Deutscher Gewerkschaftsbund

Das Ehegattensplitting

Wie funktioniert eigentlich das Ehegattensplitting? Und wieso wird es kritisiert?

Schwarz-weiß Bild einer Frau, die neben einem Berg Geldscheine sitzt und freundlich-nachdenklich aussieht

DGB

Das Ehegattensplitting – Relikt aus den 1950ern

Ehepaare und eingetragene Lebenspartner_innen haben die Möglichkeit, ihre individuellen Steuern durch ein kompliziertes Verfahren zu teilen – das Ehegattensplitting. Aber was genau bedeutet das und wie funktioniert es? Und welche Auswirkungen hat es für Frauen?

Wer arbeitet, zahlt Steuern. So weit, so klar. Wie hoch diese Steuern sind, hängt von der jeweiligen Lohnsteuerklasse ab. Im deutschen Einkommensteuerrecht gibt es insgesamt sechs davon: Das Finanzamt ordnet jede erwerbstätige Person in eine dieser Steuerklassen ein – in welcher eine Person landet, ist vor allem vom Familienstand abhängig. Steuerklasse I erhalten z. B. alleinstehende Arbeitnehmer_innen ohne Kinder.

Das Ehegattensplitting

Die Einkommenssteuer wird also anhand des individuellen Einkommens berechnet. Durch das Ehegattensplitting wird von diesem Prinzip abgewichen: hier wird die Einkommenssteuer anhand des Haushaltseinkommens ermittelt. Ehepaare und eingetragene Lebenspartner_innen haben die Möglichkeit, zwischen Einzelveranlagung und Zusammenveranlagung zu wählen. Solange nicht eine_r der Partner_innen die Einzelveranlagung explizit wählt, werden beide automatisch gemeinsam steuerlich veranlagt.

Bei einer getrennten bzw. Einzelveranlagung werden beide Eheleute steuerlich als zwei Einzelpersonen behandelt. Für beide wird individuell ermittelt, welche Einkünfte sie haben und daraufhin das zu versteuernde Einkommen und der jeweiligen Steuertarif festgelegt. Bei der gemeinsamen steuerlichen Veranlagung wird das Paar als eine steuerpflichtige Person behandelt. Zunächst werden auch hier bei beiden Ehepartner_innen die individuellen Einkünfte ermittelt.

Daraufhin werden die Einkommen beider Eheleute zusammengerechnet und halbiert. Die auf dieser Grundlage errechnete Steuerschuld wird verdoppelt – diese Summe ist die Einkommensteuer, die ein Paar zahlen muss. Dieses Verfahren nennt sich „Splittingverfahren“. Anders ausgedrückt: Das Einkommen wird quasi in einen Topf geworfen und dann zu gleichen Teilen von beiden Eheleuten versteuert. Man kann auch sagen: Jede_r Ehepartner_innen versteuert das halbe Gesamteinkommen. Dabei werden auch alle Kosten und Abzüge den Ehe- und Lebenspartner_innen gemeinsam angerechnet, unabhängig davon, wem z.B. Steuerfreigrenzen oder Abzüge „zustehen“.

Die Steuerersparnis ist umso höher, je größer der Einkommensunterschied zwischen den Eheleuten und je höher das zu versteuernde Einkommen insgesamt ist. Dies hängt mit dem progressiven Steuertarif zusammen. Steuerprogression bedeutet, dass der Steuersatz mit der Höhe der Einkünfte ansteigt: Je höher ein Einkommen ist, desto höher ist also die Steuerbelastung. Auf ein zu versteuerndes Einkommen von z.B. 60.000 Euro entfallen mehr Steuern als auf zwei Mal 30.000 Euro. Verdienen Paare (in etwa) gleich viel, gibt es keinen Splittingvorteil. Diese Zusammenveranlagung und das Splittingverfahren werden umgangssprachlich „Ehegattensplitting“ genannt.

