Deutscher Gewerkschaftsbund

Trotz 100 Jahre Frauenwahlrecht:

Warum Feminismus immer noch wichtig ist

Gastbeitrag von Julia Korbik

DGB/Julia Korbik

Es ist schon einige Zeit her, da saß ich in geselliger Runde mit ein paar Leuten zusammen. Es gab Wein, der Freund der Gastgeberin hatte gekocht. Es wurde also getrunken, gegessen und dabei kam das Gespräch auf Kinder. Eine Bekannte sagte, sie wolle auf jeden Fall Kinder, aber das sei schwierig mit dem Job unter einen Hut zu bekommen. Ob der Vater in spe sich an der Erziehung beteiligen würde sei ja auch nicht garantiert und das ganze System generell eine Katastrophe. Ich nickte die ganze Zeit mit dem Kopf – zumindest so lange, bis die Bekannte ihr flammendes Plädoyer beendet und erklärte: „Also, ich bin jetzt aber keine Feministin oder so!“.

Das ist die eine Seite: Junge Frauen, die Feminismus ablehnen, obwohl sie in den meisten Fällen schon merken, dass in Sachen Gleichberechtigung irgendwas schief läuft. Die andere Seite ist: Feminismus ist in den letzten Jahren zum Trend geworden. Feministische Slogans – oder das, was man so darunter versteht – finden sich auf T-Shirts und Notizbüchern. In der Zeitschrift Glamour entdeckte ich einmal unter den spätsommerlichen Outfit-Ideen den Look „Neuer Feminismus“: Vom „Frauenpower-Look à la Miu Miu“ war die Rede und von „Lolita meets Riot Grrrl.“ Dazu empfahl die Glamour ganz kokett: „Beim Nachstylen unbedingt eine Portion Ironie hinzufügen!“

Feminismus überall

So ist alles plötzlich feministisch: Unterhosen (Schlagzeile: „Bras you won’t want to burn“), Shampoos, Körperpflege, Hygieneartikel. H&M zeigte in seiner Herbstkampagne 2016 eine Reihe von selbstbewussten Frauen, die, untermalt von Lion Babes She’s a Lady-Cover, achselbehaart im Bett herumlungern, breitbeinig in der Bahn sitzen und sich selbst bewundernd im Spiegel betrachten. Ein anderes Modeunternehmen, Monki, initiierte seinerseits das #Monkifesto: Coole Frauen, die in kurzen Videos über das sprechen, was sie begeistert und ausmacht und dabei in ihren Monki-Klamotten erfrischend normal aussehen. Das Modehaus Dior bedruckt T-Shirts mit dem Slogan „We should all be feminists“.

Wie passt das zusammen: Die „Feminismus? Nein, danke“- Haltung einerseits – und die allgegenwärtigen The Future is Female-Shirts andererseits? Natürlich gibt es Menschen, und zwar jeden Geschlechts, die geschlechtsbedingte Ungleichheiten einfach leugnen, die glauben, der Feminismus würde Probleme nur erfinden. Häufiger begegnen mir aber Menschen, die diese geschlechtsbedingten Ungleichheiten sehr wohl wahrnehmen, sie unfair finden. Und die trotzdem das Gesicht verziehen, wenn ich frage, ob sie sich als Feminist*in bezeichnen würden. Eine Kollegin sagte mir mal: „Zu dir passt das, bei dir finde ich das gut. Aber ich? Nee, also, Feministin bin ich nicht.“ Vorher hatte sie zehn Minuten lang über Belästigung und sexualisierte Gewalt in internationalen Organisationen gesprochen – Organisationen, in denen sie selbst auch so ihre Erfahrungen mit übergriffigen Männern, mit Machtmissbrauch gemacht hat.

The sky is the limit!

Noch einmal: Wie passt das zusammen? Mein Eindruck ist: Für viele junge Frauen hat Feminismus nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun. Was daran liegen könnte, dass sie die kleinen und großen Unterschiede gekonnt ignorieren und denken, es handele sich dabei um Einzelphänomene. Hierzu passt ein Ergebnis vom Update 2013 der Brigitte-Studie Frauen auf dem Sprung (pdf), welches zeigt, dass die Gesellschaft kritischer beurteilt wird als der eigene Lebenslauf. In der Studie heißt es: „In der Wahrnehmung stagniert die Gesellschaft, in mancher Hinsicht geht es sogar bergab. Die Befragten selbst aber halten sich wacker und gewinnen gegen die wahrgenommene allgemeine Tendenz.“ Die eigene Person als Ausnahme.

