein fürsorglicher Vater, einfühlsamer Partner und zufriedener Mann zu sein. Dabei haben sie das nie gelernt und wissen oftmals gar nicht, wie das geht.

Während die Mutter also mit dem Kind in Elternzeit ist, arbeitet der Vater im Durchschnitt eine Stunde pro Woche länger als seine kinderlosen Kollegen. Er sieht sich in der klassischen Ernährerrolle und seine Verantwortung besteht darin, Geld zu verdienen. Gleichzeitig werden hohe Anforderungen an eine präsente Väterlichkeit gestellt. Sie gehen einher mit dem Verlust männlicher Identität und Lebensweise. Väter sollen mehr machen als wickeln, nachts aufstehen und Babybrei füttern. Sie sollen im Familienalltag sichtbar, ansprechbar und kompetent sein. Eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Wandel und Beständigkeit.

Väter befinden sich im Spannungsfeld zwischen Geldverdienen und Fürsorgearbeit. Nur 40 % von ihnen nehmen Elternzeit und dann durchschnittlich nur 3 Monate. Dabei wollen 60 % der Männer eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit in der Partnerschaft. Aber sobald die Familie den Kreißsaal verlässt, fällt sie in ein traditionelles Rollenbilder der 50er Jahre zurück. Warum also gelingt es Familien nicht, dass mehr Männer Care Verantwortung übernehmen? Was können Väter tun, um die richtige Balance zwischen Familie und Beruf zu finden?

1. Know Your Privilege!

Der erste und wichtigste Schritt zu einer aktiven Vaterschaft ist anzuerkennen, dass Männer in unserer Gesellschaft privilegiert sind. Privilegiert zu sein heißt dabei nicht, dass Männer alles im Leben umsonst gegeben wird. Dennoch verdienen Männer mehr Geld als Frauen und sitzen viel häufiger in Führungspositionen. Sie erhalten leichter einen Job und müssen keinen Karriereknick befürchten, wenn sie Elternzeit nehmen. Männer werden nicht aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, abgewertet oder sexualisiert. Und es sind Frauen, die häufiger von häuslicher, sexualisierter oder digitaler Gewalt betroffen sind.

2. Stelle Fragen und informiere dich!

Ein wichtiger Grundstein von aktiver Vaterschaft ist der Erwerb von Fürsorgekompetenzen. Die beruhigende Nachricht zuerst: Es gibt kein Fürsorge-Gen und dem Baby liegt auch keine Gebrauchsanweisung bei. Frauen müssen genau wie Männer, diese Kompetenzen erst lernen. Schon in der eigenen Kindheit legt sich der Grundstein für diese Kompetenzen. Mädchen spielen mit Puppen, passen auf andere Kinder auf und werden von ihren Eltern darin bestärkt. Jungs spielen Fußball, raufen sich und dürfen nicht mit Puppen spielen. Die Geschlechterklischees verfestigen sich. Gleichzeitig fehlen die väterlichen Vorbilder, an denen sich Jungs orientieren können.

Was kannst du also tun? Lies Bücher über die Schwangerschaft und tausche dich mit deiner Partnerin aus. Stelle Fragen und höre zu. Kauf dir Bücher über Vaterschaft und besucht gemeinsam den Geburtsvorbereitungskurs. Begleite deine Partnerin zu den Untersuchungen und bereite dich auf deine Rolle als Vater vor.

3. Tausche dich mit anderen Vätern aus!

Was Mütter in Pekip-Kursen und Still-Cafés machen, brauchen Väter auch: Austausch über die alltäglichen Herausforderungen im Vatersein. Seit fast einem Jahr leite ich einen solchen Gesprächskreis. Zu uns kommen Väter, die sich mit anderen über ihre neue Rolle austauschen wollen. Wir sprechen über unsere Vorbilder, über Geschlechterklischees und wie es gelingen kann, mit all den Herausforderungen, trotzdem ein aktiver Vater zu sein.

