Deutscher Gewerkschaftsbund

01.09.2016

Was heißt denn hier unfreiwillig? Gründe für Teilzeitarbeit

In Deutschland waren 2014 insgesamt über 10 Millionen Menschen in Teilzeit beschäftigt, Tendenz steigend. Etwa jede_r dritte Beschäftigte arbeitet mit einer reduzierten Stundenzahl. Unter den Geschlechtern herrscht hier eine klar Verteilung, wer wie viel arbeitet. So gut wie jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit. Das heißt, ein Viertel aller Erwerbstätigen ist eine weibliche Teilzeitkraft - und längst nicht alle sind zufrieden damit!

 

Wecker

DGB/Oleg Dudko/123rf.com

Oft herrscht noch das Missverständnis, in Teilzeit arbeiteten lediglich Frauen, die sich zu ihrem finanziell und sozial abgesicherten Status heraus – z. B. weil sie durch ihren Partner versorgt werden – noch etwas hinzuverdienen möchten, um das Haushaltsbudget aufzupolstern. Leider ist dies in vielen Fällen ein schlimmer Trugschluss, oft gehen Frauen aus ganz anderen Gründen einer Teilzeitbeschäftigung nach.

Warum arbeiten Frauen in Teilzeit?

Jede zweite Teilzeitbeschäftigte sagt: Aus familiären Gründen arbeite ich in Teilzeit. Bei Männern ist dies nur in rund 10 Prozent der Fall. Frauen sind demnach (immer noch) für die Kinderbetreuung und die Pflege von Familienmitgliedern zuständig – ob von Frauen gewünscht oder nicht, das alte Rollenbild hält sich hartnäckig.

Mindestens 13 Prozent (Statistisches Bundesamt 2016 / WSI 2015) werden in den Erhebungen als unfreiwillige Teilzeitbeschäftigte geführt: Frauen, die eigentlich lieber Vollzeit arbeiten würden, aber keine passende Stelle finden. Sind keine Kinder im Spiel wächst dieser Anteil auf ein Fünftel.

Was heißt denn hier unfreiwillig?!

Was ist mit den Frauen und Müttern, die ihren Wunsch nach mehr Erwerbstätigkeit nicht ausdrücklich äußern? Etwa, weil sie familiär verpflichtet oder eingebunden sind. Weil ihr Einkommen deutlich unter dem ihres Partners liegt und sie deshalb die Eltern- und Erziehungszeit übernehmen. Oder weil ihnen andere Gründe im Weg stehen.

Womöglich verharrt ein Teil dieser Frauen genauso unfreiwillig in Teilzeit, gerade weil andere Verpflichtungen sie an einer Tätigkeit in Vollzeit hindern. Insofern stehen Frauen, stehen wir!, vor einem strukturellen Problem, das es auf verschiedenen Ebenen zu lösen gilt.

Hürden auf politischer Ebene

Das (zwar modernisierte) Modell der Familienernährer-Ehe, in welcher der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeitet, wird auf politischer Ebene durch steuerpolitische Fehlanreize gestärkt. Die Aufteilung der Lohnsteuerklassen, Minijobs und insbesondere das Ehegattensplitting tragen dazu bei, die wirtschaftliche Position von Frauen zu schwächen und sie dadurch eher dazu zu ermutigen, nur einer Teilzeittätigkeit nachzugehen. Auch fehlende Kita-Plätze, bzw. eine unzureichende Struktur in Flächendeckung sowie zeitlicher Flexibilität tragen dazu bei.

Veraltete Bilder in den Betrieben

Auch alleinstehenden Frauen stehen einige Hürden im Weg, wenn sie eine Vollzeittätigkeit anstreben. Alte Rollenbilder, die vorherrschende Teilzeit in frauendominierten Berufen und die womöglich von Arbeitgebern „befürchtete“ Familiengründung halten (junge) Frauen, ob Mütter oder nicht, von einer Vollzeittätigkeit ab – und damit auch zum Teil von ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Ein Gespräch mit dem Betriebsrat oder der zuständigen Gewerkschaft ist in solchen Fällen mehr als ratsam, denn alle Arbeitgeber müssen sich an das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) halten.

 

Das AGG – Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz – beschreibt Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität als unzulässig (§1 und §2 AGG).

Rollenbilder in Familie, Freundeskreis und Partnerschaft

Neben politischen und betrieblichen Rahmenbedingungen, die Frauen eine Vollzeittätigkeit schwer zugänglich machen, können auch im Privatleben Akteur_innen auftreten, die zur „Teilzeitfalle“ beisteuern. Stereotype und Rollenzuschreibungen tradieren sich bis heute und erzeugen „Rabenmütter“, die lieber zur Arbeit gehen als sich (in dieser Zeit) mit den Kindern zu beschäftigen, „Karrierefrauen“, die grundsätzlich abgeklärt und gefühlskalt sind und eine Reihe weiterer Vorurteile.

Was muss getan werden?

Es gilt also, auf allen Ebenen entgegenzuwirken. Politik, Betriebe und Partnerschaft müssen zusammenspielen, um unfreiwillige Teilzeit nicht mehr an das Geschlecht zu koppeln.

Ein rascher Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen, die Abschaffung von Minijobs bzw. deren Wandlung in sozialversicherungspflichtige Stellen und die Abschaffung steuerpolitischer Fehlanreize sind erste Lösungsansätze auf politischer Ebene.

Auch wir Gewerkschaften müssen uns konsequent dafür einsetzen, unfreiwillige Teilzeit gerade von Frauen abzuschaffen – erste Schritte sind erreicht, es gibt aber noch einiges zu tun. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die gendersensible Schulung von Betriebs- und Personalräten, um in ihrer als Interessenvertretungen Frauen zu unterstützen, die Wochenarbeitszeit zu erreichen, die sie arbeiten möchten.

 

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