Feminismus brauchen wir jungen Frauen also nicht, klappt ja auch so. Wir versuchen, uns irgendwie durchzuwurschteln, irgendwie klarzukommen. Uns wurde schließlich eingeimpft, wir seien „unseres eigenen Glückes Schmiedinnen“. The sky is the limit! In Frauenzeitschriften sehen wir Modestrecken zum Thema Businessmode, in praktischen Info-Kästen finden wir Tipps zu Gehaltsverhandlungen. Du kannst, wenn du nur willst, schallt es uns entgegen – ach ja, aber dabei solltest du schon dieses Make-Up tragen, das nicht zu aufdringlich ist und Professionalität ausstrahlt.

Weich, fluffig, nett

Und so schmieden wir unser eigenes Glück und merken manchmal gar nicht, was für ein riesen Schwindel das alles ist. Von struktureller Diskriminierung und Sexismus ist in den tollen „Du schaffst das schon“-Artikeln nämlich selten die Rede. Auch nicht davon, dass der Gender Pay Gap sich nicht wegschminken lässt, oder dass ein gut sitzender Hosenanzug nichts daran ändert, dass wir doppelt so viel leisten müssen wie die männlichen Kollegen, bis der Chef überhaupt bemerkt, dass wir existieren. Stattdessen wird uns weisgemacht, alles was zähle, seien Leistung und der Wille zum Erfolg. Dann klappt das schon! Und wenn nicht? Dann haben wir wohl das verkehrte Outfit oder einen zu auffälligen Lidschatten gewählt. In jedem Fall sind wir schuld, denn wir haben etwas falsch gemacht. Wenn wir scheitern, dann scheitern wir alleine. Gemeinsam sind wir stark? Von wegen. Viele von uns kämen nie auf die Idee, Mitglied einer Gewerkschaft zu werden – wir haben schlicht und einfach das Gefühl, wir müssten da alleine durch. Wir kennen es gar nicht anders, wir wissen nicht, dass es eine Alternative zum Einzelkämpfer*innentum gibt. Wir verdrängen, dass es hier um die Gesellschaft als Ganzes geht, um Strukturen. Wir lassen uns vereinzeln. #MeToo hin oder her.

Dazu passt der marktkompatible Feel-Good-Feminismus, der uns in Form von GRL PWR-Shirts und #WomanCrush überall begegnet. Statt um Macht, um kollektive Anstrengungen, geht es nun um ein individuelles „Feel Good“-Gefühl, um das herrlich vieldeutige „Empowerment“ eben. Der Feminismus als Bewegung, mit all seinen Zielen und Überzeugungen, wird so entpolitisiert, er wird weich, fluffig, ein nettes Accessoire. Wer braucht schon Feminismus, wenn Empowerment doch so viel cooler klingt? Und vor allem nichts mit einer als anstrengend empfundenen Bewegung zu tun hat, die Forderungen stellt und für die das Glas immer halb leer ist? Empowerment, das klingt nach Selbstbewusstsein, nach #Girlboss, nach Individualität. Feminismus? Klingt nach Opferrolle, nach Vorschriften, nach Konformität.

Der perfekte Bullshit-Detector

Die Wahrheit ist: Wir alle brauchen Feminismus. Und zwar den Richtigen, nicht die Feel-Good-Variante. Weil ein T-Shirt mit feministischem Slogan nicht schadet – allein aber auch nichts verändert. Weil schon viel erreicht wurde – aber noch so viel zu tun bleibt. Wir brauchen Feminismus, um den Blick auf das große Ganze zu richten. Auf unsere Gesellschaft. Feminismus ist in diesem Sinne auch eine Überlebensstrategie: Er macht uns bewusst, dass etwas in unserer Gesellschaft im Argen liegt und nicht wir das Problem sind, sondern dass es um etwas Größeres geht. Feminismus bedeutet, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Er lässt uns die wahren Machtverhältnisse in einer Gesellschaft erkennen, macht Geschlechternormen und die damit verbundenen Erwartungen und Folgen sichtbar. Feminismus ist quasi der perfekte Bullshit-Detector. Er zeigt, dass das Private politisch ist.

Und genau das hätte ich bei dem Abendessen damals sagen sollen.

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