Was will ich dir damit sagen? Knüpfe Netzwerke und orientiere dich an Vätern, die es anders machen. Väter brauchen einen geschützten Raum und Zeit, um über ihre Gefühle, Ängste und Wünsche zu sprechen.

4. Nimm Elternzeit!

Vielleicht kennst du die Sprüche von älteren Männern, die jetzt „alles mit den Enkeln nachholen“ werden. Das finde ich sehr traurig, weil sie nichts nachholen können. Die Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen, es emotional zu begleiten, zu trösten und mit ihm kleine und große Erfolgserlebnisse zu feiern, ist ein einmaliges Erlebnis.

Elternzeit ist kein Privileg, sondern ein Recht. Daher wird sie auch nicht beantragt, sondern angemeldet. Studien sagen, dass väterliche Kompetenzen erst nach drei Monaten gelernt werden. Am besten dann, wenn die Mutter nicht anwesend ist und der Vater Zeit mit dem Kind verbringt. Sonst ist die Versuchung zu groß, dass der Vater die Wohnung renoviert, die Terrasse pflastert oder ein Carport baut, während die Mutter das Kind betreut.

5. Über Vorbilder sprechen!

„Welcher Mann war in deiner Kindheit für dich da?“ Diese Frage von meinem Freund Ivo haut mich immer wieder um. Wenn wir über unser Vaterbild sprechen, müssen wir auf unsere Kindheit und unseren Vater schauen. Ich bin in einer Generation von abwesenden Vätern groß geworden. Meine Mutter war Hausfrau, im Kindergarten waren nur Erzieherinnen und in der Schule waren die einzigen Männer der Hausmeister und der Direktor. Erst in der weiterführenden Schule und im Sportverein habe ich andere Männer bewusst wahrgenommen.

Gemeinsam über Vorbilder zu sprechen, egal ob sie anwesend oder abwesend waren, liebevoll oder gewaltvoll; es ist wichtig für die Stärkung des eigenen Selbstbildes und dem Finden der eigenen Vaterrolle. Vielleicht hast du aber auch ein gutes Verhältnis zu deinem Vater und kannst mit ihm über deine Kindheit sprechen. Tauscht euch aus und erzähle ihm, was dir gefehlt hat und was du übernehmen möchtest.

6. Mit Partner*in im Gespräch sein!

Elternsein funktioniert nur als Team harmonisch, egal ob zusammenlebend oder getrennterziehend. Damit Wünsche und Bedürfnisse, Liebe, Nähe und Sexualität nicht auf der Strecke bleiben, braucht es Routinen, Rituale und Austausch. Nehmt euch mindestens einmal in der Woche Zeit füreinander und sprecht über eure Bedürfnisse und Wünsche. Fühlt ihr euch noch verbunden oder muss der gemeinsame Kompass neu justiert werden? Auf einer Skala von 0=keine Nähe bis 10=Verbundenheit könnt ihr darstellen, wie nah ihr zueinandersteht. Was braucht es, um auf eine 10 zu kommen und was darf auf gar keinen Fall passieren.

Mir geben die regelmäßigen Gespräche Orientierung und Sicherheit. Wir tauschen uns aus und wissen, wo wir gemeinsam stehen. Tagsüber, abends und in den wöchentlichen Treffen auf der Couch.

7. Hinterfrage deine Glaubenssätze!

Ein Mann muss stark sein, seine Frau verwöhnen und für die Familie sorgen. Die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um die Erziehung der Kinder. Dieses Rollenbild steckt in unseren Köpfen, denn wir wurden in unserer Kindheit so sozialisiert. Dabei hat uns die Realität längst eingeholt. Frauen sind mindestens genauso gut ausgebildet wie Männer und wollen nach der Geburt wieder zurück in den Job. Der Vater kann genauso gut die Kinder versorgen, sie anziehen, trösten und ihnen das Mittagessen kochen. Er darf auch Zeit mit seinem Kind verbringen, es ins Bett bringen und genau wissen, was das Kind gerade braucht.

