Deutscher Gewerkschaftsbund

06.09.2016

Gender Time Gap: Arbeitszeiten von Frauen und Männern

38,2 Millionen Menschen in Deutschland sind berufstätig. Dabei unterscheiden sich die Arbeitsverhältnisse von Frauen und Männern: Vollzeit und Teilzeit, Wochenstunden und Beteiligung am Arbeitsmarkt. Wie(viel) Arbeitnehmer_innen in Deutschland arbeiten*:

Frau am Laptop schaut auf Armbanduhr

DGB/Ammentorp/123rf.com

Unter allen Beschäftigten in Deutschland stieg die Quote von Frauen seit Anfang der 90er Jahre um rund 5 Prozent an. Mehr als 4 von 10 Arbeitnehmenden waren 2014 weiblich (rund 41 Prozent, IAB). Die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt wächst. Gut so! Denn umso mehr Frauen in Betrieben und Verwaltungsstellen arbeiten, desto besser sind sie sichtbar - und umso unumgänglicher wird das Thema der Gleichstellung!

Aber... Frauen sind zwar häufiger berufstätig, doch sagt der Prozentsatz nichts darüber aus, wieviele Stunden sie in die Erwerbstätigkeit eingebunden sind. Es wird lediglich geklärt, dass sie Arbeitnehmerinnen sind, aber nicht, ob sie eine oder 55 Stunden pro Woche in die Abläufe integriert sind. In welchem Umfang arbeiten also Frauen (und Männer)?

 

IAB 2015, bearbeitet

 

Es wird deutlich: Obwohl sich die Erwerbsraten von Frauen und Männern angleichen, heißt das nicht, dass sie dieselbe Teilhabe am Arbeitsmarkt haben. Die Arbeitszeiten von Frauen und Männern unterscheiden sich stark - sie driften immer weiter auseinander und stagnieren seit rund 15 Jahren.

Männer in Vollzeit, Frauen in Teilzeit - ein veraltetes Modell?!

Die Zahl der Frauen in einem Beschäftigungsverhältnis stieg seit Beginn der 90er um rund ein Fünftel. 2011 waren schon 71 Prozent aller Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig (bei Männern: 81 Prozent, destatis). Das Arbeitsvolumen stieg jedoch nur um 4 Prozent. Für diese 4 Prozent stehen also deutlich mehr Frauen in der Erwerbswelt zur Verfügung. Die einzige Schlussfolgerung: Sie arbeiten in geringen Wochenstunden. Im Schnitt verbringen Frauen über 9 Stunden pro Woche weniger in ihrer Erwerbsarbeit als Männer - auch gennant: Gender Time Gap!

 

WSI GenderDatenPortal 2015

 

Während rund die Hälfte aller beschäftigten Frauen in Teilzeit arbeitet, beträgt diese Quote bei Männern nur rund 10 Prozent. Die genauen Prozentzahlen divergieren bei unterschiedlichen Studien (IAB, WSI, destatis) aufgrund der unterschiedlichen Auslegung, was "Teilzeit" in Wochenstunden bedeutet. 

Wieviele Frauen arbeiten (unfreiwillig) in Teilzeit?

Wenn rund 70 Prozent aller Frauen im erwerbsfähigen Alter beschäftigt sind, gehen demnach 17,7 Millionen Frauen einer Berufstätigkeit nach. Hiervon arbeiten nur 54 Prozent in Vollzeit, 46 Prozent in Teilzeit, also etwa 8,2 Millionen Frauen.

Ein großer Teil geht aus (vermeintlich) eigenem Wunsch dieser verringerten Wochenarbeitszeit nach. Doch 17 Prozent, also etwa 1,4 Millionen Frauen gelten als unterbeschäftigt: Sie würden gerne mehr arbeiten und stünden den Arbeitgebern und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Weniger arbeiten - ist doch toll?! Ursachen und Folgen des Gender Time Gap

Der erste Impuls verleitet womöglich zu fragenden Blicken: Warum ist weniger arbeiten so schlecht?

Hier ist wichtig, den Blick auf die gesamte Lebensdauer zu richten. Was ich heute "erwirtschafte", also auf mein Konto einzahle, hat viele Auswirkungen.

Fragen, die du dir für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit stellen solltest

Der Gender Time Gap beeinflusst

1. deine akute wirtschaftliche Unabhängigkeit: Kann ich mich momentan mit meinem Einkommen finanzieren?,

2. deine langfristige wirtschaftliche Unabhängigkeit: Kann ich mich auch über schlechtere Zeiten retten und z.B. sparen oder anderweitig vorsorgen?,

3. deine Existenzsicherung als Mutter: Kann ich gegebenenfalls mit meinem Einkommen auch ein Kind oder gar Kinder mitversorgen?,

4. deine Absicherung im Fall der Arbeitslosigkeit: Wenn ich jetzt weniger verdiene, bekomme ich auch geringere Lohnersatzleistungen. Reicht mir das im Fall der Fälle? und

5. deine Absicherung im Alter: Wenn ich jetzt und womöglich über Jahre hinweg in Teilzeit arbeite und weniger verdiene, sieht es bei der Rente nicht gerade rosig aus. Reicht mir das? Gehe ich das Risiko ein, im Alter in Armut zu leben?

6. deine Karriere: Traurig, aber wahr. In Teilzeit ist das Risiko groß bei der nächsten Beförderung übergangen zu werden. Ist es mir die geringere Stundenzahl wert? Auch hier gilt: Wir Gewerkschaften setzen uns vehement dafür ein, die Benachteiligung in Teilzeit ein für allemal abzuschaffen. Bis uns dies vollständig gelingt ist es wichtig, sich als Frau und als Teilzeitbeschäftigte/r sich der Risiken bewusst zu sein und sie gegebenenfalls anzusprechen und/oder mit deiner Gewerkschaft gemeinsam anzugehen!

Ursachen des Gender Time Gap

Einfach Vollzeit arbeiten! Wenn die Lösung so einfach wäre, würde der Gender Time Gap vermutlich auf einen Schlag schrumpfen. Woran liegt es also, dass Frauen mehr als 9 Stunden in der Woche weniger erwerbstätig sind als Männer?

Eine Antwort liegt schon in der Formulierung der Frage: Erwerbstätigkeit entspricht nicht der tatsächlichen Arbeitszeit vieler Frauen. Denn unbezahlte Arbeit ist hier nicht mit inbegriffen.

IAB 2015

Hier zeichnet sich eine klare Tendenz ab: Während Männer vorrangig teilzeitbeschäftigt sind, weil sie keine Vollzeitstelle finden können oder sich noch in Formen der Aus- und Weiterbildung befinden. Beides Aspekte, die sich meist zeitlich stark begrenzen und/oder sogar Aussicht auf Aufstieg bieten!

Frauen verkürzen ihre Arbeitszeit zum größten Teil familienbedingt. Sorge- und Pflegearbeit werden demnach immer noch vorrangig den Frauen zugeschrieben und somit veraltete Rollenbilder zementiert. Das ElterngeldPlus und eine verbesserte Betreuungs- und Pflegestruktur bieten hier Chancen auf mehr Gleichstellung!

* "arbeiten" gilt hier als Synonym für Erwerbstätigkeit. Dass Frauen wesentlich mehr unentgeltlich arbeiten, ist leider ein trauriger und dringend zu ändernder Zustand.

Weitere Informationen:

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Test: Bist du wirtschaftlich Unabhängig?

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