Deutscher Gewerkschaftsbund

Vielfalt ist der stärkste Treiber der Innovation

Gastbeitrag von Juliane Rump

Vielkfalt

123rf.com

Juliane Rump ist Herausgeberin und Chefredakteuerin beim Libertine Magazin, das für female diversity steht. Passend zu unserem Themenmonat "Vielfalt", hat sie sich mit den red lab-Gründerinnen über die Relevanz von Perspektivenreichtum in der Arbeitswelt unterhalten.

Kaum ein großes Unternehmen, das nicht seine eigene Diversity Abteilung hat. Dennoch dominiert nach wie vor eine recht homogene Gruppe das Bild. Warum Perspektivenreichtum gerade in Zeiten der Digitalisierung unerlässlich ist und Firmen durch vielfältige Teams nur gewinnen können, wissen die drei the red lab-Gründerinnen Stefanie Palomino, Christine Kirbach und Bianca Praetorius.

Als ich Stefanie Palomino und Christine Kirbach, die gemeinsam mit der public-speaking-und storytelling-Trainerin Bianca Praetorius die Beratung the red lab gegründet haben, treffe, wird schnell klar, dass unser Gespräch kein kurzes Frage-Antwort-Interview wird. Viel zu spannend ist es, mit ihnen über digitalen Wandel, eingefahrene Geschlechterrollen und starke weibliche Vorbilder zu diskutieren. Themen, die die beiden seit Jahren umtreiben. In der Digitalisierung sehen sie eine große Chance – nicht nur für Frauen, sondern generell für mehr Vielfalt. „Interessanterweise sind Unternehmen durch die Digitalisierung und Globalisierung gezwungen, sich breit und divers aufzustellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn beispielsweise eine klassische deutsche Beratungsfirma auf Projekte in den USA gesetzt wird und dort ihre weiße Männerrunde hinschickt, wird sie damit nicht punkten. In Amerika ist man in Bezug auf Vielfalt schon einen großen Schritt weiter als hierzulande. Das bringt deutsche Firmen in Zugzwang. Die Erkenntnis, dass Diversität einen ganz großen Anteil am Innovationspotential hat, verankert sich immer mehr in den Großunternehmen. Daraus entsteht ein wirklicher Bedarf“, erklärt Stefanie Palomino. Christine Kirbach wirft ergänzend ein: „Damit wird das Thema Diversity auch endlich aus der Geschlechterecke geholt. Früher gab es doch häufig Reaktionen nach dem Motto: ‚Ach nö, nicht schon wieder so ’ne Frauenförderungsnummer!‘ Heute versteht man langsam, dass es bei dem Thema nicht nur um Gender, sondern um Vielfalt in verschiedenen Bereichen geht: beispielsweise Alter, Ethnien, sexuelle Orientierung, kultureller Hintergrund – eben all das, was unterschiedliche Lebenserfahrung ausmacht.“

Vielfalt im digitalen Zeitalter

Doch warum ist dies insbesondere im digitalen Zeitalter so wichtig? „Wenn man schnell kreative Ideen finden und umsetzen möchte, braucht man unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema. Problemlösungsstrategien sind vielfältiger, wenn verschiedene Blickwinkel ins Spiel gebracht werden“, weiß Stefanie, die heute große Marken u.a. zur digitalen Transformation berät, aus Erfahrung. Doch auch wenn sie mit dieser Erkenntnis nicht alleine ist, fällt es Unternehmen oft schwer, die eigenen Reihen vielfältiger zu gestalten.

„Der Preis für Diversity sind Geschwindigkeit und Harmonie. Dem Andersartigen eine Protagonistenrolle zu geben und es wertzuschätzen, das ist eine Herausforderung. Denn wir neigen dazu, uns dem zuzuwenden, was uns ähnlich ist, und haben Schwierigkeiten, Fremdes oder Andersartiges wertzuschätzen. Auch Perspektiven, die der unseren wenig nahe sind, finden wir erst einmal anstrengend. Wenn alle das Problem von derselben Seite sehen, kommt man natürlich viel schneller zu einer Lösung. Aber diese ist nicht zwangsläufig die beste. Es kann sein, dass sie wichtige Aspekte völlig außer Acht lässt. Für innovative Lösungsstrategien braucht man unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen. Und Reibung“, erklärt Christine, die als erfahrene Digitalmanagerin weiß, wovon sie spricht.

Perspektivenwechsel ermöglichen, anderen eine Bühne geben, in hierarchiefreien Strukturen funktionieren, stärker im Wir denken – das sind alles Kompetenzen, die momentan eher Frauen zu eigen sind, wie auch Prof. Dr. Christiane Funken in ihrem Buch Sheconomy. Warum die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist erläutert. Dennoch wird es kein Selbstläufer, dass Frauen zukünftig genauso viel Raum und Entfaltungsmöglichkeiten in Unternehmen bekommen wie Männer, antizipieren Stefanie und Christine.

