Deutscher Gewerkschaftsbund

Patriarchale Strukturen in Kauf nehmen? Gleichberechtigung im Journalismus

Gastbeitrag Yasmine M'Barek

Yasmine M'Barek

DGB/Yasmine M'Barek

Yasmine M’Barek ist freie Journalistin und arbeitet in Köln und Berlin. Ihre Themenschwerpunkte sind deutsche Innen- und Wirtschaftspolitik. In ihrem Gastbeitrag schreibt sie über ihr Rolle als junge Frau im Journalismus.

Im Journalismus spielt das Geschlecht keine Rolle. Diese oft gehörte Aussage würde ich genau so unterschreiben, wenn dem so wäre. Jung zu sein dagegen, im Journalismus, ist großartig. Einem_r stehen, mit viel Fleiß, viele Türen offen, man findet sich, erlernt und erlebt unfassbar viel. Und wenn man dann doch weiblich ist?

Die Zukunft ist weiblich. Der aufblühende Popfeminismus sagt dies zumindest. Aber stimmt das auch für den Journalismus? Ich finde Hinterfragen richtig, jedoch erstaunlich wie selten ich selbst es manchmal tue.

Männer geben den Ton an

Bis vor einem Jahr war jedes einzelne Vorbild in diesem Beruf, dessen Texte ich gelesen habe, dessen Stile ich erlernen wollte, ausnahmslos männlich. Ich hatte es bemerkt, als ich befragt wurde, welche Journalistinnen ich empfehlen könne. Mir fielen dann natürlich welche ein, aber äußerst spärlich in der Sparte, in der ich selbst arbeite: Politik und Wirtschaft. Die meisten meiner Einfälle, die weiblich waren, ließen sich vor allem dem Feuilleton oder gesellschaftlichen Themen zuordnen. Ich habe mich dafür persönlich geschämt, es in großem Maße für eigene Unwissenheit gehalten.

Bei genauerer Recherche fiel mir dann auf: die erste Reihe ist so männlich. Große Hauptstadtjournalisten sind nämlich oft genau das: Journalisten. Schaut man sich an, wer am häufigsten Markus Söder interviewt, den politischen Aufmacher schreibt, Kandidaturen bewertet, dann sind es, deutlich unausgeglichen, mehr Männer. Große Folgen hat das keine, aber die Perspektive bleibt ziemlich einseitig, vor allem wenn über Jahre hin die gleichen Personen die gleichen Personen interviewen.

Oft liegt es auch an der armen Vernetzung unter Frauen. Das ensteht durch das Bewusstsein der Strukturen und dem Wissen, es kann nicht viele geben. Woher kommt das? Weil Männer besser schreiben? Nein! Patriarchale Strukturen ziehen sich durch jede Berufsgruppe, und machen auch nicht vor dem Journalismus halt. Ein großer Faktor: Männer sind häufiger vernetzt, solidarisch miteinander, gar befreundet, ich denke da an „große Männerfreundschaften“ wie die zwischen Kai Diekmann und Helmut Kohl.

Gender Pay Gap im Journalismus

Ich dachte anfangs, ich muss diese Tatsachen einfach ignorieren. Bis ich das erste Mal auf die Seite eines Mediums ging, dem ich eine Woche zuvor ein Thema gepitched hatte, das mit „Ein sehr interessanter Blickwinkel, aber leider müssen wir Ihnen absagen.“ abgesagt wurde. Einer der Aufmacher der Website war mit dem Satz geteasert, denn ich per Mail gesendet hatte. Der Artikel hatte komplett mein Thema und meinen Analyse-Ansatz. Klauen von Freien, keine Seltenheit. Ich dachte zunächst auch nicht, dass das etwas mit Macht im Sinne des Geschlechts zu tun hat. Dann passierte es häufiger. Und ironischerweise waren die Redakteure, mit denen ich schrieb, die meine Ideen dann niederschrieben, Männer. In mir dachte ich: Gut, ein Kompliment an mich, meine Ideen scheinen kein absoluter Müll zu sein.

Dann wurde ich müde, denn die Person zu sein, die frei schreibt, ist sowieso bereits ein Aufbringen von nicht vorhandenem Selbstbewusstsein zu jeder Tageszeit. Ich erfuhr von anderen Kolleginnen, mit denen ich mich nach und nach vernetzte, dass das kein Einzelfall ist. Dass teilweise die Bezahlung männlicher und weiblicher Schreiber_innen unterschiedlich ist, also auch ein Gender Pay Gap. Dass manche von ihnen Männern schon gar nicht mehr Themen anbieten, weil es sich nicht lohnt, je nach Medium.

