Deutscher Gewerkschaftsbund

16.02.2024
Fach- und Führungskräftemangel als Chance

Wie Alleinerziehende gute Arbeit finden

von Anne Dittmann

Autorin Anne Ditmann neben einer Checkliste mit Stift

Alleinerziehende wurden im beruflichen Kontext lange Zeit als die schlechteren Angestellten betrachtet, nach dem Motto: „Das sind die mit den Extrawürsten“. Dabei ist das viel zu kurz gedacht und Unternehmen können sich diese Haltung längst nicht mehr leisten.

Als Alleinerziehende habe ich einige Fähigkeiten entwickelt, die mir auch beruflich weiterhelfen, zum Beispiel: Nicht nur meinem Kind eine gute Mutter zu sein, sondern auch mir selbst. Das war ich zum ersten Mal, als ich meinem Chef vor fünf Jahren die Kündigung übergeben hatte: Da saß zwar ein dicker Angstkloß in meinem Hals, aber ich wusste, dass dieses Blatt Papier, bedruckt mit drei dünnen Zeilen, gut für mich war. Sonst hätte ich nur noch länger auf dem Abstellgleis dieser Firma vor mich hingegammelt. Mich, die Teilzeitstelle mit 1,0-Studienabschluss, wollte man nur dann ernsthaft fördern, wenn ich auf Vollzeit hochschraubte. Aber das konnte ich als alleinerziehende Mutter mit Kleinkind nicht leisten, ohne ins Burnout zu schlittern.

Mein Chef nahm die Kündigung emotionslos entgegen, Wertschätzung brauchte ich hier nicht mehr suchen. Die gute Nachricht: Heute, in einer Zeit des Fachkräftemangels, verzichten immer mehr Unternehmen auf ihre alte „Friss oder stirb“-Haltung; laut Institut der Deutschen Wirtschaft sind in Deutschland aktuell über 540.000 Stellen unbesetzt. Und bis 2030 könnten sogar fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Anspruchsvolle Arbeitnehmende begreifen, dass eine Kündigung kein großes Ding mehr ist – andere Unternehmen suchen nach ihnen, und zwar händeringend. Weitsichtige Chef*innen wollen ihre Mitarbeitenden halten! Denn wo gekündigt wird, müssen neue Kolleg*innen gefunden und teuer eingearbeitet werden. Diese Machtverschiebung auf dem Arbeitsmarkt können Alleinerziehende selbstbewusst nutzen, um sich im Job besser aufzustellen. Nur: Was genau dürfen sie einfordern und was sollten sie beachten?

Check #1: Wie bin ich hier gelandet?

Zugegeben, meine Kündigung fühlte sich für mich nicht nur befreiend an – da war auch ein Zweifel. Ich fragte mich immer wieder: Lag es doch an mir? Habe ich schlechte Arbeit geleistet? Für was eigne ich mich denn sonst? Das Schlimmste an Unterforderung und dem Abstellgleis ist, dass viele Betroffene dem Urteil ihrer Vorgesetzten vertrauen und sich zunehmend selbst für das Problem halten – und das kann den Selbstwert beeinträchtigen. 

Aber Fakt ist: Wer beruflich steckenbleibt, leistet nicht unbedingt schlechte Arbeit oder ist zu wenig engagiert! Erste Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2022 zur sogenannten Caregiver Diskriminierung bzw. Elterndiskriminierung in Deutschland belegen, dass 70 Prozent der Mütter im Job benachteiligt werden, weil sie Fürsorgeverantwortung tragen. Eltern wurden in der Vergangenheit vermehrt gemobbt, versetzt, gekündigt oder sollten – wie in meinem Fall – plötzlich nur noch Azubi-Aufgaben übernehmen. Und bei Alleinerziehenden wird diese Degradierung zum finanziellen Problem, weil sie keine Zuverdienenden sind, sondern Familienernährer*innen. Ergo, gerade sie sind auf gut bezahlte Positionen und Förderung angewiesen.

Check #2: Wohin will ich?

