Deutscher Gewerkschaftsbund

Acht Vorsätze für 2019: So nimmst du deine wirtschaftliche Unabhängigkeit in die Hand

von Flora Antoniazzi und Laura Rauschnick

Vorsätze 2019

DGB/rawpixel/123rf.com

Jahreswechsel: Das vergangene Jahr nochmal Revue passieren lassen und sich viel für das neue Jahr vornehmen. Wir finden: All die „Mehr-Sport-Machen“ und „Gesünder-Kochen-Vorsätze“ kannst du auch getrost über den Haufen werfen. Stattdessen könntest du dich fragen: Was verdient die Frau (im neuen Jahr)? Klar: Wirtschaftliche Unabhängigkeit! Und die hat viele Facetten. Statistisch gesehen arbeiten Frauen häufiger in Berufen, die schlechter bezahlt werden als klassische „Männerberufe“ oder im Niedriglohnsektor zu finden sind. Außerdem steigen Frauen häufiger und länger aus dem Erwerbsleben aus als Männer oder reduzieren ihre Erwerbsarbeitszeit, beispielsweise für Kindererziehungszeiten oder für die Pflege von älteren Angehörigen. Die Folgen: Frauen verdienen auch 2019 noch fast ein Viertel weniger als Männer und haben signifikant schlechtere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen geschweige denn ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit langfristig zu sichern. Und einmal getroffene Entscheidungen haben Folgen. Damit du im neuen Jahr für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit eintreten kannst, haben wir acht Vorsätze für das kommende Jahr zusammengestellt, die dir dabei helfen, das Thema aus verschiedenen Perspektiven anzugehen!

1. Verschaffe dir einen Überblick

Du willst dich im neuen Jahr für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit stark machen – super! Damit das wirklich nachhaltig und langfristig gelingt, solltest du dir als erstes einen generellen Überblick über deine Rechte und Möglichkeiten, aber auch über die Stolpersteine verschaffen, auf die du im Laufe deines (Erwerbs-)Lebens stoßen kannst. In unserer Mediathek auf www.dein-sprungbrett.info findest du zu vielen Themen (z.B. zu Elterngeld, zum Sparen und Vorsorgen oder für Gehaltsverhandlungen) schon konkrete Tipps und Hinweise. Außerdem ist es hilfreich, dir einen genauen Überblick über deine Finanzen zu verschaffen, z.B. indem du alle deine Einnahmen und Ausgaben aufschreibst und ein paar Wochen lang ein Haushaltsbuch führst. Fang am besten gleich heute damit an!

2. Keine Angst vor dem Wort „Finanzen“!

Im Schnitt verdienen Frauen noch immer 21 % weniger als Männer und bekommen im Alter durchschnittlich nur halb so viel Rente. Diese Zahlen zeigen, dass gerade Frauen sich frühzeitig darüber informieren sollten, wie sie vorsorgen und sparen können. Das kann damit anfangen, dass du mit deinem_deiner Partner_in darüber nachdenkst, was gemeinsam getan werden kann, um sich vor finanzieller Abhängigkeit zu schützen (mehr zum Thema Partnerschaftlichkeit dann unter Punkt 6). Zudem solltest du dir einen Überblick verschaffen, welche Versicherungen und Absicherungen du schon hast – vielleicht gibt es einen Bausparvertrag, ein Sparkonto oder auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Vereinbare einen Termin bei der Verbraucherzentrale oder bei einem_einer unabhängigen Honorarberater_in (letztere werden von dir als Kundin selbst bezahlt und verdienen nicht an Provisionen). Sie informieren dich darüber, welche Finanzierungsmöglichkeiten zu dir passen könnten.

3. Sparen

Nachdem du dir einen Überblick über deine Einnahmen und Ausgaben verschafft hast, kannst du dir ein Budget erstellen (d.h. einen Teil deines monatlich zur Verfügung stehenden Einkommens), das direkt auf ein Sparkonto o.ä. überwiesen wird. Kennst du die 50-30-20-Regel? Sie kann dir helfen, deine Finanzen unter Kontrolle zu bekommen: 50 % des Einkommens geht für die Grundausgaben drauf: Die laufenden Ausgaben für Miete, Auto, Lebensmittel, Strom, Handy usw. Tipp: Viele Banken bieten das Zweitkonto kostenlos zum Girokonto an. Vielleicht legst du ein Konto an, auf das du diese 50 % am Anfang des Monats überweist. 30 % sind für persönliche Bedürfnisse gedacht: Essen gehen, Urlaub, Hobbys, Shopping, Ausgehen, Freizeitaktivitäten. 20 % sind zum Sparen oder zur Schuldentilgung: Denn bevor du mit sparen anfängst, ist es sinnvoll, zunächst vorhandene Schulden – etwa aus einem Studienkredit – zu begleichen. Wenn das geschafft ist, sorgt ein Dauerauftrag am Monatsanfang auf ein separates Spar- oder Tagesgeldkonto dafür, dass du dir z.B. den sogenannten Notgroschen ansparen kannst! Wenn dann deine Waschmaschine kaputtgeht, bist du für’s erste gewappnet. Außerdem: Ein Notgroschen kann in bestimmten Situationen auch ein „Fluchtgroschen“ werden, der dir jederzeit die Möglichkeit gibt, aus einer unangenehmen Situation zu „fliehen“. Das kann der ausbeuterische Job, aber auch eine Beziehung sein.

4. Gehalt

Im neuen Jahr steht dein Berufseinstieg an, deine Probezeit läuft aus, dein Vertrag wird verlängert oder du schließt eine Weiterbildung ab? Das alles sind gute Zeitpunkte, dein Gehalt neu zu verhandeln. Natürlich kannst du nicht direkt beeinflussen, wieviel dein Arbeitgeber für dich ausgeben kann oder will und auch nicht, wieviel Gehalt in deiner Branche typisch ist. Du solltest aber fordern, was dir zusteht, denn: Du bist es wert! Sprich daher mit deinen Kolleg_innen – du hast das Recht dazu, eine Verschwiegenheitsklausel ist z.B. nicht rechtens! Du kannst dich auch von deinem Betriebs- oder Personalrat beraten lassen, wie dein Gehalt im Unternehmensdurchschnitt ausfällt. Wenn du keinen Betriebs- oder Personalrat hast, kannst du Einstiegs- oder Durchschnittsgehälter auch online recherchieren, z.B. beim LohnSpiegel der Hans-Böckler-Stiftung, beim Gehaltsportal oder für Tariflöhne auf der Website http://oeffentlicher-dienst.info. Tipp: Wenn du Gewerkschaftsmitglied bist, kannst du dich auch direkt bei deiner Gewerkschaft über deine Gehaltsvorstellungen informieren!

Wenn es dann soweit ist, dass du dein Gehalt (neu) verhandeln kannst, steige auf jeden Fall mit deiner Maximalforderung ein! Welche Argumente du dir vorher überlegen solltest und wie du mit einer „Niederlage“ im Gehaltsgespräch umgehen kannst, erfährst du in unserem Webinar „Du bist es wert!“.

5. Denk an später!

Auch wenn sich das Thema Altersvorsorge für dich noch sehr weit weg anfühlt: Beschäftige dich lieber heute als morgen damit! Mit einer durchschnittlichen Rente von heute 685€ bilden Frauen in Deutschland die größte Risikogruppe für Altersarmut. Da die zu erwartenden Rentenzahlungen beständig sinken, ist nicht mehr garantiert, dass es im Alter reicht: Prognosen sagen, dass 2036 fast 30 % aller Frauen im Rentenalter von Altersarmut bedroht sein werden! Du solltest vor allem im Hinterkopf behalten, dass sich deine heutigen Entscheidungen (z.B. Kindererziehungszeiten, aber auch ein nicht sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis) auf deine Rente auswirken werden. Konkret heißt das: Je seltener bzw. kürzer du deine Erwerbstätigkeit unterbrichst und umso länger du in einem Job arbeitest, der sozialversicherungspflichtig ist, desto besser. Übrigens: Teilzeitarbeit muss nicht per se schlecht für die Rente sein, allerdings erwirtschaftest du in Teilzeit auch weniger Gehalt, was geringere Beiträge für die Rentenkasse und letztlich geringere Rentenbezüge bedeutet. Beantworte für dich also die folgenden Fragen: Was hast du schon? Was möchtest du im Alter zur Verfügung haben? Wie hoch ist der aktuelle Stand deiner zukünftigen gesetzlichen Rente? Und was hast du vielleicht schon privat für die Rente angespart? Bei den Beratungsstellen der deutschen Rentenversicherung bekommst du Infos über den aktuellen Stand deiner zukünftigen Rente. Eine zusätzliche private Vorsorge ist dabei durchaus sinnvoll – beraten lassen kannst du dich dazu z.B. bei den unabhängigen Verbraucherzentralen. Leider ist es nicht für jede_n möglich, privat vorzusorgen und vom monatlichen Einkommen einen Teil in private Vorsorge einzuzahlen. Wichtig ist aber immer, den für dich besten Mix aus den drei Säulen gesetzliche Rentenversicherung, privater Vorsorge und betrieblicher Vorsorge zu finden.