Das System fordert Extras

Die beste Lösung, um damit besser umgehen zu können, fand ich im Netzwerken, aber nicht im klassischen Sinne. Je spezifischer man wird, desto mehr Leute man kennt, die nicht nur klassisch Politiker_innen sind oder Redakteur_innen, desto mehr Handhabe und Wissen hat man und dann meist mehr als dein Gegenüber. Neue Perspektiven, die manchen Redakteuren bei der immer selbigen Arbeit mit den gleichen Leuten fehlt, weil der Kosmos immer gleich bleibt bei einer festen Stelle in der Redaktion.

Die Flexibilität, ich pendle zwischen Köln und Berlin, tat hierbei dann doch ihr Gutes. Und dann bemerkte ich auch, wie viel ich sonst noch so extra und unbezahlt machte und mache: Seit ich 18 bin, fahre ich auf jeden Parteitag, anfangs ohne Auftrag, ich war einfach da, lernte Leute kennen, lernte das System kennen, weil ich immer dachte, dass ich es sonst nicht wirklich in diesem Apparat schaffe, wenn nicht mit Extras. Es hat sich ausgezahlt, aber ich kenne so viele männliche Kollegen, die haben es einfach probiert, sich beworben, gepitched, und dann war es geritzt. Ich empfand dabei nicht einmal die Stimmen und Berührungen, die gegen Abend auf irgendwelchen Veranstaltungen stattfanden, mit ein wenig Alkohol intus, als schlimm. Es gehört ja einfach irgendwie dazu, das Geschäkere. Dementsprechend nehme ich es auch keiner Frau übel, die das zu ihrem Vorteil nutzt, das System ist in einigen Hinsichten drauf ausgelegt.

Trotzdem muss das ein Anreiz sein, es mit der eigenen Arbeit zu verändern, was natürlich zusätzlich Arbeit ist, aber ich möchte nie wieder Interviews sehen, Kommentare lesen, in denen gesagt wird: „Ahja, die fand den bestimmt nur heiß.“ Das passiert nämlich herzlich oft, dass Frauen vorgeworfen wird, ihre Schreibweise sei beeinträchtigt durch die Attraktivität von Politikern. Was auch in der Hinsicht peinlich ist, dass hierbei das breite Spektrum von Sexualität vergessen wird.

Zu den eigenen Themen stehen

Würde ich mich, mit dem Wissen, wieder für diesen Beruf entscheiden? Ja. Denn: An Strukturen zu arbeiten, seine Erfahrungen zu teilen, miteinander zu arbeiten, ist auch ein freudiger Aspekt dieses Berufes. Auch wenn mich eines immer wieder zurückzieht: ich möchte mich eigentlich nicht damit befassen, oft wird von mir erwartet, mehr Wissen über den „Feminismus“ zu haben, als über meine eigentlichen Themen. Ich bin dann eine „Aktivistin“, obwohl mich der Lebenslauf von Armin Laschet gerade mehr beschäftigt und interessiert als das.

Und spricht man einmal darüber, dann wird man unaufhörlich danach gefragt, weil es gerade in ist, und das einzige Mittel um Frauen zu „empowern“ wohl ist, sie darüber sprechen zu lassen, was eigentlich nervt und verändert werden muss. Machen dies aber zu viele und keiner arbeitet im System, bleibt es ein akademisches, utopisches Vorhaben.

Und dann bleibt das Hauptproblem bestehen: das wirtschaftliche Überleben, bei dem man diese patriarchalen Strukturen in Kauf nimmt, bleibt bestehen, und die, die es zurecht kritisieren, bleiben in ihrer Blase und dürfen nie über das schreiben was sie eigentlich wollen.

Ich bin mir sicher, öfter als Bloggerin bezeichnet worden zu sein als als Journalistin. Nur für was entscheidet man sich: Für das Untergraben der eigentlichen Arbeit, weil man das Privileg hat darüber sprechen zu können oder den auf sich selbst fokussierteren Weg, um genau für die Arbeit anerkannt zu werden die man leistet? Ich muss ehrlicherweise sagen, in letzter Zeit entscheide ich mich immer mehr für den letzteren. Ich habe das Gefühl, generell über das andere zu sprechen war falsch, es jagt mir stets beruflich hinterher.

Weitermachen für Gleichberechtigung

Gleichberechtigung ist noch nicht vollständig greifbar. Ich glaube trotzdem, als junge Person, die gar weiblich ist, im Journalismus zu überstehen, ist sehr gut machbar, nur oft mit Extras verbunden. Die sind oft bitter und salzig, aber das Salzkaramell zwischendurch lockt dann doch stets Richtung Weitermachen.

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