Dass gerade Alleinerziehende gefördert werden müssen, macht nicht nur finanziell Sinn, sondern auch auf persönlicher Ebene. Das zeigt eine Studie vom Familienministerium, die drei verschiedene Mentalitätsmuster bei Alleinerziehenden festgestellt hat:

  • Direkt nach der Trennung sind viele Alleinerziehende noch in der Orientierungsphase, führen akribisch To-Do-Listen und sind erstmal froh, überhaupt einen Job zu finden, der sie und ihre noch kleinen Kinder finanziell über die Runden bringt – die sogenannten „partnerschaftlichen Perfektionistinnen“. Ihnen rate ich immer wieder, insbesondere in Teilzeitbeschäftigungen, ihren Anspruch auf Kinderzuschlag (bis zu 292 Euro pro Monat) zu prüfen. Das geht ganz einfach über die Familienkasse, Voraussetzung ist ein Mindesteinkommen von 600 Euro pro Monat.
  • Alleinerziehende, die sich neu geordnet haben, werden laut Studie zu sogenannten „flexiblen Pragmatiker*innen“ mit Grundschulkindern, die vermehrt bereit sind, in Vollzeit oder vollzeitnah zu arbeiten.
  • Langzeit-Alleinerziehende laufen unter dem Stichwort „souveräne Realistinnen“: Sie haben schon etwas ältere Kinder, sind stolz auf ihren Lebensstil und darauf, was sie schon allein geschafft haben. Sie denken sogar daran, sich selbständig zu machen. Denn beruflich Verantwortung zu übernehmen, ist für sie eine wichtige Art der Selbstverwirklichung.

Tatsächlich sind also viele Alleinerziehende sehr motivierte Kolleg*innen. Einerseits, weil sie gute Vorbilder für ihre Kinder sein wollen, andererseits um ihrer selbst willen. Aber: Ihre Fähigkeiten können sich nur dann entfalten, wenn Alleinerziehende Beruf und Familie wirklich vereinbaren können. Was braucht es dafür?

Check #3: Kann ich sagen, was ich brauche?

Alleinerziehende sollten sich im Vorstellungsgespräch und im Unternehmen nicht wegducken müssen, nach dem Motto: Wenn ich schon in Teilzeit arbeite, dann darf ich nicht noch zusätzlich kompliziert sein. Stattdessen machen sie in passenden Unternehmen die Erfahrung, dass ihre Offenheit wertgeschätzt wird und Vorgesetzte lösungsorientiert reagieren. „Klarheit hilft allen Seiten“, sagt Pauline Potschka von der Koordinierungsstelle für das Netzwerk Alleinerziehende im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Potschka weiß, was Alleinerziehende im Job brauchen; Sie hat 2023 in einer Ideenwerkstatt mit dem Friedrichshain-Kreuzberger Unternehmerverein, dem Jobcenter und der Wirtschaftsförderung des Bezirks, einer Peer-Expertin und unter der Schirmherrschaft der Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann den Unternehmenspreis niellA (rückwärts für „Allein“) für alleinerziehendenfreundliche Arbeitgeber*innen ins Leben gerufen: „Wir haben nach den größten Problemen gesucht. Das sind flexible Arbeitszeitmodelle, die Ad-hoc-Abholung und Kinderbetreuung“, sagt Potschka.

Der Gewinner des ersten niellA-Preises ist ein Berliner Metallverarbeiter mit fünf Alleinerziehenden in der Produktion und einem Ingenieur im Wechselmodell, der sich die Betreuung mit dem anderen Elternteil hälftig teilt. Das Besondere: Die Kolleg*innen werden jeden Monat nach ihren bevorzugten Arbeitszeiten gefragt. Sie können sogar in einem Monat 30 Wochenstunden und im nächsten 25 Wochenstunden arbeiten – je nachdem, wie es die Familiensituation gerade zulässt. Klar wird hier, dass die Arbeitsatmosphäre nicht zum Wegducken zwingt. Sondern Kolleg*innen der Chefin oder dem Chef ehrlich sagen können, wo der Schuh drückt. Andererseits müssen Vorgesetzte auch planen können. Was tun sie, wenn spontan die Kita anruft, weil das Kind krank ist? Muss das Team das Chaos hinnehmen?

Check #4: Können wir Probleme gemeinsam lösen?