  • Der Hintergrund

    Im Grundgesetz stehen „Ehe und Familien unter besonderem Schutz“ (Artikel 6, Absatz 1). Die Ehe ist rechtlich außerdem eine „Wirtschaftsgemeinschaft“ – und das soll das Ehegattensplitting abbilden. Bei Einführung des Ehegattensplittings 1958 stand das Ziel im Vordergrund, das Ernährermodell gegenüber anderen Erwerbskonstellationen steuerlich zu unterstützen. Die damit geförderte traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau entsprach dem damals im Zivilrecht verankerten Leitbild der Hausfrauenehe, das erst 1977 abgeschafft wurde. Die „Alleinverdiener-Ehe“ soll(te) unterstützt werden, indem die finanziellen Lasten ausgeglichen werden, die entstehen, wenn nur ein_e Ehepartner_in erwerbstätig ist.

Ehegattensplitting und Lohnsteuerklassen

Die Zuordnung in eine Steuerklasse wird vom Finanzamt vorgenommen. Verheiratete oder verpartnerte Personen können dabei zwischen verschiedenen Varianten wählen. Wird nichts anderes beantragt, befinden sich beide Partner_innen nach der Hochzeit in Lohnsteuerklasse IV. Aber auch die Kombinaton III/V oder IV/IV mit Faktor kann gewählt werden. Verdient einer der beiden Eheleute bzw. Verpartnerte erheblich weniger, wählt häufig die geringer verdienende Person (bei Eheleuten ist dies in 90% der Fälle die Frau) die Steuerklasse V und die besser verdienende Person die Steuerklasse III. Diese Steuerklassenkombination führt mit der Zusammenveranlagung dazu, dass die Steuerbelastung in Steuerklasse III relativ gering und das Nettoeinkommen entsprechend hoch ausfällt. Die Person in Steuerklasse V hingegen zahlt mehr Lohnsteuer.

  • Rechenbeispiele

    Hier seht ihr, wie hoch der Splittingvorteil ausfällt, wenn beide Eheleute gleich viel verdienen (hier: beide 60.000€ im Jahr). Für das Ehepaar ergibt sich kein Steuervorteil.

    Rechenbeispiel 1 Splittingvorteil

    Berechnung auf www.einkommenssteuertabelle.de

    Anders sieht das im nächsten Beispiel aus. Hier verdient ein_e Partner_in 60.000 Euro brutto im Jahr, die oder der andere 20.000 Euro. Durch das Ehegattensplitting hat dieses Paar einen Steuervorteil von 1.770 Euro im Jahr.

    Splitting Beispielrechnung 2

    Berechnung auf www.einkommenssteuertabelle.de

    Das letzte Beispiel verdeutlicht, dass der Steuervorteil für Ehepaare besonders hoch ist, wenn ein_e Partner_in „Alleinverdiener_in“ ist, der oder die andere also kein eigenes Erwerbseinkommen hat. Hier verdient z. B. der Mann 60.000 Euro im Jahr, die Frau 0 Euro. Der steuerliche Vorteil für dieses Ehepaar liegt bei über 6.000 Euro pro Jahr – unabhängig davon, ob Kinder vorhanden sind oder nicht!

    Beispielrechnung 3 Splittingvorteil

    Berechnung auf www.einkommenssteuertabelle.de

Nachteile - besonders für Frauen

Steuerklassenkombination III/V hält Frauen vom Arbeitsmarkt fern: In den meisten Ehen sind es die Frauen, die weniger verdienen als ihr Mann. Das hat viele verschiedene Gründe: Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Branchen, sind häufiger in Teilzeit tätig und seltener in gut bezahlten Führungspositionen. Aber auch das Splittingverfahren in Kombination mit den Steuerklassen III/V erschwert die wirtschaftliche Unabhängigkeit vieler Frauen: Für viele Ehefrauen lohnt es sich nicht, mehr Stunden in der Woche ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen und dadurch mehr zu verdienen, weil der Steuervorteil als Ehepaar dadurch geringer würde. Besonders hoch ist der „Splittingvorteil“, wenn nur ein_e Ehepartner_in sehr gut verdient und der oder die andere gar kein Einkommen hat.

Verschiedene Studien haben bewiesen: Das Ehegattensplitting hält Frauen vom Arbeitsmarkt fern, indem es Anreize setzt, gar nicht oder nur geringfügig, z.B. in Teilzeit und Minijobs zu arbeiten.

