Deutscher Gewerkschaftsbund

Ich, mein Partner, sein Kind

von Tamara Schmitt

Tamara Schmitt

Tamara Schmitt

„Ist das Ihrs?“, fragte mich vor einigen Jahren mein Professor, als wir auf dem Campus in der Sonne saßen und die Tochter meiner Freundin gerade versuchte, auf meine Schultern zu klettern. „Nö“, sagte ich, einigermaßen verdutzt darüber, dass mir jemand ein Kind zuordnen würde.

Damals, während des Studiums, wusste ich nie genau wie ich auf die Frage, ob ich mal Kinder haben wolle, antworten soll. Die Idee hat mich nie wahnsinnig begeistert, aber viele meinten, das würde noch irgendwann kommen. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Kinder und ihre Existenz in meiner Nähe – solange meine Trommelfelle nicht platzen und ich nichts machen muss, außer freundlich lächeln. Auch ein Kletterbaum zu sein, ist völlig okay – das erfordert nur gute Bauchmuskeln und ein wenig Schmerztoleranz.

Die Tochter meiner Freundin war das erste Kind, doch nach und nach tauchte immer mehr Nachwuchs in meinem Freundeskreis auf. Mit ihm veränderten sich meine Freunde. Sie wurden unausgeschlafener, viel beschäftigter, angespannter, aber auch geduldiger. Ich wiederum schaukelte Babys, gab Flaschen, schob Kinderwägen, hielt Hände schützend vor Tischkanten. Langsam, aber sicher, wurde mir bewusst: Ich möchte kein Elternteil sein. Ich mag die Kinder meiner Freunde sehr. Ich mag es aber auch, nach dem Füttern und Wiegen, Spielplatz und Park und auf-den-Schultern-Tragen das jeweilige Kind wieder bei den Eltern abzugeben und nach Hause zu gehen. Ich schlafe gern und viel. Ich verbringe an Wochenenden manchmal ganze Tage im Bett, trinke dort Kaffee, esse und schaue Serien.

Privatleben: Es kommt immer anders, als man denkt.

Dann lernte ich meinen Partner kennen. Sein Kind war 4 Jahre alt. „Es ist ein Kind, keine ansteckende Krankheit,“ sagte er, als er von komisch gelaufenen Dates als Vater erzählte. Ich fand das witzig, meine Freunde haben ja auch alle Kinder, das ist ja auch völlig okay für mich. Aber es ist durchaus ein Unterschied, wenn ein Partner Familie hat. Mit ihm zusammen zu sein, bedeutet auch im Leben des Kindes zu sein – und dass es Teil meines Lebens sein würde.

Als mein Partner bei mir einzog, zog auch das Kind mit ein – in Teilzeit. Es war von Anfang an klar, dass ich kein Mutterersatz bin, das Kind hat eine tolle Mutter und braucht keine zweite, und es war auch klar, dass mein Partner vorwiegend für alle Kind-Belange zuständig ist. Trotzdem machte mich die Aussicht darauf, mit einem Kind zusammen zu leben, nervös. Nach dem Spielen das Kind bei den Eltern abgeben und allein nach Hause – das war mal.

Ich begann, im Internet zu recherchieren, in der Hoffnung, dass es da irgendwelche hilfreichen Ratgeber gibt. Patchworkfamilien gibt es schließlich schon lange, und die meisten Menschen haben eine Art Patchwork-Konstellation in ihrem Freundeskreis, oder auch in der eigenen Familie. In einem Survey vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2013 wurde der Anteil von Patchwork-Konstellationen in Deutschland auf 10-12% der Familien geschätzt - gleichzeitig wurde herausgestellt, dass der exakte Prozentsatz schwierig zu ermitteln sei, da Familienkonstellationen insgesamt immer komplexer würden und statistisch wenig erfasst seien. Ich persönlich vermute, dass die Quote höher liegt – aber auch wenn nur jede 10. Familie eine Patchworkfamilie ist, ist das, auf ganz Deutschland hochgerechnet, nicht gerade wenig.

Vieles, was ich online fand, konzentrierte sich (zurecht!) auf die Position des Kindes, und wie man den Übergang in die neue Situation möglichst spannungsfrei gestalten soll. Man solle sich als neue*r Partner*in zurückhalten, um das Kind nicht zu überfordern, ihm möglichst keine Beziehungsverpflichtungen auferlegen, nicht abwertend über den abwesenden Elternteil sprechen und etwaige Loyalitätskonflikte der Kinder antizipieren. All diese Tipps fand ich logisch und einleuchtend, sie halfen mir aber wenig bei meiner neuen Verortung in meinem neuen (alten) Zuhause – und in einer komplett neuen Routine.

Hausarbeit und Mental Load

Zuerst warf mich die Situation auf absolut stereotype Arbeitsteilung zurück. In meiner neuen Wohngemeinschaft war ich diejenige, die hauptsächlich für alle putzte, Kleider einsammelte, Waschmaschinen anstellte, Kleidung aufhing, Einkäufe und die Wochenendaktivitäten plante. Klar, mein Partner musste schließlich auch am Wochenende arbeiten und hatte wesentlich weniger Freizeit als ich – da konnte ich schon ein paar mehr Planungsaufgaben übernehmen. Außerdem bin ich auch einfach praktischer veranlagt, sehe eher was gemacht werden muss und hab den Füllstand des Kühlschranks sowieso immer im Hinterkopf. Frau halt.

