Deutscher Gewerkschaftsbund

25.05.2021

Der Gender Care Gap

oder: was ist Sorge- oder Care Arbeit und die geschlechtsspezifische Sorge-Lücke?

von Was verdient die Frau?

Der mit dem Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017) erstmals errechnete Gender Care Gap gibt an, um wieviel Prozent die Zeit, die Frauen im Durchschnitt pro Tag für Care-Arbeit aufwenden, die durchschnittliche Dauer der täglichen Care-Arbeit von Männern übersteigt. In Deutschland liegt der Gender Care Gap derzeit bei 52,4 Prozent. Wir erklären die Hintergründe und Zusammenhänge - und wie der Gender Care Gap verringert werden kann.

Familie in Küche: Mutter macht Foto mit Handy von Kind, Vater steht im Hintergrund an der Küchenzeile. Eine Pizza wird belegt

Jimmy Dean/Unsplash

Es gibt verschiedene Themen und Messungen, anhand derer die (Un)Gleichstellung von Männern und Frauen in Deutschland dargestellt oder gemessen werden kann. Der Gender Pay Gap, also der Unterschied in den durchschnittlichen Brutto-Stundenlöhnen zwischen Frauen und Männern, ist eine dieser Kennzahlen. Ein weiterer Indikator für die Gleichstellung in Deutschland ist der Gender Care Gap. Dieser wurde 2017 mit dem Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zum ersten Mal errechnet und stellt den unterschiedlichen Zeitaufwand dar, den Frauen und Männer für unbezahlte Sorgearbeit aufbringen.

Was ist Care- bzw. Sorgearbeit?

Care Arbeit, oder Sorgearbeit, bezeichnet erst einmal alle Aufgaben, die „Sorge“ umfassen. Also Aufgaben, die beinhalten, sich um andere zu kümmern - auch bezahlt, z. B. in Form von Kinderbetreuung in Kitas und Schulen, Altenpflege in Pflegeheimen, Krankenpflege in Krankenhäusern oder beim Reinigen von Bürogebäuden. Beim Gender Care Gap geht es aber um den unbezahlten Teil von Sorgearbeit - und das sind alle Arbeiten im Haushalt und Garten, die Pflege und Betreuung von Kindern und Erwachsenen sowie ehrenamtliches Engagement und unbezahlte Hilfen für andere Haushalte.

Frau Anzug, Mann Besen, Kind

Was verdient die Frau?

Wie wird der Gender Care Gap berechnet und was genau stellt er dar?

Als Datengrundlage zur Berechnung des Gender Care Gap im Zweiten Gleichstellungsbericht diente eine repräsentative Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes. Insgesamt wurden über 5000 Haushalte, die freiwillig an der Erhebung teilnehmen konnten, an zwei Wochentagen und an einem Tag am Wochenende zu ihren täglichen Aktivitäten befragt. Auch Anfahrtszeiten, z. B. zum Supermarkt oder der Weg in die Kita wurden bei der Berechnung des Gender Care Gap miteinbezogen.

Aus dieser Umfrag ging hervor: Frauen wenden für Care-Arbeit deutlich mehr Zeit auf als Männer. Der Unterschied, der als Gender Care Gap bezeichnet wird, beträgt 52,4 Prozent. Das bedeutet, Frauen verwenden durchschnittlich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Und das pro Tag! Umgerechnet sind das 87 Minuten Unterschied, was ziemlich genau der Länge eines Fußballspiels entspricht... Übrigens: Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung.

Warum ist der Gender Care Gap ein Problem? Irgendjemand muss die Care-Arbeit doch machen...

Der große Unterschied in der Zeit, die Frauen und Männer durchschnittlich für Sorgearbeit aufwenden, ist vor allem aus zwei Gründen ein Problem: zum einen verfestigen sich dadurch traditionelle Rollenbilder. Aufgaben wie Kinderbetreuung und Haushalt gelten gesellschaftlich oft immer noch als „Frauensache“ - dieses Bild wird sich noch langsamer #ndern, wenn der Gender Care Gap so hoch bleibt. Zum anderen ermöglicht die Mehrarbeit von Frauen in Haushalt und Familie es vielen Männern erst, in Vollzeit erwerbstätig zu sein und ein eigenes, existenzssicherndes Einkommen zu verdienen. Dabei möchten auch viele Frauen gerne mehr Stunden erwerbtätig sein: Der Großteil der in Teilzeit erwerbstätigen Mütter gibt an, nur deshalb in Teilzeit zu arbeiten, um Familie und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. In Teilzeit ist es besonders schwer, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen und bspw. für das Alter vorzusorgen. Nur jede vierte Frau in Deutschland kann den Unterhalt für sich und ihre Familie selbst erwirtschaften – aber jeder zweite Mann.

Übrigens: Die größten Unterschiede beim Gender Care Gap zeigen sich bei 34-Jährigen: In dieser Altersgruppe beträgt der Gender Care Gap ganze 110,6 Prozent! Kein Wunder, denn in dieser Zeit steht bei vielen Paaren die Geburt des ersten Kindes an oder es sind schon Kleinkinder im Haus. Das bedeutet natürlich automatisch mehr Care-Arbeit. Und in vielen Fällen übernimmt immer noch die Mutter den Großteil davon...

Frau, Mann, zwei Kinder, Waschmaschine

Was verdient die Frau?

Nicht direkt im Zusammenhang mit dem Gender Care Gap (der sich ja auf die private, unbezahlte Care Arbeit bezieht), aber dennoch wichtig anzumerken ist, dass die professionell Sorgearbeit (s. o.) chronisch unterschätzt wird. In Deutschland fehlen rund 340.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In Westdeutschland fehlen deutlich mehr Betreuungsplätze als in Ostdeutschland. Gleichzeitig sind viele Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Altenpflegeheimen unterbezahlt und Sationen personell unterbesetzt. Das Missverhältnis zwischen der hohen gesellschaftlichen Bedeutung dieser Berufe und den unterdurchschnittlichen Arbeitsbedingungen ist groß. Um professionelle Sorgarbeit nachhaltig und wirksamaufzuwerten, muss einiges geschehen.

 

 

Was tun?

Um den Gender Care Gap nachhaltig zu verringern, müssen strukturelle Benachteiligungen abgebaut und geschlechterstereotype Vorstellungen aufgebrochen werden. Es sollte für alle Geschlechter selbstverständloch werden, Sorge- und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Dabei hilft z. B. die Einführung von familienbewussten Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie flexible Arbeitszeitkonzepte, mehr Arbeitszeitsouveränität und eine Unternehmenskultur, in der Frauen in Führung genauso „normal“ sind wie Männer in Führungspositionen. Das kann dazu beitragen, Rollenbilder aufzubrechen und die Arbeits-und Lebensbedingungen aller Beschäftigten zu verbessern.

 

Mann Anzug, Frau Kinderwagen

Was verdient die Frau?

Quellen und weitere Informationen: