Deutscher Gewerkschaftsbund

Willkommen im Privilegienland. Oder: Warum viele Frauenfinanztipps an so vielen Frauen total vorbeischießen

Gastbeitrag von Alexandra Zykunov

DGB / Julia Schwendner

Alexandra Zykunov ist Redakteurin bei der BRIGITTE, Redaktionsleiterin von Brigitte BE GREEN und eine laute feministische Stimme auf Instagram. In ihrem Gastbeitrag nimmt sie typische Frauenfinanztipps auseinander – denn sie verschleiern das eigentliche Problem.

Frauen müssen einfach mehr über Geld reden. Frauen müssen einfach öfter mehr Geld verlangen. Oder: Frauen müssen endlich mal Kinder und Haushalt abgeben und ihren Partnern erklären, dass sie jetzt Voll- und ihre Partner eben Teilzeit arbeiten sollen.

Klingt logisch? Nach Empowerment? Nach dem Armmuskelemoji? Ja, aber nein. Denn dieser Text wird weh tun. Vielen Leser_innen, und besonders auch mir. Weil ich mit diesem Text offen und ganz öffentlich zugeben werde, dass ich diese Argumente noch vor gar nicht allzu langer Zeit selbst geglaubt und weitergetragen habe. Dass, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, ich blind und hochnäsig war, und dass wenn wir in der Frauenfinanzblase ganz ehrlich zu uns sind, auch wir manchmal wirklich blind und hochnäsig agieren, wenn wir schreiben, dass es vorwiegend die Frauen selbst in der Hand haben, ihre finanzielle Abhängigkeit voranzutreiben – wenn sie es denn nur wollen.

Denn das hohe Ross, auf dem ich so viele Jahre saß und, seien wir mal ehrlich, viele, die das lesen, sicher auch sitzen, nennt sich Privilegien. Wir sitzen auf einem gut gebildeten, sauberen, gut situierten und stolzen Privilegienross, das uns erlaubt überhaupt genug Zeit und Geld zu haben, sich mit solchen Artikeln wie diesem hier auseinanderzusetzen. Wir sitzen also auf diesem hohen Privilegienross, gucken auf die Frauen, „da unten“ und wollen ihnen, zwar total gut gemeint, aber leider nicht gut durchdacht erklären, wie sie ihre finanzielle Unabhängigkeit erlangen können. Alex, das stimmt doch alles gar nicht, denkt ihr? Leider doch.

Die Sozialisation – unser Feind und Shamer

Fangen wir mal mit dem allzeitbeliebten Argument an „Frauen müssen einfach häufiger über Geld reden". Was so einfach klingt, ist leider und bei weitem nicht nur von Frauen abhängig. Als allererstes spielt unsere Sozialisation ganz stark mit rein. Heißt, dass Frauen seit ca. 5.000 Jahren künstlich von Besitz, Macht und Geld abgeschottet und ins Private, ins Heim, an den Herd verdrängt wurden. Noch heute schließt im Grunde das eine das andere aus. Also: Der Status Mutter ist auch im Jahr 2020 ein finanzieller Ruin. (Ein Grundsatz übrigens, der für Väter nicht gilt, aber das ist ein anderes Thema.) Ist doch schon lange überholt, sagt ihr, ein Relikt alter Tage? Leider nein. Vor wenigen Wochen erst hat die Bertelsmann-Studie ausgerechnet, dass eine Frau mit Kind in ihrem Leben 40 Prozent weniger verdienen wird als ein Mann. Eine Frau mit drei Kindern verliert sogar fast 70 Prozent ihres potenziellen Vermögens.

Das zweite große Problem ist, dass sich das Bild, dass Mädchen nichts mit Geld am Hut haben, auch im 21. Jahrhundert ungebremst fortpflanzt. Es gibt Studien, die zeigen zum Beispiel, dass Eltern mehr Zeit damit verbringen mit Jungs über Geldanlagen zu sprechen als mit Mädchen. Oder Umfragen, die ergeben, dass Jungs mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Oder eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, die besagt, dass von den selbst heute befragten Teeangern 58 Prozent der jungen Frauen davon ausgehen, später für die Familie von ihrem Beruf deutlich kürzer zu treten, während es bei den Jungs gerade mal 16 Prozent sind. Wollen wir also Frauen dazu empowern, häufiger über Geld zu reden, sollten wir zu allererst mal uns selbst, unsere Eltern, Großeltern, Tanten und Urgroßonkel an die Nase fassen und uns eingestehen, dass wir seit Generationen bis leider heute noch gerade den Mädchen eintrichtern „Über Geld spricht man nicht“. Und vielleicht sollten wir lieber zur Strafe jedes Mal ein halbes Vermögen in das Phrasensparschwein schmeißen, wenn uns dieser Satz (oder der ebenso beliebte: „Ich verdiene Summe X, aber pssst, bleibt unter uns, ja?“) mal wieder durchs Hirn und über die Lippen wandert.