6. Partnerschaftlichkeit

Sprich heute mit deinem_deiner Partner_in über das Thema partnerschaftliche Arbeitsteilung und Vereinbarkeit. Das solltest du am besten schon so früh wie möglich in einer Beziehung tun, denn nur so lernst du die Vorstellungen des_der anderen kennen – sei es bei den Themen Putzen, Einkaufen oder Kindererziehung! Alle Bereiche, von der Erwerbs- über die Hausarbeit bis hin zur Freizeit und – wenn ihr Kinder habt – Kinderbetreuung können gerecht aufgeteilt werden. Zum Beispiel könnt ihr Aufgabenbereiche definieren und damit festlegen, wer „hauptverantwortlich“ für das Wäschewaschen oder den Geschirrspüler ist. Manche Aufgaben wie das Einkaufen lassen sich weniger klar aufteilen – letztlich geht es aber darum, eure Zeit (dazu gehört übrigens auch die Freizeit!) gerecht aufzuteilen. Das Wichtigste, um den Partnerschaftlichkeits-Vorsatz im neuen Jahr einhalten zu können: Immer wieder über Aufgabenteilung, Finanzen, Freizeit und auch Zweisamkeit reden und die für euch beste Lösung finden.

7. Spread the Word!

Du startest mit dem tollen Vorsatz ins neue Jahr, dich für deine wirtschaftliche Unabhängigkeit stark zu machen! Das ist schon mal der erste, super wichtige Schritt! Natürlich kann es erstmal ganz schön verwirrend sein, sich einen Überblick über Altersvorsorge, Elterngeld oder das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit zu verschaffen. Mit der Zeit kommt aber Licht ins Dunkel – in unserer Webinar-Mediathek bekommst du z.B. schon jede Menge hilfreiche Tipps und Tricks.

Außerdem gilt: Zusammen ist man weniger allein! Warum motivierst du nicht auch deine Freundinnen (und Freunde)? Da viele Frauen mit den gleichen Herausforderungen, Stolpersteinen und Entscheidungen konfrontiert sind, lohnt es sich, sie mit ins Boot zu holen. Wir sind immer wieder überrascht, wieviele Frauen nicht darüber Bescheid wissen, dass ein Mann eben doch keine Altersvorsorge ist und was es bedeutet, plötzlich auf sich alleine gestellt zu sein. Desto mehr Frauen wir allerdings mit dem Thema erreichen können, desto mehr verhindern wir, dass Frauen in eine Abhängigkeit geraten oder von Armut bedroht sind.

8. Mach dich stark und sei solidarisch!

Und einer der wichtigsten Vorsätze für das neue Jahr: Bilde Banden! Verbünde, vernetze und tausche dich (noch mehr) mit anderen Frauen aus! Triff deine Freundinnen häufiger, iss Mittag mit der netten Kollegin aus der anderen Abteilung und benennt auch Dinge wie Sexismus gemeinsam. Wenn eine Kollegin zum Beispiel gerade eine gute Idee vorstellt und unterbrochen wird, stärke ihr den Rücken: „Moment, lässt du sie bitte mal ausreden?“ oder stell Fragen wie „Katja, was meinst du?“. Möchte jemand anders die Lorbeeren ernten, stellt das richtig: „Ja genau, wie Frau Soundso gesagt hat!“. In dem tollen Buch „Feminist Fight Club“ von Jessica Bennett (Lesetipp!) gibt es die Regel: Wir bekämpfen das Patriarchat, nicht uns gegenseitig!

P.S.: Kennst du die „72-Stunden-Regel“?

Sie sagt: Alles, was man sich vornimmt, muss auch innerhalb von 72 Stunden beginnen, sonst sinkt die Chance, dass man das Projekt jemals umsetzt.

Also: Leg am besten gleich los, mach dich stark und nimm deine eigene wirtschaftliche Unabhängigkeit in die Hand!

 


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