Alleinerziehende und Familien mit unverheirateten Eltern haben keinen Vorteil durch das Splittingverfahren: Das Splittingverfahren bevorteilt bestimmte Familienkonstellationen und benachteiligt andere. Zum Beispiel unverheiratete Paare mit Kindern oder Alleinerziehende. Genauso ist es bei Paaren mit einem geringen Einkommensunterschied, weil sie sich z. B. die Kinderbetreuung fair aufteilen und etwa gleich viel arbeiten und verdienen. Auch bei ihnen ist der Steuervorteil sehr gering oder gar nicht vorhanden.

Das Ehegattensplitting unterstützt eben nicht generell Familien, sondern nur bestimmte Familienkonstellationen.

Lohnsteuerklasse V reduziert Anspruch auf Lohnersatzleistungen drastisch: Besonders drastisch wirken sich die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Steuerklassen beim Bezug von Lohnersatzleistungen aus. Lohnersatzleistungen sind zum Beispiel das Arbeitslosengeld, Elterngeld oder – in der Corona-Krise ganz aktuell – das Kurzarbeiterinnengeld. Die werden in der Regel als prozentualer Anteil vom individuellen Nettoeinkommen berechnet. In Kombination mit den Steuerklassen III und V führt dies zu erheblichen finanziellen Ungleichheiten, die faktisch meistens Frauen benachteiligen.

„Die Vorteile der Steuerklassenkombination III/V für das monatliche Haushaltseinkommen werden durch Nachteile zulasten von Frauen erkauft“.

Das Verfahren fördert also ein traditionelles Familienmodell, in dem der Vater erwerbstätig ist und die Mutter die Haus- und Sorgearbeit erledigt. Das ist nicht mehr zeitgemäß und benachteiligt im Falle  fast immer die Frauen die wirtschaftlichen Nachteile.

Wahl der Steuerklassen gut überlegen!

Der Regelfall für Ehepaare, also die Steuerklassenkombination IV/IV, behandelt Eheleute und eingetragene Lebenspartner_innen steuerlich wie Ledige, was mit Nachteilen einhergehen kann. Um die Nachteilen für Frauen aus dem Verfahren mit Steuerklasse III und V zu umgehen, können Ehepaare beim Finanzamt auch die Steuerklassenkombination IV/IV „mit Faktor“ wählen.

Das Faktorverfahren bezieht das eheliche Splittingverfahren von Anfang an mit ein. Das Finanzamt berechnet den Faktor für die steuermindernde Wirkung des Splittings und verteilt somit die monatliche Steuerlast nach ihren tatsächlichen Einkommensanteilen. So sorgt das Faktorverfahren für eine „gerechtere“ Besteuerung der Arbeitsleistung von Eheleuten bzw. Lebenspartnerschaften ganz im Sinne einer gleichberechtigten Partnerschaft und bringt für viele Frauen mehr Netto.

Insgesamt sollten sich verheiratete Paare gut überlegen, welche Steuerklassenkombination für sie am sinnvollsten ist. Dabei sollte unbedingt langfristig gedacht werden: vielleicht sorgt eine bestimmte Kombination der Steuerklassen kurzfristig für mehr Netto in der Familienkasse - was oft zulasten der Person geschieht, die in Steuerklasse V hohe Abgaben zahlt und daher weniger eigenes Erwerbseinkommen hat.

 

Weiterführende Links und Quellen:

DGB Bundesvorstand (2018): "DGB-Steuerkonzept. Gerecht besteuern, in die Zukunft investieren"

Deutscher Juristinnenbund e.V. (djb) 2019: „Ehegattensplitting und Gleichstellung im deutschen Steuersystem" 

Hans-Böckler-Stiftung (2020): "Mittelbare Diskriminierung im Lohnsteuerverfahren"

Hans-Böckler-Stiftung (2013): "Ehegattensplitting macht Erwerbsarbeit für Frauen unattraktiv"


Infofilm zum Ehegattensplitting der Bundeszentrale für politische Bildung bpb