„Frauen, verlangt doch einfach mehr Geld!“ – Haha, guter Witz

Was uns zum zweiten allzeitbeliebten Finanz-Tipp bringt: „Frauen, fragt doch einfach öfter nach einer Gehaltserhöhung". Einerseits richtig, wenn da nur nicht das andererseits wäre. Denn was Frauen heute bei Verhandlungen das Genick bricht, ist nicht etwa der fehlende Mut, sondern etwas, das sie Null-Komma-Null selbst beeinflussen können: Unconscious Gender bias – also die Voreingenommenheit Frauen gegenüber, aber komplett unterbewusst. Was jetzt sehr theoretisch klingt, ist mit einer britischen Studie (auch hier) sehr leicht zu verstehen – und macht von 0 auf 100 unfassbar wütend. So befragte man mehr als 4.600 Angestellte in rund 840 Unternehmen und stellte fest, dass Frauen ihre Gehälter sehr wohl genauso oft verhandelten wie Männer – nur viel öfter abgeblitzt wurden. Während 20 Prozent der Kollegen mit mehr Kohle aus den Gesprächen gingen, waren es bei den Kolleginnen nur 13 Prozent. Die Annahme liegt also sehr nahe, dass sobald es eine Frau ist, die vor einer Chefin oder einem Personaler sitzt, sie – noch bevor die eigentliche Verhandlung begonnen hat – bereits unterbewusst untergebuttert wird. Oder ganz platt: sie ist dreist und ihre Forderung unverschämt, er ist risikobereit und seine Forderung sportlich.

Ist ja nur eine Studie von vielen? Wait for it: Eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin (auch hier) zeigte 2019 dasselbe in Grün: dass bei mehr als 100 fiktiven Bewerbungen von Gleichqualifizierten auf Ausbildungsplätze die Frauen im Schnitt um eine ganze Schulnote schlechter abschnitten. Eine ganze Schulnote! Und das einfach nur, weil sie Frauen sind.

Dieses Gender bias sollten wir also immer bedenken, wenn wir entweder uns selbst dafür geißeln, bei der Verhandlung abgebügelt worden zu sein oder – schlimmer noch – wenn wir andere Frauen für ihre Misere verantwortlich machen, indem wir ihnen den vermeintlichen Tipp geben, beim Gehalt doch einfach mal so richtig auf die Kacke zu hauen. Das sollten sie zwar, natürlich, aber wenn das Ergebnis enttäuschend ist, hat das nicht nur etwas mit der Frau zu tun, oder gerade eben genau damit – nämlich, dass sie eine ist.

Privilegierte, Weiße Männer sind das Schlimmste? Privilegierte, Weiße Frauen aber auch

Ein Argument übrigens, das man sich ja eigentlich auch selbst hätte herleiten können, denn ganz ehrlich: in Deutschland haben nur 10 Prozent aller Frauen zwischen 30 und 50 überhaupt ein Nettoeinkommen von mehr als 2.000 Euro (auch hier). Es kann also wirklich kaum sein, dass die anderen 90 Prozent einfach „zu blöde“ wären, ihr Gehalt richtig zu verhandeln. Na ja, werden jetzt viele denken, viele Frauen arbeiten ja auch in Teilzeit. Stimmt. Bei den Kleinkindmüttern sind es sogar satte 90 Prozent, während unter den Vätern 75 Prozent weiterhin voll arbeiten. Was uns zur nächsten absoluten Killerphase bringt: „Frauen sollten endlich selbstbewusst dem Partner sagen: Ich gehe jetzt Vollzeit ins Büro und du bleibst Teilzeit zu Hause.“ Auch ich schrieb immer wieder „Streitet euch mit euren Partnern, geht in den Konflikt, setzt sie auf den Pott und fordert, dass ihr mehr erwerbsarbeiten wollt“. Bis ich online diesen Kommentar las: „Hätte ich meinem Ex damals gesagt, dass er jetzt mehr Wäsche machen soll, damit ich arbeiten gehen kann, hätte er mich grün und blau geprügelt.“ Ja, so sieht es nämlich aus. Und zwar in 30 Prozent aller Haushalte. Da sitzen wir nämlich wieder auf unserem Privilegienross: Erstens überhaupt einen Partner zu haben (kleiner Reminder: jede fünfte Mutter ist mittlerweile alleinerziehend), und zweitens mit einem Partner zusammen zu sein, der einen nicht krankenhausreif prügelt.

