Deutscher Gewerkschaftsbund

02.02.2017

Finanziell unabhängig durchs Praktikum? Wir sagen wie es geht!

Drei Viertel aller Praktikant_innen machen sich Sorgen über ihre finanzielle Situation im Praktikum. Kein Wunder – Praktika sind oft unter- oder unbezahlt und bieten einen eher unsicheren Berufsstart. Welche Möglichkeiten du hast auch während eines Praktikums finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, erfährst du hier.

 Junge Frau sitzt am Laptop

DGB/rawpixel/123rf.com

Um Praktika kommt man in der heutigen Arbeitswelt einfach nicht herum. Besonders nicht als Berufseinsteiger_in. Einerseits bilden Praktika einen ersten wichtigen Anknüpfungspunkt beim Einstieg in die Arbeitswelt (nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums). Sie bieten jungen Menschen die Chance berufspraktische Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen zu sammeln. Andererseits werden Praktikant_innen oft schlecht entlohnt oder als preiswerte Arbeitskräfte eingesetzt, die stupide Arbeit erledigen müssen und vergeblich darauf hoffen nach dem Praktikum übernommen zu werden.

Wichtig ist deshalb, dass du dich vorher genau über deine Rechte im Praktikum und Finanzierungsmöglichkeiten informierst. Aber was für Arten von Praktika gibt es eigentlich?

Praktikum ist nicht gleich Praktikum – Welche Unterschiede gibt es?

- Pflichtpraktikum  

Hierbei handelt es sich um Praktika, die fest in deine schulische oder akademische Ausbildung integriert sind. Sie dienen in der Regel dazu, theoretische Grundlagen praktisch anzuwenden und zu vertiefen. Es kann während oder nach dem Studium/der Ausbildung absolviert werden.

Schon vom Praktika-Check gehört?

Die DGB-Jugend gibt dir über die Plattform „Praktika-Check“ die Möglichkeit dein Praktikum zu beurteilen. Der Praktika-Check umfasst mehrere Fragen und dauert nur zwei Minuten. Deine Bewertung kann auch anonym abgegeben werden.

Damit du weißt, wo es sich lohnt ein Praktikum zu machen – und wo nicht! Hier geht’s zum Check: http://jugend.dgb.de/-/iBh

- Freiwilliges Praktikum  
  •  Schnupperpraktikum: In 2-3 Wochen soll in ein bestimmtes Berufsfeld reingeschnuppert werden. Diese Praktika sind meist klassische Schulpraktika und werden nicht vergütet.
  • Orientierungspraktikum: Ein Orientierungspraktikum soll vor allem praktische Einblicke in ein Berufsfeld geben. Diese Praktika dienen als Entscheidungshilfe für den späteren Beruf und dauern meist bis zu drei Monaten, können aber auch darüber hinausgehen.
  • Werkstudierende: Diese Art von Praktikum findet während des Studiums und gegen Entgelt statt. Im Unterschied zu normalen Studentenjobs haben Werkstudenten-Stellen häufig einen direkten Bezug zum eigenen Studienfach. Im besten Fall kann sich daraus eine längerfristige Anstellung entwickeln.

Fallstricke für die wirtschaftliche Unabhängigkeit während eines Praktikums 

73 % aller absolvierten Praktika werden im Rahmen eines Studiums gemacht. Oft wird erwartet, dass man während des Praktikums in Vollzeit anwesend ist. Dies verstärkt die oft schon angespannte, finanzielle Situation vieler Student_innen. Sich im Praktikum über Wasser zu halten ist deshalb oft gar nicht so einfach:

  • Geringe bzw. keine Praktikumsvergütung führt häufig zu einer Abhängigkeit von den Eltern, Partner_innen bzw. anderen Geldgeber_innen und kann im schlimmsten Fall Schulden verursachen.
  • Eine Finanzierung über einen zusätzlichen Nebenjob führt zu einer höheren Belastung. Der damit verbundene Stress kann Folgen für die Gesundheit haben. Familie und Praktikum/Nebenjob zu vereinbaren ist für Praktikant_innen, die Angehörige pflegen oder Kinder betreuen, kaum möglich.
  • Nur ca. 20% aller Studierenden erhalten BAföG. Für 80 % fällt diese Unterstützung somit auch während eines Praktikums weg. Noch weniger Studierende erhalten ein Stipendium, zum Beispiel von einer Stiftung oder einer gemeinnützigen Organisation. 
  • Der Mindestlohn gilt nur für freiwillige Praktika ab drei Monate während der Ausbildungszeit und für freiwillige Praktika nach der Ausbildungszeit (ausgenommen sind Pflichtpraktika). Davon machen besonders Unternehmen Gebrauch: Um den Mindestlohn zu umgehen, akzeptieren sie nur noch Pflichtpraktikant_innen,  verweigern somit Absolvent_innen den Einblick bzw. zwingen Praktikant_innen eine unsichere finanzielle Situation hinzunehmen. 

Die Frage nach der Praktikumsfinanzierung stellt sich besonders jungen Frauen, denn 63 % aller Praktikant_innen sind weiblich. Um von diesen Fallstricken nicht überrascht zu werden, ist es essentiell, dass du dich am besten noch vor deinem Praktikum über deine wirtschaftliche Situation in dieser Zeit Gedanken machst. Informiere dich im Voraus gründlich über verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten.