Ich habe also ganz selbstverständlich den Großteil des Mental Load übernommen. Ich stresste mich mittwochs schon so sehr mit dem Wochenend-Essensplan, dass ich freitags gar keine Lust mehr auf Einkaufen hatte. Ständig musste ich alles im Hinterkopf behalten: Wann wird eingekauft und was? Wann wird gewaschen? Welche Kleidung für das Kind ist da, welche wird gebraucht? Wie können wir das Kind am Wochenende beschäftigen, sodass ich Zeit mit ihm verbringen kann, ohne meine Energieressourcen komplett zu erschöpfen? Ich hatte keine Lust, am Kind-Wochenende zu dritt in der Wohnung rumzusitzen und machte Pläne, was man alles unternehmen könnte.

Patchwork und Finanzen

Finanziell gab es auch einiges neu zu regeln: wer bezahlt wieviel Miete? Regeln wir die Miethöhe anteilig nach Einkommen, oder anteilig nach Wohnraum? Wie teilen wir die Einkäufe auf? Wer gibt wie viel für Lebensmittel aus? All das änderte sich ein paarmal in den letzten anderthalb Jahren, abhängig von unseren finanziellen Situationen und Möglichkeiten.

Die Organisation unserer Finanzen im Drei-Konten-Modell war dabei sehr hilfreich, und wird auch generell für Patchworkfamilien empfohlen: Neben den jeweils eigenen Girokonten für den Lohneingang und die eigene Finanzverwaltung, unter die auch die finanziellen Bedarfe des Kindes fallen (wie Kindergeld, Unterhalt, Kita-Essen usw.) gibt es ein gemeinsames Konto für Miete, Nebenkosten und andere gemeinsame monatliche Fixkosten, das auch für gemeinsame Rücklagen für Urlaube oder durch einen monatlichen Posten für Lebensmittel nutzbar ist. Ich fand es darüber hinaus nützlich, die Belege für Lebensmitteleinkäufe zu sammeln, um einen Überblick zu gewinnen, was der gemeinsame Haushalt monatlich benötigt und wer wieviel ausgibt.

Und wann darf ich jetzt ausschlafen? ‚Freizeit‘ mit Kind

Mit einem Kind zusammen zu leben, war eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Ich fühlte mich plötzlich für sein ständiges Entertainment verantwortlich. Es war mir unangenehm, zu sagen, dass ich keine Lust habe mit ihm zu spielen. Stattdessen sagte ich, ich hätte keine Zeit – und fühlte mich dann schlecht, denn so brachte ich dem Kind ja nur bei, dass keine Lust und keine Zeit bei mir dasselbe ist. Ich wollte Exkursionen in den Wald machen und zu tollen Spielplätzen gehen, in der Hoffnung, das Kind sei dann beschäftigt und ich könnte meinen Mangel an Energie damit wett machen und gleichzeitig auch demonstrieren, dass ich Zeit mit meiner Patchwork-Familie verbringen möchte. Nur: das Kind und der Partner sind gern drin. Sie spielen gern Minecraft. Und Lego. Wald finden sie nicht so spannend, und zum Spielplatz muss man ja so weit laufen. Und Laufen ist auch anstrengend.

Ich bin selbst in einer Patchworkfamilie groß geworden. Unter der Woche lebten wir bei unserer Mutter, am Wochenende bei unserem Vater. 13 Jahre lang hat die Freundin meines Vaters jedes Wochenende mit mir und meiner Schwester verbracht. Jedes Wochenende. Wenn mein Vater am Wochenende arbeiten musste, war sie mit uns allein. Und sie organisierte immer etwas für uns, seien es Ausflüge, Bastelprojekte oder Picknicks. Unterbewusst war sie sicherlich mein Vorbild für die neue Rolle – nur passte die weder zu mir noch zu dem Kind. Als ich die Freundin meines Vaters fragte, wie sie das all die Jahre ohne freie Wochenenden ausgehalten hatte, meinte sie, man wachse mit seinen Aufgaben. Ich war unglaublich gern bei ihr am Wochenende, dennoch scheint mir das, retrospektiv, wie zu viel Selbstaufgabe.

Verinnerlichte Rollenbilder und soziale Erwartungen

Meiner Erfahrung nach fühlen sich Frauen in Patchwork-Situationen oft verpflichtet, gewisse Care-Arbeiten sowie die Planung innerfamiliärer Abläufe zu übernehmen – die Einschätzung wird einschlägigen Foren und auch von Paartherapeut*innen geteilt. Ich fühlte mich sehr schnell unzureichend, als mir klar wurde, dass ich für viele dieser Aufgaben nicht genug Energie übrig hatte und dass die selbst auferlegte Verantwortung mich erdrückte. Ich fühlte mich außerordentlich schuldig, weil es mir nicht ‚auf natürliche Art und Weise‘ leichtfällt, (wenn auch nur zeitweise) mit einem Kind in meinem Haushalt zu leben und auf seine Wünsche einzugehen.

Irgendwann gab es genug schlechte Laune im Wald bei allen Beteiligten, sodass ich beschloss, dass die Planung des Wochenendes jetzt nicht mehr meine Aufgabe ist. Meine Freundin (die mit der Tochter) riet mir, dass ich ja auch mein eigenes Wochenende haben könne. Mit Unternehmungen, auf dich ich Lust habe, allein oder mit Freunden. Mein Partner wiederum erinnerte mich daran, dass man auch überlebt, wenn man nicht Freitag schon das komplette Menü fürs Wochenende geplant und eingekauft hat.

… und wie mach ich mich jetzt davon frei?

Ich versuchte also, mich neu zu sortieren: flexibler zu werden in der Planung, primär für mich selbst zu planen, mir nicht ungefragt den gesamten Mental Load aufzuladen. Auch das führte zuerst zu Irritationen innerhalb und außerhalb der Patchwork-Konstellation. Gesellschaftlich wird von Frauen erwartet, dass sie ganz automatisch produktiv mit Kindern und Familien umgehen können – das wird auf Mütter ebenso projiziert wie auf Tanten, Großmütter, Cousinen und die Nachbarstochter. Wenn es um Kinderbetreuung oder Pflege geht, werden erstmal Frauen gefragt. Wenn die angefragten weiblichen Personen ablehnend reagieren, herrscht Unverständnis. Mir ist irgendwann einfach alles über den Kopf gewachsen: die Wäsche, der Einkauf, das Kind (das auch am Wochenende um sieben wach ist), die Projektion meiner eigenen Erwartungen auf die Patchwork-Konstellation und das konstante Unterdrücken meiner Bedürfnisse zugunsten von Harmonie zu Hause.

Uns hat Familienberatung geholfen. Kirchliche Träger, Sozialverbände und Kommunen bieten in den allermeisten Städten Deutschlands kostenlose Beratung für Familienkonstellationen jeglicher Art an. Dort kann man über festgefahrene Situationen sprechen, aber vor allem auch eigene Bedürfnisse äußern. Und man bekommt Rückmeldung zu eigenen Verhaltensweisen und neue Denkanstöße, sowie sehr viel Kontextualisierung und Rückversicherung.

Bei uns hat das Überdenken meines Patchwork-Konzepts dazu geführt, dass wir nicht viel zu dritt machen. Wir haben alle sehr unterschiedliche Bedürfnisse und müssen lernen, unsere persönlichen Grenzen zu respektieren. Mein Partner ist manchmal nicht begeistert, wenn ich am Kind-Wochenende nicht da bin. Und ich habe immer noch öfter ein schlechtes Gewissen deswegen. Mit diesen Gefühlen muss ich mich regelmäßig auseinandersetzen und sie akzeptieren lernen; genauso wichtig ist es für mich, mit meinem Partner regelmäßig über meine und seine Erwartungen und Bedürfnisse zu sprechen. Ich plane nur noch wenig für uns zu dritt. Ich freue mich, wenn mein Partner mich einlädt, etwas mit ihm und dem Kind zu unternehmen. Ich versuche aber immer einzuschätzen, ob ich das leisten kann und möchte, bevor ich zu- oder absage. Am Wochenende sehen wir uns hauptsächlich zum gemeinsamen Essen. Momentan ist das so – das heißt nicht, dass das immer so bleiben wird, denn Bedürfnisse, Vorlieben und auch innerfamiliäre Dynamiken ändern sich im Lauf der Zeit.

Für mich steht damit fest: Ich bin kein Mutter-Ersatz, ich bin schon gar keine Stiefmutter, ich bin einfach eine weitere Person im Leben des Kindes, ein Teil seiner erweiterten Familie, und das gern, auch wenn ich manchmal nicht da bin.

Lösungsansätze (oder Sachen, die mir geholfen haben):

  • Es ist okay, wenn du nicht den gesellschaftlichen Erwartungen an dich entsprichst. Es ist auch okay, wenn du deinen eigenen Erwartungen nicht gerecht werden kannst – vielleicht waren deine Ziele unrealistisch. Oder gar nicht deine eigenen Ziele. Vielleicht waren es Ziele, die du aus den gesellschaftlichen Erwartungen abgeleitet und internalisiert hast. Dir das einzugestehen, ist kein Zeichen von Schwäche – es ermöglicht Wachstum und Veränderung.
  • Regelmäßiges Überprüfen der eigenen Bedürfnisse! Fühlst du dich wohl? Wenn nicht, warum nicht? Was stresst dich? Was kannst du für dich tun?
  • Regelmäßiger Austausch mit dem*der Partner*in, insbesondere außerhalb von Konfliktsituationen! Wie geht es euch? Was stresst euch, was könnt/wollt/müsst ihr ändern?
  • Familienberatung! Insbesondere bei festgefahrenen Dynamiken und wiederkehrenden Konflikten. Suche eine kostenlose Beratungsstelle.

Quellen

Tamara Schmitt

Tamara Schmitt