Ach komm, Alex, Was hat denn jetzt aber häusliche Gewalt mit dem Thema Finanzen zu tun?, mag man jetzt denken. Leider eine Menge, denn auch die sogenannte finanzielle Gewalt zählt zu häuslicher Gewalt dazu. Wenn der mehr verdienende Partner das Geld verweigert, wenn sie jede Ausgabe erklären und begründen muss, wenn sie sich trennen möchte, aber befürchten muss, danach auf der Straße zu landen. Alles überhaupt nicht schön, aber eben auch leider keine Seltenheit. Und dann lesen eben diese Frauen, dass sie doch einfach mehr 50/50 in ihrer Partnerschaft verlangen sollten? Oder dass sie jetzt Summe X nur für sich anlegen sollen? Wenn wir solche Tipps so unreflektiert verbreiten, vergessen und shamen wir alle jede dritte Frau, da sie all diese Dinge nicht verlangen kann und vielleicht niemals können wird, weil sie ganz, ganz, ganz andere Probleme hat – und offenbar von plakativen Tipps wie diesen einfach übersehen wird.

Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf müssen wir an neuen Ratgebern, neuen Frauenfinanzblasen und neuen Tipps arbeiten

Zurück also zum Vorspann dieses Gastbeitrags: natürlich stimmen die Tipps. Natürlich sollen Frauen mehr über Geld sprechen, mehr Geld verlangen, und nach einer fairen Aufteilung von Care- und Erwerbsarbeit streben. Nur sollten wir nicht so tun, als würden diese Tipps allen Frauen gleich stark helfen. Tun sie nämlich nicht. Die Lösung für das Dilemma liegt nämlich nicht (nur) in ihren Händen, sondern ist ein 5.000 Jahre altes strukturelles, frauenfeindliches Problem – oder ganz kurz: das Patriarchat. Heißt: Kritik, dass so viele Frauen in einem Industrieland wie Deutschland noch so flächendeckend von einem meist männlichen Hauptverdiener abhängig sind, sollte einfach immer auch mit einer allgemeinen Systemkritik einhergehen. Und mit dem Eingestehen und immer wieder Öffentlich-Machen, dass das Patriarchat noch immer wütet – in der Politik (Ehegattensplitting), in der Wirtschaft (Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Alles Gap) und im Privaten („Ein Kind gehört zur Mutter“, „Vermisst du im Büro deine Kinder nicht“ und dieser ganze andere Schwachsinn, der Frauen zu gern an den Kopf geschmissen wird).

Dass wir uns nicht missverstehen: Natürlich muss man irgendwo anfangen und natürlich sind Frauenfinanzblogs und -bücher und -coachings unfassbar, unfassbar wichtig! Aber wir müssen uns eingestehen, dass besagte Tipps nur für einen sehr kleinen, elitären Teil von meist weißen und sehr privilegierten Frauen gedacht sind. Und mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf müssen wir an neuen Ratgebern, neuen Frauenfinanzblasen und neuen Tipps arbeiten, die auch Alleinerziehende, auch Women of Color, auch Opfer von häuslicher Gewalt, Mütter von Kindern mit Behinderungen etc. einschließen. Einen ersten sehr guten Anfang macht zum Beispiel die Autorin und Bloggerin Christine Finke, die einen Finanzratgeber für Alleinerziehende herausgebracht hat. Oder auch die Mütterinitiave für Alleinerziehende e.V. (MIA), die mit einer Broschüre für frisch gebackene Mamas neben Glückwünschen auch sofort auf Teilzeitfallen und Trennungsarmut aufmerksam macht und darum bittet, sich trotz Hormonenrausch auch mit diesen so wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Trotzdem sind solche Publikationen noch sehr in der Minderheit. Finanztipps für Mütter mit Behinderungen, oder Frauen, die Familienangehörige pflegen sucht man z.B. vergeblich. Denn für so viele Frauen greifen die allzeitbekannten „Finanztipps“ nicht. Und wenn sie weiterhin so allgemein und plakativ verbreitet werden, erreichen sie bei einem Großteil derjenigen Frauen, die weniger Privilegien haben, genau das Gegenteil. Nämlich, dass sie sich nicht nur nicht empowert fühlen, sondern nicht abgeholt, geshamed und nicht gesehen. Und das nicht von anderen Männern, sondern – was doppelt hart ist – von anderen Frauen, die eigentlich so sind wie sie. Oder es zumindest sein sollten.