Eingefahrene, stereotype Geschlechterrollen halten sich hartnäckig in den Köpfen

„Die eingefahrenen, stereotypen Geschlechterrollen halten sich hartnäckig in den Köpfen. Eine Untersuchung hat ergeben, dass die gleichen Attribute, wie beispielsweise ‚Durchsetzungsstärke‘ oder ‚Empathie‘, bei Frauen und Männern völlig unterschiedlich bewertet werden. Was bei dem einen Geschlecht zu positiven Reaktionen führt, entpuppt sich bei dem anderen als Nachteil. Wir alle stecken unbewusst voller Vorurteile, die sich nicht so leicht auflösen lassen“, weiß Christine und fährt fort: „Hinzu kommt, dass Männer eben Männer fördern. Beispielsweise erhalten männliche Gründer weitaus mehr Investorengelder als weibliche. Auch hier spielt rein, dass wir bevorzugen, was uns ähnlich ist, und so mancher Entscheider erkennt in dem jungen Founder sich selbst bei der ersten Unternehmensgründung wieder.“

Bis zur Gleichstellung und einer ausgeglichenen Präsenz der Geschlechter gibt es also noch einiges zu tun. Grund genug für Christine, Stefanie und Bianca starken weiblichen Role Models eine Plattform zu bieten und Leserinnen darin zu bestärken, sich auf ihre individuellen Fähigkeiten zu besinnen.

Die Lean Back Perspektive

Im Buch Die Lean Back Perspektive kommen 42 internationale Frauen im Alter zwischen Mitte 20 und Ende 70 zu Wort. Ihre Geschichten stecken voller Überraschungen und Wendungen. Viele von ihnen gelangten irgendwann an den Punkt, an dem ihnen klar wurde, dass es sie nicht weiterbringt, von äußeren Erwartungen getrieben zu werden. Das provoziert höchstens einen Burnout. Christine ist der Meinung, dass dieses ungesunde Verhalten stark mit Rollenvorstellungen verknüpft ist: „Frauen neigen nach wie vor dazu, sich an Erwartungen zu orientieren, die vermeintlich an sie gestellt werden. Darüber vergessen sie irgendwann, was sie selbst wollen. Umso wichtiger ist es, sich zwischendurch zurückzulehnen, also die Lean Back Perspektive einzunehmen, und durch Reflexion Kraft aus sich selbst zu schöpfen. Erst dann ist es möglich, ein strategisches Vorgehen zu entwickeln, das auch wirklich intuitiv zu einem passt.“

Der Organisationspsychologin lag es besonders am Herzen, aufzuzeigen, dass es nicht darum geht, sich ständig selbst zu optimieren, sondern darum, einen individuellen Weg zu finden.

So ist in Die Lean Back Perspektive kein einziger Belehrungsansatz zu finden. Stattdessen bieten die facettenreichen Erfahrungen hinsichtlich Alter, Herkunft und beruflichem Background sehr unterschiedlicher Frauen jede Menge Identifikationsmöglichkeiten. Die persönlichen Geschichten geben vielfältige Einblicke in die relevanten Entwicklungsschritte der Protagonistinnen und zeigen die daraus gezogenen individuellen Lehren auf. Das Buch macht deutlich: Karriere ist vielfältig und nicht universell. Ziel muss sein, Selbstzweifel über Bord zu werfen und das eigene Bauchgefühl wieder zuzulassen.

Das ist etwas, das auch Stefanie Palomino erst wieder lernen musste. Bereits als Studentin tauchte sie tief in die Start-up-Szene ein und gründete das mobile soziale Netzwerk aka-aki, das über eine Million User erreichte. Fast nur von männlichen Gründern umgeben, merkte sie recht schnell, nach welchen Spielregeln die Szene funktionierte, welch Unverständnis ihr als Frau oft entgegengebracht wurde und wie sie sich mehr und mehr dem Umfeld anpasste: „Ob in etablierten Unternehmen oder jungen Start-ups: Frauen werden von Männern an den für Männer entwickelten Erfolgskriterien bemessen. Das ist nicht nur unfair, sondern führt auch dazu, dass Frauen suggeriert wird, sie müssten sich verändern und anpassen.“ Nach Stefanies Meinung wird so wertvolles Potential von Frauen unterdrückt, von dem alle profitieren könnten. Für sie liegt daher ein wichtiger Schlüssel im Miteinander und in der gegenseitigen Wertschätzung. Denn erst wenn erkannt wird, dass das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Kompetenzen zu den besten Lösungen führt, können Talente frei entfaltet werden. Die Gründerin ist sich sicher, dass es viel sinnvoller ist, eigene Stärken hervorzuheben und auszubauen, statt an den Schwächen herumzuoperieren: „Je mehr man bei sich selbst bleibt, desto besser wird man in den Dingen, die man tut! Je stärker man sich in eine Richtung verbiegen lässt, die einem nicht entspricht, desto weniger wird man andere von dieser Richtung überzeugen können.“

Juliane Rump

DGB/Juliane Rump

Angaben zum Buch

Die Lean Back Perspektive, Stefanie Hoffmann-Palomino, Christine Kirbach, Bianca Praetorius (Hrsg.), Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017, ISBN 978-3-658-13924-7

Das Projekt bei

Test: Bist du wirtschaftlich Unabhängig?

@wasverdientfrau auf Twitter