Glaubenssätze geben uns Sicherheit und Orientierung. Wir wiederholen Dinge, die wir kennen und von denen wir überzeugt sind, dass sie richtig sind. Trotzdem dürfen wir es anders machen.

8. Care-Arbeit teilen!

Care-Arbeit beschreibt sowohl die Fürsorge- als auch die Pflegearbeit. Darunter fallen zum Beispiel Kinderbetreuung, Einkaufen, Putzen, Waschen und die Pflege von Angehörigen. Das können eigenen Kinder oder die betagten Eltern sein. Diese Arbeit wird hauptsächlich von Frauen erledigt, während Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen. Neben diesen unbezahlten Tätigkeiten gehen viele Frauen in Teilzeit arbeiten und haben gefühlt 1,5 Jobs zu erledigen, bei viel zu geringer Bezahlung. Das wirkt sich später auch auf die Rente aus und bei einer möglichen Trennung rutschen viele Frauen in die Altersarmut.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Die Männer bezahlen ihren Frauen die unbezahlte Care-Arbeit und drücken dadurch ihre Wertschätzung für die bislang unbezahlte Tätigkeit aus. 2. Die Männer entlasten ihre Partnerin und beteiligen sich an der Care-Arbeit. Wofür würdest du dich entscheiden?

9. Mental Load teilen!

Männer sind Experten im Beruf und sorgen für das Familieneinkommen. Zu Hause angekommen wechselt aber die Expertenrolle und die Frauen kommandieren ihre Partner herum. Männer fühlen sich dann oft als Statist im eigenen Leben. Er kennt sich nicht aus, weiß nicht wo die Kinderwäsche liegt, wie die Kinderärzt*innen oder die besten Freund*innen der Kinder heißen. Die Frau denkt an die vielen Dinge im Alltag, die erledigt werden müssen und hat neben den kleinen Kindern noch das erwachsene Kind zu versorgen.

„Wer neue Väter fordert, muss auch neue Mütter fordern“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Margritt Stamm und hat damit Recht. Wir müssen Aufgaben neu verteilen und auch lernen, sie abzugeben. Es braucht gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung sowie einen Plan, Mental Load auf beide Schultern neu zu verteilen. Wie das geht zeigt der Mental Load Test oder das Feminar "Unsichtbarer Stress?!? Wie ihr das Familienmanagement fair teilt" vom Projekt "Was verdient die Frau?".

10. Reduziere deine Arbeitszeit!

Zeit ist die entscheidende Ressource im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie. Erst wenn Väter ihre Arbeitszeit reduzieren und die gewonnene Zeit in ihre Familie investieren merken sie, wie wertvoll sie angelegt ist. Sobald die Kinder älter sind kann die Arbeitszeit in der Regel flexibel wieder erhöht werden.

Ich sage nicht, dass ein 40 Stunden Vollzeit Papa kein aktiver Vater sein kann. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass je mehr Zeit ich im Alltag sichtbar und ansprechbar für meine Kinder da sein kann, umso enger ist die Beziehung zu ihnen. Ich fühle mich mit ihnen verbunden und erlebe eine große Selbstwirksamkeit. Letztendlich muss sich jeder Vater die Frage stellen lassen: „Welcher Vater möchtest du gewesen sein?“

DGB / Heiner Fischer

Heiner Fischer

ist 37 Jahre und wollte schon als Teenager jung Vater werden. Heute ist er Papa von zwei Kindern, arbeitet in Teilzeit als Klinischer Sozialarbeiter und Coach in Krefeld und ist derzeit in Elternzeit. Als Mutmacher unterstützt er Väter in Workshops, Online-Kursen und (Online)-Väterkreisen auf dem Weg zur aktiven Vaterschaft. In den sozialen Medien und seinem Podcast gibt Heiner Fischer zudem Einblicke in die Vielfalt der „Vaterwelten“. Zuletzt regte er mit der Kampagne #VaterschaftIstMehr eine überregionale Debatte über die wichtige Rolle der aktiven Vaterschaft an.

Mehr über Heiner Fischer und seine Vaterwelten findet ihr hier:

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