Fünf Möglichkeiten der Praktikumsfinanzierung

1. Finanzierung über das Praktikum

Die einfachste Lösung für die Sicherung deiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit auch im Praktikum ist eine ausreichende Praktikumsvergütung, die dir der Arbeitgeber auszahlt und von der du in der Zeit leben kannst. Trau dich ruhig bei deiner Einstellung nach einer Bezahlung zu fragen. Auch bei einem Pflichtpraktikum sollten Praktikumsgeber ihre Praktikant_innen vergüten.

Auf der Suche nach einem Stipendium?

Der Stipendiumslotse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hilft dir dabei! Über die interaktive Plattform kannst du anhand deiner Wunschkriterien das geeignete Stipendium finden. Die umfassende Stipendiendatenbank lässt sich nach vielen verschiedenen Kriterien, wie zum Beispiel Ausbildungsphasen, Studienfächern oder Zielregionen, filtern. Hier erfährst du mehr dazu: www.stipendienlotse.de

2. Finanzierung über BAföG oder ein Stipendium

Weil viele Praktika unbezahlt sind, kann z. B. der BAföG-Höchstsatz ein Mindesteinkommen während des Praktikums gewährleisten. Liegt dein Anspruch unter dem Höchstsatz, hast du dennoch ein Anrecht auf zusätzliche Finanzierung, vor allem dann, wenn du nicht bei deinen Eltern wohnst, kein Kindergeld erhältst oder über dein Praktikum keine Wohnkostenpauschale bekommst. Erhältst du im Praktikum eine Vergütung, so beeinflusst dein Einkommen die Höhe des BAföG-Satzes. Wirst du während deines Studiums durch ein Stipendium gefördert, so bricht diese Förderung bei einem Praktikum meistens nicht ab.

3. Finanzierung über verschiedene Einkünfte

Falls du keinen Anspruch auf BAföG hast und eine Unterstützung von den Eltern (oder anderen Geldgeber_innen) nicht möglich ist kannst du den Praktikumsgeber auch nach einer Reduzierung deiner Arbeitszeit im Praktikum bitten, um z. B. einem Nebenjob nachgehen zu können. Es gibt auch die Möglichkeit einen Bildungskredit zu beantragen, der dir unabhängig von deinem BAföG-Anspruch oder dem Einkommen deiner Eltern gewährt werden kann.

ACHTUNG!

Die Leistungen können vom Arbeitsamt auch (ganz) gekürzt werden, mit der Begründung, dass man dem Arbeitsmarkt während eines Praktikums nicht zur Verfügung steht.

Genehmigt der Leistungsträger das Praktikum nicht und du absolvierst es trotzdem, machst du dich strafbar.

4. Finanzierung über Sozialleistungen

Hast du fertig studiert und landest wie viele Absolvent_innen erst einmal in einem Praktikum, kannst du bei wenigem bis gar keinem Verdienst Arbeitslosengeld II beantragen. Bei unbezahlten Praktika zahlt das Arbeitsamt meist die volle Leistung, wenn es der sogenannten Eignungsfeststellung oder dem Erwerb neuer Fähigkeiten dient. Aber Achtung: die Arbeitsagentur unterstützt finanziell gerade einmal zweiwöchige Praktika. Viele Unternehmen suchen aber eher langfristige Praktikant_innen für drei bis sechs Monate. Kläre mit deine_m Sachbearbeiter_in genau ab, welche Aufgaben du im Praktikum hast und welchen Nutzen es für den Berufseinstieg birgt. Ein Maßnahmenvertrag zwischen Leistungsträger (Arbeitsagentur) und Arbeitgeber kann dann auch für einen längeren Zeitraum finanzielle Unterstützung gewährleisten. Verfügst du nach dem Studium über ein Praktikum, dessen Vergütung zumindest den allgemeinen Lebensunterhalt (Wohnung ausgenommen) sichern kann, dann kannst du für die Finanzierung deiner Wohnung Wohngeld beantragen.

5. Finanzierung im Ausland - Auslands-BAföG

Planst du ein Auslandspraktikum, das über drei Monate angesetzt und ein Pflichtpraktikum ist, kannst du eine finanzielle Unterstützung über das Auslands-BAföG beantragen. Da in manchen Ländern die Lebenserhaltungskosten höher liegen als in Deutschland, können auch Personen gefördert werden, die in Deutschland keinen Anspruch auf BAföG haben.

Wie weiter?

Grundsätzlich dient ein Praktikum in erster Linie dem Bildungszweck, also dem Ziel berufliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen zu erwerben und Neues dazu zu lernen. Jungen Menschen sollten deshalb finanziell soweit unterstützt werden, dass sie in dieser Zeit nicht noch nebenher jobben oder einen Kredit aufnehmen müssen. Die DGB-Jugend fordert deshalb, dass für Pflichtpraktika mindestens der BAföG-Höchstsatz vom Arbeitgeber bezahlt werden soll. Sie setzt sich außerdem dafür ein, dass für freiwillige Praktika ab dem ersten Tag der gesetzliche Mindestlohn gilt. Nur dadurch ist es möglich, dass junge Frauen auf ihrem Weg in den Beruf gestärkt werden und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit bereits früh aufbauen können.

 

Mehr Informationen:

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Test: Bist du wirtschaftlich Unabhängig?

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