Es braucht neue Lösungen, die allen Seiten gerecht werden, sagt Potschka. Natürlich muss ein Elternteil sofort zum Kind, wenn es krank ist. Aber genauso will ein Team nicht hängengelassen werden. Die Lösung: Backup-Systeme statt schlechtem Gewissen und miese Stimmung. Einerseits können Alleinerziehende ein oder zwei private Notfallkontakte organisieren, die für sie als Elternteil einspringen, wenn es möglich ist. Andererseits kann ein Team regelmäßig Backup-Pläne erstellen, die beim Personalausfall automatisch greifen und die Lücke schließen – das erfordert einen Personalplan, der nicht auf Kante genäht ist.

Oder die Kinderbetreuung: Alleinerziehende sollten wissen, dass sie nicht nur den normalen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben, sondern dass die knappen Plätze immer auch nach Dringlichkeit vergeben werden; Alleinerziehend zu sein ist ein Dringlichkeitsfaktor, der bei der Bewerbung um einen Betreuungsplatz angegeben werden sollte. Und: Das Jugendamt übernimmt bis zu zwei Drittel der Kita-Kosten für geringverdienende Alleinerziehende. Und wer schon im Schwung ist, kann direkt noch bei den Arbeitgeber*innen nachfragen: Auch Chef*innen dürfen ihren Angestellten einen steuer- und sozialversicherungsfreien Zuschuss zur Kinderbetreuung zahlen und – noch besser – diesen in voller Höhe als Betriebsausgaben absetzen. Pauline Potschka erzählt mir außerdem von Unternehmen, die überlegen, wie man Betriebskitas im Verbund eröffnen könnte. Andere haben gemeinsame Ferienbetreuung im Betrieb während der Pandemie gewuppt. Für nahezu alles lässt sich offenbar gemeinsam eine Lösung finden.

Check #5: Was brauche ich für ein gutes Leben?

Ich bin seit meiner Kündigung glücklich und erfolgreich mit meiner Selbständigkeit, aber ich spreche viel mit Expert*innen wie Pauline Potschka, Unternehmen sowie Alleinerziehenden im Angestelltenverhältnis und möchte ein Mantra ganz besonders ans Herz legen: Think big! Ja, Alleinerziehende sind vergessene Fachkräfte, die nun immer begehrter werden. Aber tatsächlich hat Deutschland nicht nur ein Fachkräfte-, sondern auch einen wachsenden Führungskräftemangel! Die kommenden Jahre bieten Alleinerziehenden sehr gute Möglichkeiten, weil auch Unternehmen anders vorgehen und familienfreundlicher werden müssen, um auf dem Markt attraktiv zu bleiben. Sie werden immer öfter leitende Positionen als Job-Sharing-Möglichkeit anbieten, eigene Frauen-Netzwerke fördern und auch Angestellte zu Führungskräften entwickeln.

Potschka rät insbesondere Frauen, sich auf Stellen zu bewerben, obwohl sie nicht 100 Prozent der Voraussetzungen erfüllen – schließlich machen das ihre männlichen Kollegen ganz selbstverständlich. Und auch realistisch gedacht: Mit einem durchschnittlichen Gehalt als Verkäufer*in einer Bäckerei werden Alleinerziehende langfristig keine großen Sprünge machen können. Sie müssen also zusehen, in höhere Positionen zu kommen, mit denen sie sich und ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen können; über Förderungsprogramme für auszubildende Alleinerziehende (z.B. von der Handwerkskammer), Weiterbildungen oder auch das bundesfinanzierte Aufstiegs-Bafög. Auch hier gilt wieder: Keine falsche Scheu, pragmatisch denken und sich selbst eine gute Mutter sein – auch im Job. Und im Zweifel suchen andere Unternehmen händeringend.

Eine Frau mit brauen Haaren und blauem Oberteil

Birte Filmer

Quellen:

Institut der deutschen Wirtschaft (2022): Fachkräftemangel: Größte Lücken in typischen Männer- und Frauenberufen

Tina Groll (2022): Wenn die Babyboomer in Rente gehen, beginnen die Probleme, in: Zeit Online

Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2022): Diskriminierungsschutz von Fürsorgeleistenden — Caregiver Discrimination

BMFSFJ (2011): Lebenswelten und -wirklichkeiten von Alleinerziehenden

Verband alleinerziehender Mütter und Väter (2023): Kinderbetreuung